Ohne Ausweg
Chapter 1 — Ohne Ausweg
Das Klicken des Verschlusses war das Einzige, was die Stille durchbrach. Ich presste die Lippen aufeinander, unfähig, einen Laut von mir zu geben. Die eisige Mündung der Pistole bohrte sich tiefer in meine Schläfe, ein kaltes Versprechen des Todes.
„Du weißt, warum du hier bist, Nele Schwarz“, zischte die Stimme hinter mir. Rau, bedrohlich, und doch, in den tiefsten Registern, eine dunkle Melodie, die mir eine unheimliche Gänsehaut bereitete. Ich schluckte schwer. Natürlich wusste ich es. Mein Vater hatte Schulden. Hohe Schulden. Bei Andreas Conrad.
Andreas Conrad. Der Name allein war in Hamburg ein Fluch. Ein Phantom, gehüllt in Seide und Gewalt. Er war der Conrad der Reeperbahn, der Strippenzieher im Schatten, dessen Einfluss sich bis in die höchsten Kreise erstreckte. Und jetzt wollte er mich. Als Bezahlung.
Ich war 22, Journalistikstudentin, mit großen Träumen von investigativem Journalismus und dem Aufdecken von Ungerechtigkeiten. Nun stand ich hier, in einem heruntergekommenen Lagerhaus am Hafen, dem sicheren Tod näher als meinem Studienabschluss. Der salzige Geruch des Meeres vermischte sich mit dem beißenden Gestank von Diesel und Verzweiflung.
„Mein Vater… er wird zahlen“, stammelte ich, meine Stimme zitterte. Ich hasste es, diese Schwäche zu zeigen, aber die Angst war erdrückend. Sie lähmte mich, schnürte mir die Kehle zu.
Ein kurzes, trockenes Lachen. „Dein Vater hat seine Chance gehabt. Er hat sie verspielt. Jetzt bist du an der Reihe.“
Ich schloss die Augen. Bilder meiner Mutter, meiner kleinen Schwester flackerten vor meinem inneren Auge. Ich durfte nicht sterben. Nicht jetzt. Nicht so.
„Was… was wollen Sie von mir?“, fragte ich, die Stimme kaum mehr als ein Flüstern.
„Das ist ganz einfach, Nele Schwarz“, antwortete Andreas Conrad, und zum ersten Mal spürte ich seinen Atem an meinem Ohr. Kalt, wie ein eisiger Winterwind. „Du wirst meine Frau.“
Ich riss die Augen auf. Seine Frau? Das war… absurd. Ich hatte noch nie einen Fuß in diese Welt gesetzt. Ich kannte ihn nicht. Ich verachtete alles, wofür er stand. Aber die Pistole an meiner Schläfe war eine überzeugende Verhandlungsgrundlage.
„Sie sind verrückt“, hauchte ich.
„Vielleicht“, erwiderte er. „Aber ich bin auch ein Mann, der bekommt, was er will. Und ich will dich. Vom Moment an, als ich dein Foto gesehen habe, wusste ich, dass du mir gehörst.“
Der Druck der Pistole verstärkte sich. Ich spürte, wie das kalte Metall in meine Haut schnitt. Ich hatte keine Wahl. Ich musste zustimmen. Zumindest für den Moment. Um zu überleben.
„Gut“, sagte ich. Die Worte schmeckten bitter auf meiner Zunge. „Ich werde deine Frau.“
Ein leises Knurren der Zufriedenheit entfuhr ihm. Die Pistole wurde weggezogen. Ich wagte es, mich umzudrehen. Andreas Conrad stand vor mir. Dunkelhaarig, mit stechend blauen Augen, die mich durchbohrten. Er war noch jünger, als ich erwartet hatte, vielleicht Mitte dreißig. Und er war… atemberaubend schön. Eine gefährliche, dunkle Schönheit, die mich gleichzeitig anzog und abstieß.
Er lächelte. Ein Lächeln, das keine Wärme enthielt. Ein Lächeln, das Versprechungen und Drohungen in sich barg. „Willkommen in meiner Welt, Nele. Es wird… interessant werden.“
Er beugte sich vor und nahm eine Strähne meines Haares zwischen die Finger. Dann flüsterte er: „Pack deine Sachen. Wir fliegen morgen nach Sylt. Ich mag keine Aufschübe.“
Und dann, wie aus dem Nichts, tauchte ein bulliger Mann im Anzug auf und reichte Andreas eine blutrote Rose. Er nahm sie entgegen und hielt sie mir hin. „Für meine zukünftige Braut.“
Ich nahm die Rose entgegen. Ihre Dornen stachen in meine Hand. Ein Vorgeschmack auf das, was kommen würde. Als ich in seine Augen sah, sah ich die Zukunft vor mir. Dunkel und gefährlich. Und unaufhaltsam.
Am nächsten Morgen wachte ich in meinem Bett auf. Die blutrote Rose lag auf meinem Nachttisch, ihre Dornen blutbefleckt. War alles nur ein böser Traum gewesen? Ich griff nach meinem Handy und öffnete meine Nachrichten. Eine neue Nachricht von einer unbekannten Nummer: „Ich liebe Überraschungen. Zieh dich warm an, Liebling. Sylt wartet.“ Ein Foto war angehängt. Ein Foto von mir, wie ich in meinem Bett lag, friedlich schlafend. Aufgenommen durch das Fenster von draußen. Ich war nicht sicher, was mehr Angst machte: die Tatsache, dass er mich beobachtet hatte, oder die Erkenntnis, dass ich keine Ahnung hatte, wie tief ich bereits in seinem Netz gefangen war. Und dann klingelte es an der Tür. Vor meiner Wohnungstür standen zwei Männer in schwarzen Anzügen, mit Sonnenbrillen, obwohl es noch dunkel war. „Im Auftrag von Herrn Conrad“, sagte der eine. „Wir sind hier, um Sie abzuholen.“