Farben des Verrats

Chapter 1 — Farben des Verrats

Der Champagner prickelte kaum auf meiner Zunge, so taub war ich vor Angst. Dabei sollte es der schönste Abend meines Lebens sein: meine Vernissage in der renommierten Galerie Winter in München. Doch jede flüchtige Berührung, jedes aufrichtige Kompliment fühlte sich an wie ein Verrat.

Ich bin nicht Emilia Schreiber, die gefeierte junge Künstlerin, deren abstrakte Gemälde heute Abend für horrende Summen verkauft werden. Ich bin Stefanie Kaiser, eine Kellnerin aus Berlin-Kreuzberg, die vor sechs Monaten ein Gemälde gefunden hat – ein Meisterwerk, das sie als ihr eigenes ausgeben musste, um ihre Familie zu retten.

»Emilia, Liebling, du strahlst ja!«, hauchte Frau Winter, die Galeristin, und legte mir eine schwere Hand auf den Arm. Ihre Augen funkelten, nicht nur vom Champagner. Sie roch förmlich den Erfolg, das Geld, das sie mit *meiner* Kunst verdiente. Ich zwang mich zu einem Lächeln. »Danke, Frau Winter. Ohne Sie wäre das alles nicht möglich gewesen.« Eine dreiste Lüge, die mir die Kehle zuschnürte.

Die Menge verschwamm zu einem Meer aus teuren Anzügen und aufgesetzten Lächeln. Ich suchte nach einem bekannten Gesicht, einem Anker in dieser surrealen Welt. Da war Jan. Mein Jan. Er stand am Rande der Menge, ein Glas Rotwein in der Hand, und beobachtete mich. Seine grünen Augen, die sonst so voller Wärme waren, wirkten heute distanziert, fast kühl.

Er hatte mich vor einem Jahr in einem kleinen Café in Berlin kennengelernt, bevor ich Emilia Schreiber wurde. Er liebte Stefanie, das Mädchen mit den Farbflecken unter den Fingernägeln und den wilden Träumen. Was würde er sagen, wenn er wüsste, dass Emilia nur eine Maske ist? Dass ich ihn all die Zeit belogen habe?

Ich löste mich von Frau Winter und bahnte mir einen Weg zu ihm. »Jan«, sagte ich, und meine Stimme zitterte leicht. »Ich muss mit dir reden.«

Er nahm einen Schluck Wein, ohne mich anzusehen. »Später, Stefanie. Hier ist nicht der richtige Ort.« Stefanie? Er hatte mich seit Monaten Emilia genannt. Warum jetzt Stefanie?

Er blickte auf, und seine Augen waren plötzlich eiskalt. »Ich weiß, wer du wirklich bist, Stefanie Kaiser. Und ich weiß auch, wo das echte Gemälde ist.«