Der Verlobte meiner Cousine
Chapter 1 — Der Verlobte meiner Cousine
Der erste Schluck Champagner brannte wie ein Versprechen auf meiner Zunge, ein Versprechen, das ich nicht brechen durfte. Das Glas zitterte leicht in meiner Hand, während ich meinen Blick über die glitzernde Skyline von München schweifen ließ. Die Party auf dem Dach des Lenbach Palais war in vollem Gange, ein dekadentes Fest der Münchner Schickeria, bei dem jeder jeden kannte – oder zumindest vorgab, es zu tun.
Ich, Emilia Schreiber, stand am Rande des Geschehens, ein stiller Beobachter in einem sündhaft teuren Kleid, das mir meine Mutter aufgenötigt hatte. „Es ist wichtig, dass du einen guten Eindruck machst, Emilia. Denk an die Familie!“ Ihre Worte hallten in meinem Kopf wider, ein ständiger Refrain in meinem von Pflichtgefühlen erstickten Leben. Mein Vater, der Chef der Schreiber AG, erwartete, dass ich meinen Platz in der Firma einnehmen würde, heiraten, Kinder bekommen, das ganze Programm. Aber mein Herz schlug für etwas anderes, etwas Verbotenes.
Ein Raunen ging durch die Menge, als Noah von Hammerschmidt den Raum betrat. Er war der Inbegriff des Münchner Adels, steinreich, unverschämt gutaussehend und skandalös. Seine Familie besaß die Hälfte der Stadt, so schien es, und er trug diese Macht wie eine selbstverständliche Selbstverständlichkeit. Seine dunklen Augen fixierten mich für einen Moment, ein Hauch von Belustigung spielte um seine Lippen, bevor er sich in das Getümmel stürzte. Ich versuchte, den Blick abzuwenden, aber es war, als ob er mich mit unsichtbaren Fäden fesselte.
Ich kannte Noah schon mein ganzes Leben. Unsere Familien waren seit Generationen miteinander verbunden, durch Geschäfte, gesellschaftliche Verpflichtungen und unausgesprochene Erwartungen. Aber es gab auch eine andere Verbindung, eine dunkle, gefährliche Anziehungskraft, die zwischen uns schwebte, seit wir Teenager waren. Eine Anziehungskraft, die wir beide eisern unterdrückten, denn eine Beziehung zwischen uns war unmöglich. Er war verlobt. Mit meiner Cousine, Charlotte.
Ein Kellner balancierte ein Tablett mit Canapés an mir vorbei. Ich nahm mir achtlos eines und führte es zum Mund. Der salzige Geschmack des Kaviars schmeckte nach Asche. Ich hasste diese Partys. Ich hasste diese Erwartungen. Ich hasste es, dass mein Leben vorgezeichnet war, ohne Raum für meine eigenen Wünsche.
„Langweilst du dich, Emilia?“ Die tiefe Stimme ließ mich zusammenzucken. Noah stand plötzlich neben mir, seine Augen funkelten im Licht der Stadt. Er trug einen perfekt sitzenden Smoking, der seine breiten Schultern betonte. Sein Duft, eine Mischung aus teurem Aftershave und etwas animalisch Männlichem, umhüllte mich wie eine warme Decke.
„Nicht im Geringsten“, log ich, und versuchte, meine Nervosität zu überspielen. „Ich genieße einfach die Aussicht.“
Er lachte leise, ein raues Geräusch, das mir eine Gänsehaut über den Rücken jagte. „Natürlich tust du das. Die Aussicht ist in der Tat atemberaubend. Aber ich glaube, wir beide wissen, dass es hier nicht um die Aussicht geht.“
Sein Blick wanderte über mein Gesicht, verweilte auf meinen Lippen. Ich spürte, wie mein Herz schneller schlug, wie mein Atem stockte. Ich durfte ihm nicht in die Augen sehen. Ich durfte mich nicht von ihm berühren lassen. Ich durfte nicht zulassen, dass er merkte, wie sehr ich ihn begehrte. Aber es war zu spät. Er wusste es bereits.
„Du solltest vorsichtig sein, Noah“, sagte ich leise, meine Stimme zitterte leicht. „Charlotte könnte uns sehen.“
Er zuckte mit den Schultern, eine nonšalante Geste, die ihn noch gefährlicher machte. „Charlotte ist mit ihren Freundinnen beschäftigt. Und selbst wenn sie uns sehen würde, was würde das schon ändern? Wir sind schließlich alte Freunde.“
„Wir sind mehr als alte Freunde, und das weißt du“, erwiderte ich. Das „mehr“ hing unausgesprochen in der Luft. Ein Eingeständnis. Eine Herausforderung.
