Berlin Vendetta

Chapter 1 — Berlin Vendetta

Das Blut klebte an meinen Händen, ein dunkler Lack in dem schummrigen Licht des Berliner Spätis. Es war nicht mein Blut, natürlich nicht. Es gehörte dem Mann, der jetzt zitternd vor mir kauerte, seine Augen voller Angst, die mich befriedigte, aber nicht genug.

Fünf Jahre. Fünf Jahre hatte ich auf diesen Moment gewartet. Fünf Jahre, in denen die Erinnerung an seine Tat wie ein glühendes Eisen in meiner Seele gebrannt hatte. Jetzt war er hier, ausgeliefert, und ich, Nina Seidel, war seine Richterin, seine Henkerin, seine… vielleicht auch seine Erlösung.

Ich trat näher, das Neonlicht der Getränkekühlschränke warf lange Schatten auf sein Gesicht. „Erinnerst du dich, Cornelius? Erinnerst du dich an Sylt? An den Sommer, der uns alles genommen hat?“ Meine Stimme war nur ein Flüstern, aber in der Stille des Spätis hallte es wie ein Donner wider.

Er zuckte zusammen, sein Blick wich meinem aus. „Nina… ich… ich wollte das nicht.“

„Du wolltest es nicht?“, wiederholte ich, ein bitteres Lachen entfuhr mir. „Du wolltest das nicht? Du hast zugesehen! Du hast nichts getan!“ Die Worte stießen wie Glasscherben aus meiner Kehle. Fünf Jahre hatte ich diese Szene immer und immer wieder durchlebt, jede Einzelheit in meinem Gedächtnis eingeätzt. Der Strand, die Sonne, das Lachen meiner Schwester – und dann… Cornelius, der einfach nur dastand.

Cornelius war damals mein fester Freund, Cornelius war mein Vertrauter, Cornelius hätte mein Ehemann werden sollen. Wir waren jung, unbeschwert, voller Pläne für die Zukunft. Doch an diesem verhängnisvollen Tag auf Sylt zerbrach alles in tausend Stücke. Meine Schwester, Emilia, ertrank im Meer. Ein tragischer Unfall, hieß es. Aber ich wusste es besser. Ich hatte gesehen, wie Cornelius dastand, wie er zusah, wie er nichts unternahm, um sie zu retten. Er hatte Angst vor dem Wasser, hatte er gesagt. Aber ich glaube, er hatte mehr Angst vor der Verantwortung.

Nach Emilias Tod verschwand Cornelius aus meinem Leben. Er tauchte ab, wechselte die Stadt, änderte seinen Namen. Er versuchte, seine Schuld zu vergessen. Aber ich nicht. Ich konnte nicht vergessen. Ich verbrachte Jahre damit, ihn zu suchen, besessen von dem Gedanken an Rache. Ich opferte meine Jugend, meine Träume, mein Glück, alles für diesen einen Moment.

Und jetzt war er hier. Ich hatte ihn gefunden. Durch Zufall, wie das Leben manchmal spielt. Ich hatte ihn in diesem verdammten Späti in Neukölln entdeckt, hinter der Kasse. Er hatte sich verändert, war älter geworden, seine Haare waren dünner, seine Augen leer. Aber ich hatte ihn sofort erkannt. Und in diesem Moment wusste ich, was ich tun musste.

Ich hatte ihn in eine Falle gelockt. Ich hatte ihm eine SMS geschrieben, von einer alten gemeinsamen Freundin. Ich hatte ihn gebeten, mir zu helfen, ein Paket abzuholen. Er war gekommen, naiv und ahnungslos. Und dann hatte ich ihn überwältigt. Mit einem Elektroschocker, den ich extra dafür gekauft hatte. Er war sofort zusammengebrochen. Ich hatte ihn gefesselt und geknebelt. Und jetzt stand ich hier, bereit, ihm seine Schuld zurückzuzahlen.

Ich holte tief Luft, versuchte, meine zitternden Hände zu beruhigen. „Du hast meine Schwester sterben lassen, Cornelius. Du hast uns alles genommen.“

Er wimmerte, Tränen liefen ihm über das Gesicht. Ich spürte einen Stich in meinem Herzen. Mitleid? War das Mitleid? Nach all dem, was er getan hatte? Ich verwarf den Gedanken sofort. Mitleid war eine Schwäche, und Schwäche konnte ich mir jetzt nicht leisten.

Ich zog ein Messer aus meiner Jackentasche. Es war ein kleines, scharfes Messer, das ich extra dafür geschliffen hatte. Ich hielt es ihm vor das Gesicht, so dass er die Klinge in dem Neonlicht funkeln sah. Seine Augen weiteten sich vor Entsetzen.

„Ich werde dich nicht töten, Cornelius“, sagte ich. „Das wäre zu einfach. Ich werde dir etwas viel Schlimmeres antun.“ Ich lächelte, ein kaltes, leeres Lächeln. „Ich werde dir alles nehmen, was du hast. So wie du es mir genommen hast.“

Ich beugte mich vor, flüsterte ihm ins Ohr: „Ich werde dein Leben zerstören, Cornelius. Stück für Stück. Und du wirst zusehen müssen.“

Ich fuhr ihm mit der Messerspitze über die Wange. Eine feine Linie aus Blut trat hervor. Er schrie auf, ein erstickter Schrei, der durch den Knebel gedämpft wurde. Ich genoss seine Angst, seine Verzweiflung. Es war nur der Anfang.

