Architektur der Lügen
Chapter 1 — Architektur der Lügen
Der erste Blick war ein Diebstahl. Ein flüchtiger Moment, gestohlen inmitten des Gedränges vor der Elbphilharmonie, und doch brannte er sich unauslöschlich in meine Erinnerung ein. Seine Augen, so dunkel wie die stürmische Nordsee, fixierten mich für einen Augenblick, bevor er sich abwandte, als hätte er etwas Verbotenes getan.
Ich hasste ihn. Oder zumindest versuchte ich es. Christian Stein war der Inbegriff all dessen, was ich verachtete: arrogant, privilegiert und unglaublich talentiert. Er war der Stararchitekt, der Shootingstar, der Mann, dessen Name in aller Munde war, seit er den Wettbewerb für die Erweiterung des Hamburger Museums für Moderne Kunst gewonnen hatte – einen Wettbewerb, für den ich mein Herzblut gegeben hatte.
»Marie, träumst du schon wieder?«, riss mich Sophies Stimme aus meinen Gedanken. Sie stupste mich mit dem Ellbogen an. »Die Präsentation beginnt in fünf Minuten. Und vergiss nicht, Stein sitzt in der ersten Reihe.«
Ich atmete tief durch. Sophie Krämer, meine beste Freundin und Kollegin, kannte mich besser als jeder andere. Sie wusste um meine Besessenheit von Architektur, meine Träume von eigenen Projekten und meine unbändige Wut auf Christian Stein. »Ich werde professionell sein«, versprach ich, obwohl ich wusste, dass es eine Lüge war. Allein der Gedanke, ihm in die Augen sehen zu müssen, ließ meinen Puls schneller schlagen.
Unser kleines Architekturbüro, geleitet von dem wunderbar exzentrischen Professor Dr. Eberhardt, hatte sich auf die Restaurierung historischer Gebäude spezialisiert. Heute präsentierten wir unsere Arbeit an einem alten Speichergebäude in der Speicherstadt – ein Projekt, das mir sehr am Herzen lag. Die Bewahrung von Geschichte und Tradition war meine Leidenschaft. Stein hingegen stand für den modernen, oft seelenlosen Neubau, der in Hamburg immer mehr um sich griff.
Als ich die Bühne betrat, sah ich ihn sofort. Christian Stein saß lässig in seinem Stuhl, die langen Beine übereinandergeschlagen, das dunkle Haar perfekt gestylt. Sein Blick war kühl, abwartend. Ich spürte, wie meine Hände feucht wurden.
Ich begann meine Präsentation, versuchte, meine Nervosität zu verbergen. Doch mit jedem Satz, den ich sprach, spürte ich Albrechts bohrenden Blick. Er schien jede meiner Bewegungen, jede meiner Betonungen zu analysieren. Es war, als würde er mich auseinandernehmen, Schicht für Schicht.
Nach der Präsentation, während des Frage-und-Antwort-Teils, meldete er sich zu Wort. Seine Stimme war tief und rau, mit einem leichten, kaum wahrnehmbaren Hamburger Akzent. »Frau Albrecht«, begann er, und allein die Art, wie er meinen Namen aussprach, ließ eine Gänsehaut über meinen Rücken laufen, »Ihre Arbeit ist zweifellos detailreich und sorgfältig ausgeführt. Aber fehlt es ihr nicht an Vision? An dem Mut, etwas Neues zu wagen?«
Ich spürte, wie das Blut in meinen Adern kochte. »Vision entsteht nicht durch das Zerstören von Vergangenem, Herr Stein«, erwiderte ich, meine Stimme fester als beabsichtigt. »Sie entsteht durch das Verständnis und die Wertschätzung dessen, was war.«
Ein Raunen ging durch den Raum. Ich hatte ihn herausgefordert. Direkt vor allen. Christian Albrechts Mundwinkel zuckten leicht nach oben. »Interessant«, sagte er. »Wir werden sehen, ob Ihre Prinzipien Sie weiterbringen.«
Nach der Veranstaltung drängte Sophie mich, mit ihr etwas trinken zu gehen, um mich abzulenken. Aber ich brauchte frische Luft. Ich verabschiedete mich und ging ziellos durch die dunklen Gassen der Speicherstadt. Die alten Backsteingebäude wirkten wie stumme Zeugen unserer Auseinandersetzung.
Plötzlich hörte ich Schritte hinter mir. Ich drehte mich um und sah Christian Stein. Er kam langsam auf mich zu, die Hände in den Hosentaschen vergraben. »Frau Albrecht«, sagte er, als er vor mir stehen blieb. »Ich muss Ihnen etwas gestehen.«
Mein Herzschlag beschleunigte sich. Ich versuchte, meine Nervosität zu verbergen. »Was gibt es zu gestehen, Herr Stein?«
Er beugte sich leicht vor, sein Gesicht nur wenige Zentimeter von meinem entfernt. Seine Augen funkelten im schwachen Licht der Straßenlaterne. »Ich habe gelogen«, flüsterte er. »Ihre Arbeit ist nicht nur detailreich. Sie ist… inspirierend.«
Bevor ich etwas erwidern konnte, legte er seine Hand an meine Wange. Seine Berührung war unerwartet sanft, fast zärtlich. Und dann küsste er mich. Nicht leidenschaftlich oder fordernd, sondern sanft und vorsichtig, als würde er ein kostbares Gut berühren.
Ich hätte ihn wegschubsen sollen. Ihn ohrfeigen. Ihm sagen, dass ich ihn hasse. Aber ich tat nichts von alledem. Ich erwiderte den Kuss. Und in diesem Moment, inmitten der dunklen Gassen der Speicherstadt, wusste ich, dass ich in großen Schwierigkeiten steckte.
Als er sich löste, war sein Blick ernst. »Ich brauche Ihre Hilfe, Marie«, sagte er. »Und ich weiß, dass Sie mich hassen werden, wenn Sie hören, worum es geht.«