Bis du dich erinnerst
Chapter 1 — Bis du dich erinnerst
Der Geruch von Rosen hing schwer in der Luft, vermischt mit dem beißenden Duft von Desinfektionsmittel. Ein ironischer Kontrast, dachte Tamara, während sie auf das blasse Gesicht des Mannes blickte, der einst ihr Ein und Alles gewesen war. Gustav. Fünf Jahre waren vergangen, seit sie ihn das letzte Mal gesehen hatte, und nun lag er hier, angeschlossen an Maschinen, in einem sterilen Krankenhauszimmer in München.
Fünf Jahre, die sich wie eine Ewigkeit anfühlten. Fünf Jahre, in denen sie versucht hatte, ihn zu vergessen. Zu verdrängen, wie seine grünen Augen sie immer angesehen hatten, voller Zärtlichkeit und Versprechen. Versprechen, die er gebrochen hatte.
Sie strich ihm eine dunkle Strähne aus der Stirn. Sein Haar war dünner geworden, sein Gesicht eingefallen. Die Narbe an seiner Schläfe, das Ergebnis eines Motorradunfalls vor ein paar Jahren, war deutlicher zu sehen. Hatte er Schmerzen? Konnte er sie überhaupt hören?
»Max?«, flüsterte sie, ihre Stimme brüchig. Keine Reaktion. Nur das monotone Piepen der Maschinen, die seinen Herzschlag überwachten. Sie zog ihre Hand zurück, als hätte sie sich verbrannt. Warum war sie überhaupt hier? Seine Mutter hatte sie angerufen, flehend, dass sie kommen sollte. »Er spricht deinen Namen«, hatte die alte Frau gesagt, ihre Stimme von Tränen erstickt. »Bitte, Tamara, komm. Vielleicht wacht er auf, wenn du da bist.«
Tamara hatte gezögert. Gehadert. Sich gefragt, ob sie das wirklich tun konnte. Ihn wiedersehen. All die Erinnerungen wieder hochkommen lassen. Aber am Ende hatte die Neugier, oder vielleicht doch so etwas wie Hoffnung, gesiegt. Sie war von Berlin nach München gefahren, ohne zu wissen, was sie erwarten würde.
Sie kannte Gustav seit ihrer Kindheit. Ihre Familien waren befreundet, hatten zusammen Urlaube in den Alpen verbracht, Weihnachtsmärkte besucht. Sie waren unzertrennlich gewesen, beste Freunde, Seelenverwandte. Dann, mit sechzehn, war es passiert. Ein Kuss unter einem Sternenhimmel, der alles verändert hatte. Aus Freundschaft wurde Liebe, eine tiefe, alles verzehrende Liebe, die ihnen für immer gehörte. So dachten sie zumindest.
Sie hatten zusammen studiert, Jura in Heidelberg. Hatten Pläne geschmiedet, eine Familie zu gründen, die Welt zu bereisen. Alles schien perfekt. Bis zu diesem einen Tag. Dem Tag, an dem Gustav sie verlassen hatte. Ohne Erklärung. Ohne Abschied. Einfach weg. Wie ein Dieb in der Nacht.
Tamara hatte Wochen damit verbracht, ihn zu suchen, seine Freunde zu kontaktieren, seine Familie zu befragen. Niemand wusste, wo er war. Niemand wollte es ihr sagen. Sie war am Boden zerstört. Verzweifelt. Sie hatte ihr Studium abgebrochen, war nach Berlin gezogen und hatte versucht, ein neues Leben zu beginnen. Ein Leben ohne ihn.
Es war schwer gewesen. Sehr schwer. Aber sie hatte es geschafft. Sie hatte einen Job gefunden, eine Wohnung, neue Freunde. Sie hatte sich ein neues Leben aufgebaut. Ein Leben, das sie mochte. Ein Leben, in dem kein Platz mehr für Gustav war.
Und jetzt stand sie hier, an seinem Krankenbett, und alles, was sie so sorgfältig aufgebaut hatte, drohte einzustürzen. All die Gefühle, die sie so lange verdrängt hatte, waren wieder da. Die Liebe, der Schmerz, die Wut. Alles vermischte sich zu einem unerträglichen Cocktail.
Sie sah sich in dem Zimmer um. Ein Blumenstrauß auf dem Nachttisch, eine Bibel auf dem Fensterbrett, ein Foto von Gustav als Kind. Er hatte sich kaum verändert. Nur die Unschuld war aus seinem Gesicht verschwunden.
Plötzlich bewegte er sich. Seine Augenlider zuckten. Tamara hielt den Atem an. War er wach? Würde er sie erkennen?
Seine Augen öffneten sich langsam. Sie waren trüb, leer. Er blinzelte mehrmals, als versuchte er, sich zu orientieren. Dann fixierte er sie. Ein schwaches Lächeln huschte über seine Lippen.
»Tamara?«, hauchte er, seine Stimme kratzig. Sie nickte, unfähig zu sprechen. Tränen liefen ihr über die Wangen.
»Du bist hier?«, fragte er, seine Augen voller Verwirrung. »Was ist passiert?«
»Du hattest einen Unfall«, sagte sie, ihre Stimme zitternd. »Du bist im Krankenhaus.«
Er runzelte die Stirn. »Ein Unfall? Ich erinnere mich nicht…« Er schloss die Augen, atmete tief durch. »Was ist das für ein Jahr?«
Tamara zögerte. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie konnte ihm doch nicht die Wahrheit sagen. Nicht jetzt. Nicht so.
»Es ist… 2018«, log sie. Sie beobachtete sein Gesicht. Keine Reaktion. Er glaubte ihr.
»2018…«, wiederholte er, seine Augen geschlossen. »Das ist… bevor ich…« Er brach ab, schien nach den richtigen Worten zu suchen. »Bevor ich gegangen bin.«
Ein Schauer lief Tamara über den Rücken. Er erinnerte sich nicht an die letzten fünf Jahre. Er erinnerte sich nicht daran, dass er sie verlassen hatte. Er glaubte, es sei noch 2018. Er glaubte, sie wären noch zusammen.
Was sollte sie tun? Sollte sie ihm die Wahrheit sagen? Oder sollte sie ihn in dem Glauben lassen, dass alles noch so war wie früher? War das eine zweite Chance? Eine Chance, alles noch einmal richtig zu machen? Oder war es nur eine weitere Lüge, die sie beide zerstören würde?
Bevor sie sich entscheiden konnte, öffnete sich die Tür. Eine junge Frau, etwa in ihrem Alter, kam herein. Sie war blond, hübsch und trug einen weißen Kittel. Eine Ärztin, vermutlich.
Sie lächelte Gustav an. »Guten Morgen, Schatz«, sagte sie, ihre Stimme sanft. »Wie fühlst du dich heute?«
Gustav sah sie verwirrt an. »Schatz?«, fragte er. »Wer bist du?«
Die Ärztin lachte leise. »Du machst wohl Witze, Liebling. Ich bin doch deine Frau, Anna.«
Tamaras Herz setzte für einen Moment aus. Seine Frau? Anna? Was zum Teufel ging hier vor?