Geliehenes Leben

Chapter 1 — Geliehenes Leben

Der Champagner prickelte auf meiner Zunge, ein bitterer Kontrast zu dem süßen Lächeln, das ich für die Kameras aufgesetzt hatte. Als "Allegra Lorenz", gefeierte Jungdesignerin und Liebling der Berliner High Society, durfte ich mir keine Schwäche anmerken lassen. Niemand durfte ahnen, dass Allegra Lorenz eine sorgfältig konstruierte Fassade war, eine Maske, hinter der ich mein wahres Ich versteckte: Svenja Baumgart, die Tochter eines einfachen Bäckers aus Brandenburg.

Die funkelnden Lichter des "Mode Salon Berlin" spiegelten sich in den glitzernden Pailletten meines Abendkleides. Mein Blick wanderte durch die Menge: Models, Influencer, Journalisten, und natürlich – die Sponsoren. Menschen, die in meiner neuen Welt Macht und Einfluss bedeuteten. Ich nickte, lächelte, sagte die richtigen Dinge, während ich innerlich zerrissen war. Wie lange konnte ich dieses Spiel noch spielen? Wie lange würde es dauern, bis jemand mein Geheimnis enthüllte?

Vor drei Jahren war ich nichts. Nur Svenja, die in der Backstube ihres Vaters Teig knetete und von einer Karriere in der Mode träumte. Ein Stipendium an der renommierten ESMOD Berlin schien die Rettung zu sein, doch dann kam der Unfall. Der Unfall, der Allegra Lorenz, die Tochter eines reichen Industriellen, das Leben kostete. Und mir eine Chance gab. Eine Chance, die zu schön war, um sie auszuschlagen. Ich nahm Allegras Identität an, studierte unter ihrem Namen, profitierte von ihrem Erbe. Ein Fehler, der mich nun einzuholen drohte.

Ein Raunen ging durch den Saal. Alle Augen richteten sich auf den Eingang. Dort stand er. Karl von Reinhagen. Er war nicht nur der begehrteste Junggeselle Berlins, sondern auch Allegras Cousin. Unsere Blicke trafen sich. In seinen Augen lag etwas, das ich nicht deuten konnte. Misstrauen? Erkenntnis? Oder einfach nur Verachtung für das Mädchen, das seine Cousine ersetzt hatte?

Er bewegte sich langsam auf mich zu, bahnte sich seinen Weg durch die Menge. Jeder seiner Schritte schien mein Herz schneller schlagen zu lassen. Als er vor mir stehen blieb, beugte er sich leicht vor und flüsterte mir ins Ohr: »Allegra, meine Liebe. Du siehst heute Abend... anders aus.« Seine Worte waren wie ein Stich ins Herz. Hatte er mich erkannt?