Verliebt ins Monster

Chapter 1 — Verliebt ins Monster

Der Geruch von Lilien hing schwer in der Luft, vermischt mit dem metallischen Duft von Blut. Ein widerlicher Cocktail, der sich für immer in meine Erinnerung brennen würde. Ich presste mich tiefer in den Schatten der steinernen Mauer, das Herz hämmerte gegen meine Rippen. Durfte er mich sehen? Konnte er ahnen, dass ich hier war, an diesem verfluchten Ort, wo alles begann und vielleicht auch enden würde?

Ich, Frieda Marx, Tochter eines angesehenen Münchner Anwalts, befand mich inmitten einer Welt, die so weit von meiner eigenen entfernt war, wie die Sonne vom Mond. Eine Welt der Intrigen, der Gewalt und des ungeschriebenen Gesetzes. Eine Welt, die Bastian von Drachenfels regierte. Und ich, töricht und naiv, hatte mich in ihn verliebt.

Es hatte auf dem Sommerfest des Münchner Opernhauses begonnen. Ich, als Praktikantin in der Marketingabteilung, er, als der unnahbare Erbe eines milliardenschweren Familienimperiums. Unsere Blicke hatten sich gekreuzt, ein flüchtiger Moment, der sich wie ein Lauffeuer in meiner Seele ausbreitete. Seine Augen, so dunkel und durchdringend, hatten mich gefangen genommen. Ich wusste, dass er gefährlich war, dass er eine Aura der Macht um sich trug, die Angst und Ehrfurcht zugleich auslöste. Aber ich konnte mich nicht wehren. Ich war wie eine Motte vom Licht angezogen.

Wir begannen uns heimlich zu treffen, zuerst in versteckten Cafés in Schwabing, dann in seiner luxuriösen Villa am Starnberger See. Er zeigte mir eine Welt, die ich nur aus Filmen kannte: teure Autos, Champagnerpartys, Kunstauktionen, bei denen Millionenbeträge den Besitzer wechselten. Ich war fasziniert und abgestoßen zugleich. Ich spürte, dass er mir etwas verheimlichte, dass da eine dunkle Seite in ihm lauerte, die er vor mir verbarg.

Eines Abends, als wir in seinem Arbeitszimmer saßen, kam ich an ein verschlossenes Fach. Neugierig fragte ich nach dem Inhalt. Er wurde still und sein Blick verfinsterte sich. „Das geht dich nichts an, Frieda“, sagte er mit einer Stimme, die Eis erstarrte. Ich ließ nicht locker, wollte wissen, was er vor mir verbarg. Schließlich gab er nach und öffnete das Fach. Darin befanden sich Fotos. Fotos von Männern mit durchgestrichenen Gesichtern. Fotos von blutigen Tatorten. Fotos, die mein Weltbild für immer zerstörten.

Ich erfuhr, dass Bastian nicht nur ein erfolgreicher Geschäftsmann war, sondern auch der Kopf einer der mächtigsten Unterweltorganisationen Deutschlands. Er war ein Mann des Verbrechens, ein Mann der Gewalt. Und ich, Frieda Marx, hatte mich in ihn verliebt. Ich hätte fliehen sollen, mich verstecken, ihn vergessen. Aber ich konnte es nicht. Die Anziehungskraft war zu stark, die Leidenschaft zu tief. Ich blieb bei ihm, wissend, dass ich mit dem Feuer spielte.

Und jetzt, Wochen später, stand ich hier, im Schatten der Mauer, und beobachtete, wie er mit seinen Leuten einen Deal abwickelte. Ein Drogendeal, wie ich vermutete. Ich sollte nicht hier sein, er hatte es mir verboten. Aber ich musste wissen, was er tat, musste verstehen, in welcher Gefahr ich schwebte. Plötzlich drehte er sich um. Seine Augen suchten die Dunkelheit ab, blieben an meiner Stelle hängen. Er hatte mich entdeckt. Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken. Er kannte mich besser, als ich dachte. Er wusste, dass ich mich nicht von ihm fernhalten konnte. Und in diesem Moment, als sich unsere Blicke trafen, sah ich etwas in seinen Augen, das mir Angst machte. Nicht Wut, nicht Enttäuschung. Sondern etwas viel Schlimmeres: Akzeptanz. Er hatte es zugelassen. Er hatte mich in seine Welt gelassen. Und es würde Konsequenzen haben.

„Frieda“, hörte ich seine tiefe Stimme durch die Nacht hallen. „Komm heraus. Es ist Zeit, dass du die Wahrheit kennst.“ Die Wahrheit? Welche Wahrheit? Und was würde sie für mich bedeuten?