Ring aus Lügen

Chapter 1 — Ring aus Lügen

Der Champagner prickelte kalt auf Hannahs Zunge, ein ironischer Kontrast zu der Hitze, die in ihr aufstieg. Draußen funkelte Berlin unter einem sternenklaren Himmel, ein Panorama, das sie von der Dachterrasse des Hotel Adlon aus perfekt überblicken konnte. Doch Hannah sah nichts davon. Ihr Blick war auf Julius gerichtet, der sich angeregt mit einem älteren Herrn unterhielt, einem von vielen Anzugträgern, die zu diesem Empfang geladen waren. Julius von Radebeul, ihr Ehemann. Ihr Ziel.

„Er sieht so unschuldig aus, nicht wahr?“, flüsterte Sophie, die neben ihr stand und ebenfalls Julius beobachtete. Sophie war Hannahs Fels in der Brandung, ihre einzige Vertraute in diesem gefährlichen Spiel. Ihr Blick war voller Sorge.

Hannah nickte, ohne die Augen von Julius zu nehmen. „Das ist seine gefährlichste Waffe.“

Vor drei Jahren hatte Hannahs Leben eine abrupte Wendung genommen. Ihre Familie, einst wohlhabend und angesehen, war durch die Machenschaften der von Hohenbergs ruiniert worden. Ihr Vater, ein stolzer Mann, hatte den Verlust nicht verkraftet. Hannah schwor Rache. Und Julius, der ahnungslose Erbe des Imperiums von Radebeul, war der Schlüssel dazu.

Sie hatte ihn auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung kennengelernt. Julius war charmant, gutaussehend und unglaublich naiv. Er verliebte sich Hals über Kopf in sie. Hannah spielte ihre Rolle perfekt, die Rolle der verletzlichen, aber intelligenten Frau, die dringend Schutz suchte. Innerhalb weniger Monate heirateten sie.

„Bist du sicher, dass du das durchziehen kannst?“, fragte Sophie erneut, ihre Stimme leise, aber eindringlich. „Du scheinst… anders zu sein, seit du mit ihm zusammen bist. Menschlicher.“

Hannah schloss kurz die Augen. Sophies Worte trafen einen wunden Punkt. Es gab Momente, in denen sie Julius ansah und ein schlechtes Gewissen verspürte. Momente, in denen sie sich fragte, ob ihre Rache es wirklich wert war. Aber dann sah sie das Gesicht ihres Vaters vor sich, das von Verzweiflung gezeichnet war. Dann wusste sie, dass es keinen Weg zurück gab.

„Ich muss das tun“, sagte Hannah, ihre Stimme fest. „Für meinen Vater. Für meine Familie.“

Sie löste sich von Sophie und ging auf Julius zu. Als sie sich ihm näherte, sah sie, wie er lächelte. Ein ehrliches, warmes Lächeln, das ihr Herz kurz aus dem Takt brachte. Sie zwang sich, das Gefühl zu ignorieren.

„Entschuldige, dass ich dich unterbreche“, sagte Hannah zu dem älteren Herrn, ihre Stimme sanft und kokett. „Julius, Schatz, ich wollte dich nur kurz daran erinnern, dass wir in einer Stunde bei der von Hohenberg erwartet werden.“

Julius’ Lächeln erstarb kurz. Ein Schatten huschte über sein Gesicht. Hannah bemerkte es, registrierte es, speicherte es ab. Etwas stimmte nicht. Er hatte ihr von dieser Verabredung erzählt, aber er hatte nicht erwähnt, dass es sich um die von Hohenbergs handelte.

„Natürlich, Liebling“, sagte Julius schließlich, seine Stimme leicht angespannt. „Herr Meier, es war mir ein Vergnügen. Wir sehen uns sicher bald wieder.“

Als sie sich von dem älteren Herrn verabschiedet hatten und sich auf den Weg zum Aufzug machten, fragte Hannah: „Was ist los? Du wirkst so angespannt.“

Julius wich ihrem Blick aus. „Nichts. Alles in Ordnung.“

„Wir gehen zu den von Hohenbergs, Julius. Zu *den* von Hohenbergs. Warum hast du mir das verschwiegen?“ Ihre Stimme war ruhig, aber in ihrem Inneren brodelte es.

Er blieb vor dem Aufzug stehen und sah sie direkt an. Seine Augen waren ernst, fast flehend. „Hannah, bitte. Lass uns das später besprechen. Es ist kompliziert.“

„Kompliziert?“, wiederholte Hannah, ihre Stimme nun eisig. „Was ist daran kompliziert, dass du mich zu den Leuten bringst, die mein Leben zerstört haben?“

Die Aufzugtüren öffneten sich. Julius ergriff ihre Hand. „Bitte, Hannah. Vertrau mir. Ich erkläre es dir später. Aber jetzt müssen wir gehen. Sie erwarten uns.“

Hannah riss ihre Hand weg. „Vertrauen? Du sprichst von Vertrauen? Du hast mir etwas verschwiegen, Julius. Etwas Wichtiges. Und ich habe das Gefühl, dass das erst der Anfang ist.“

Sie starrte ihn an, ihre Augen voller Misstrauen. Dann, ohne ein weiteres Wort, betrat sie den Aufzug. Julius folgte ihr, sein Gesichtsausdruck düster und besorgt. Die Fahrt nach unten fühlte sich an wie eine Ewigkeit. Hannah wusste, dass sich etwas verändert hatte. Etwas war zerbrochen. Und sie hatte das Gefühl, dass sie kurz davor stand, die Wahrheit über Julius und seine Familie zu erfahren. Eine Wahrheit, die alles verändern würde.