Das Testament der Liebe
Chapter 1 — Das Testament der Liebe
Das Feuer knisterte unheilvoll im Kamin, warf tanzende Schatten an die holzgetäfelten Wände des alten Forsthauses und spiegelte sich in ihren eisblauen Augen. Zehn Jahre. Zehn Jahre waren vergangen, seit sie diesen Ort das letzte Mal betreten hatte, seit er ihr Herz in tausend Stücke zerbrochen hatte.
Luisa Kessler umklammerte fester die Tasse mit dem heißen Kakao, dessen Duft kaum die stickige Luft von vergangenem Leid und verdrängten Tränen überdecken konnte. Sie hatte geschworen, nie wieder einen Fuß in dieses Haus zu setzen, doch das Testament ihres Großvaters hatte sie gezwungen. „Das Forsthaus am See soll in Luisas Besitz übergehen, vorausgesetzt, sie verbringt mindestens einen Monat dort.“ Das stand wortwörtlich in dem vergilbten Papier. Ein letzter, perfider Streich des alten Mannes, der schon zu Lebzeiten Freude daran gehabt hatte, Luisa und Adrian zu quälen.
Adrian. Allein der Name löste in ihr ein unkontrollierbares Beben aus. Adrian von Essen. Ihre Jugendliebe. Ihr größter Schmerz. Ihr ehemaliger Ehemann. Sie schloss die Augen und sah ihn vor sich: das dunkle Haar, das ihm immer in die Stirn fiel, die smaragdgrünen Augen, die sie einst so bedingungslos geliebt hatte, das sinnliche Lächeln, das ihr Herz schneller schlagen ließ. Ein Lächeln, das er nur für sie hatte – einst. Jetzt gehörte dieses Lächeln einer anderen. Das wusste Luisa, und es schmerzte noch immer. Wie eine offene Wunde, die nie richtig verheilt war.
Sie hatte versucht, ihn zu vergessen. War nach Berlin gezogen, hatte sich in der Startup-Szene einen Namen gemacht, hatte Affären gehabt, die so kurzlebig waren wie ein Sommergewitter. Doch niemand konnte Adrian ersetzen. Niemand verstand sie so gut wie er. Niemand konnte sie so sehr zum Lachen bringen. Und niemand hatte sie so tief verletzt.
Das Forsthaus war seit ihrer Kindheit ein Zufluchtsort gewesen. Hier hatte sie mit ihren Eltern und Großeltern unbeschwerte Sommer verbracht, hatte im See gebadet, im Wald Pilze gesammelt und am Lagerfeuer gesungen. Hier hatte sie auch Adrian kennengelernt, als sie beide noch Teenager waren. Ihre Liebe war wie ein ungestümer Fluss gewesen, der alles mit sich riss. Sie hatten sich geschworen, für immer zusammenzubleiben. Doch das Leben hatte andere Pläne gehabt.
Die Ehe mit Adrian war ein einziger Albtraum gewesen. Intrigen, Lügen, Eifersucht. Seine Familie hatte sie von Anfang an gehasst, sie als nicht standesgemäß angesehen. Luisa war ein Mädchen vom Lande, Adrian ein Spross einer alten Adelsfamilie. Der Druck war unerträglich gewesen. Und dann war da noch Isabelle gewesen. Die schöne, elegante Isabelle de Valois, Jahrens Jugendfreundin, die immer im Hintergrund lauerte. Isabelle, die alles verkörperte, was Luisa nicht war.
Nach nur einem Jahr war die Ehe gescheitert. Luisa hatte Adrian verlassen, war Hals über Kopf geflohen, hatte alles hinter sich gelassen. Sie hatte geglaubt, sie würde nie wieder zurückkehren. Doch nun saß sie hier, in dem Haus, das einst ihr Zuhause gewesen war, gezwungen, sich ihrer Vergangenheit zu stellen.
Ein Knacken ließ Luisa zusammenzucken. Sie lauschte angestrengt. War sie allein im Haus? Sie hatte geglaubt, der Hausmeister, Herr Schmidt, würde erst morgen kommen, um nach dem Rechten zu sehen. Sie stellte die Tasse ab und stand auf. Vorsichtig schlich sie durch den dunklen Flur, die Hand fest um eine schwere Messingkerze gekrallt. Das Knacken kam wieder, diesmal lauter, näher. Es kam aus dem Salon.
Luisa atmete tief durch und öffnete die Tür. Das Feuer im Kamin war fast erloschen, nur noch schwache Glut glimmte. Und dann sah sie ihn. Er stand am Fenster, den Rücken zu ihr gewandt, die Hände in den Hosentaschen vergraben. Die Silhouette war unverkennbar. Breit, muskulös, männlich. Adrian. Ihr Herz setzte einen Schlag aus.
Er drehte sich langsam um. Seine smaragdgrünen Augen funkelten im schwachen Licht. „Luisa“, sagte er leise, seine Stimme rau und tief. „Was machst du hier?“
Sie brachte kaum ein Wort heraus. „Ich… ich habe das Haus geerbt“, stammelte sie. „Ich muss hier einen Monat verbringen.“
Er nickte langsam. „Ich weiß“, sagte er. „Ich auch.“
Luisa runzelte die Stirn. „Was meinst du damit?“
Adrian trat näher, sein Blick war intensiv, fast unheimlich. „Das Testament meines Vaters“, sagte er. „Es besagt, dass ich das Forsthaus nur erben kann, wenn ich einen Monat mit meiner Ex-Frau hier wohne.“ Er machte eine Pause, seine Augen fixierten ihre. „Und zwar im selben Zimmer, Luisa. Im selben Bett.“