Er kam noch näher, so nah, dass ich seinen Atem auf meiner Haut spüren konnte. „Und was, wenn ich will, dass sich das ändert, Emilia? Was, wenn ich genug davon habe, so zu tun, als ob nichts zwischen uns wäre?“
Ich schluckte schwer. „Das darf nicht sein, Noah. Das kann nicht sein. Denk an Charlotte. Denk an unsere Familien.“
„Ich denke nur an dich“, flüsterte er, seine Lippen nur Zentimeter von meinen entfernt. „Ich denke schon so lange nur an dich.“
In diesem Moment, als ich kurz davor war, mich seiner Anziehungskraft hinzugeben, als ich bereit war, alle Konsequenzen zu vergessen, hörten wir eine Stimme hinter uns.
„Noah, da bist du ja! Ich habe dich überall gesucht.“
Charlotte kam auf uns zu, strahlend schön in einem roten Abendkleid, ihre blonden Haare perfekt gestylt. Sie legte ihren Arm um Erwartungens Taille und lächelte mich freundlich an. „Emilia, wie schön dich zu sehen! Ich hoffe, du amüsierst dich.“
Ich zwang mir ein Lächeln ab. „Ja, danke, Charlotte. Ich amüsiere mich prächtig.“ Innerlich fühlte ich mich, als würde ich ertrinken.
Noah löste sich sanft aus Charlottes Griff. „Wir haben uns nur kurz unterhalten, Liebling. Emilia hat mir gerade von ihren Plänen für die Zukunft erzählt.“
Charlotte sah mich erwartungsvoll an. „Oh, erzähl schon! Was hast du vor, Emilia? Hast du dich endlich entschieden, in die Firma einzusteigen?“
Ich nickte, unfähig, ein weiteres Wort herauszubringen. Die Lüge brannte auf meiner Zunge wie Gift.
„Großartig!“, rief Charlotte begeistert. „Dann können wir ja bald zusammenarbeiten. Das wird bestimmt lustig!“
Ich nickte erneut, unfähig, ihren Blick zu erwidern. Ich spürte Erwartungens Augen auf mir, eine Mischung aus Mitleid und Herausforderung.
Die nächsten Stunden verbrachte ich damit, mich mit Charlotte zu unterhalten, über belanglose Dinge, über Kleider, Schmuck und die neuesten Klatschgeschichten. Noah hielt sich im Hintergrund, beobachtete mich mit einem unergründlichen Blick. Ich fühlte mich wie ein Tier im Käfig, gefangen zwischen meiner Pflicht und meinem Verlangen.
Als die Party sich dem Ende zuneigte, nutzte ich einen günstigen Moment, um mich zu verabschieden. Ich sagte Charlotte, dass ich müde sei und früh nach Hause gehen müsse. Sie schien nicht überrascht. Sie war es gewohnt, dass ich mich zurückzog.
Ich ging zum Ausgang, bereit, in die kühle Nachtluft zu fliehen. Aber bevor ich die Tür erreichte, spürte ich eine Hand auf meinem Arm.
„Emilia, warte.“
Es war Noah. Sein Blick war ernst, seine Augen voller unausgesprochener Worte.
„Wir müssen reden“, sagte er leise, seine Stimme rau. „Ich kann das nicht länger ertragen.“
„Es gibt nichts zu reden, Noah“, erwiderte ich, versuchte, meine Stimme fest klingen zu lassen. „Es ist vorbei. Vergiss, was heute Abend passiert ist.“
Er schüttelte den Kopf. „Es ist nicht vorbei, Emilia. Es hat gerade erst angefangen. Und ich werde nicht zulassen, dass du wegläufst.“
Er zog mich näher an sich, seine Lippen suchten meine. Ich versuchte, mich zu wehren, aber es war zwecklos. Seine Berührung war zu stark, meine Sehnsucht zu groß. Ich erwiderte den Kuss, gab mich der verbotenen Leidenschaft hin, die zwischen uns tobte.
Der Kuss war kurz, aber intensiv, ein Versprechen von mehr. Als er sich löste, atmete ich schwer, meine Lippen brannten.
„Ich werde dich finden, Emilia“, flüsterte er, seine Augen funkelten gefährlich. „Egal, wo du dich versteckst.“
Ich rannte aus dem Lenbach Palais, die Worte hallten in meinem Kopf wider. Ich wusste, dass er es ernst meinte. Ich wusste, dass mein Leben sich für immer verändern würde. Aber ich wusste auch, dass ich ihn nicht aufhalten konnte.
Zuhause angekommen, erwartete mich eine Nachricht von einer unbekannten Nummer. Mein Herz setzte für einen Schlag aus. Langsam öffnete ich sie. Der Text bestand aus nur einem einzigen, erschreckenden Wort: »Bald«.