Plötzlich klingelte sein Handy. Es lag auf dem Tresen, vibrierend und lärmend. Ich ignorierte es zuerst, aber es klingelte immer weiter. Schließlich griff ich danach und sah auf das Display. Ein Name leuchtete auf: „Mama“.

Ein Gedanke blitzte in meinem Kopf auf. Eine Idee, so finster und abgründig, dass sie mir fast den Atem raubte. Ich blickte Cornelius an, der mich flehend ansah. Ich grinste.

„Vielleicht töte ich dich doch nicht, Cornelius“, sagte ich. „Vielleicht habe ich etwas Besseres vor.“

Ich nahm den Knebel aus seinem Mund. „Sag deiner Mutter, dass du später zurückrufst“, befahl ich. „Sag ihr, dass du beschäftigt bist.“

Er zögerte. „Nina… bitte…“

Ich drückte ihm das Handy an sein Ohr. „Tu es! Oder ich schneide dir die Zunge raus.“

Er atmete tief durch und sagte dann mit zitternder Stimme: „Mama? Ja, ich bin’s… Ich rufe später zurück. Ich bin beschäftigt.“ Er legte auf.

Ich nahm ihm das Handy wieder ab. „Gut gemacht, Cornelius. Sehr gut.“ Ich lächelte wieder, aber dieses Mal war es kein leeres Lächeln. Es war ein Lächeln der Vorfreude. Ein Lächeln der Rache. Ein Lächeln, das Cornelius das Blut in den Adern gefrieren ließ.

„Jetzt“, sagte ich, „beginnt der Spaß erst richtig.“ Ich wusste, dass ich eine Grenze überschritten hatte. Ich wusste, dass ich mich auf einem gefährlichen Pfad befand. Aber es war mir egal. Ich war bereit, alles zu tun, um Cornelius für seine Schuld bezahlen zu lassen. Und ich hatte gerade erst angefangen.

In diesem Moment hörte ich Schritte vor dem Späti. Jemand rüttelte an der Tür. „Hallo? Ist da jemand? Der Laden ist doch noch offen, oder?“

Ich erstarrte. Das durfte nicht sein. Ich durfte nicht entdeckt werden. Nicht jetzt. Nicht so kurz vor dem Ende. Ich blickte Cornelius an, der mich erwartungsvoll anstarrte. Seine Augen blitzten vor Hoffnung.

„Hilf mir“, flüsterte er. „Bitte, Nina, hilf mir.“

Ich ignorierte ihn. Ich musste einen Ausweg finden. Ich musste verschwinden. Aber wie?

Die Schritte kamen näher. Die Person rüttelte immer heftiger an der Tür. „Hallo? Ist hier jemand?“

Ich rannte nach hinten, auf der Suche nach einem Hinterausgang. Aber es gab keinen. Nur eine Wand. Eine Sackgasse. Ich war gefangen.

Die Tür wurde aufgerissen. Ein Mann stand in der Tür, sein Blick fiel auf mich, dann auf Cornelius, der gefesselt und geknebelt am Boden lag. Seine Augen weiteten sich vor Schreck.

„Was… was ist hier los?“, stammelte er.

Ich wusste, dass ich nur noch eine Chance hatte. Ich musste ihn zum Schweigen bringen. Ich musste ihn davon überzeugen, dass er nichts gesehen hatte. Aber wie?

Bevor ich etwas sagen konnte, ergriff Cornelius das Wort. „Hilfe!“, schrie er. „Sie will mich umbringen!“

Der Mann blickte mich an, seine Augen voller Misstrauen und Angst. Er zog sein Handy aus der Tasche.

„Ich rufe die Polizei!“, sagte er.

Ich wusste, dass alles vorbei war. Meine Rache war gescheitert. Ich war gefasst. Aber dann, in diesem Moment der Verzweiflung, sah ich etwas in den Augen des Mannes. Etwas Vertrautes. Etwas, das mich an Emilia erinnerte.

„Bitte“, sagte ich. „Bitte, hören Sie mir zu. Es ist nicht so, wie es aussieht.“

Er zögerte. „Was soll das heißen? Sie haben ihn gefesselt und geknebelt!“

„Er hat etwas Schlimmes getan“, sagte ich. „Er hat meiner Schwester das Leben genommen.“

Der Mann sah mich an, seine Augen voller Ungläubigkeit. „Ihrer Schwester? Was meinen Sie damit?“

Ich holte tief Luft und erzählte ihm alles. Von Sylt, von Emilia, von Cornelius’ Schuld. Ich erzählte ihm von meiner Rache, von meiner Verzweiflung, von meinem Schmerz.

Als ich fertig war, starrte er mich schweigend an. Seine Augen waren feucht. Er schien mich zu verstehen. Aber was würde er tun?

Er senkte sein Handy. „Ich glaube Ihnen“, sagte er. „Ich glaube Ihnen jedes Wort.“

Ich atmete erleichtert auf. Vielleicht war doch noch nicht alles verloren. Vielleicht gab es noch Hoffnung.

„Aber“, sagte er, „das bedeutet nicht, dass ich Ihnen helfen kann.“

Er hob sein Handy wieder hoch. „Ich muss die Polizei rufen. Sie haben ein Verbrechen begangen.“

Meine Hoffnung schwand dahin. Ich hatte mich geirrt. Er war nicht anders als die anderen. Er war nur ein weiterer Zeuge meiner Rache, ein weiterer Grund für meine Verurteilung.

„Ich verstehe“, sagte ich. „Tun Sie, was Sie tun müssen.“

Er wählte die Nummer der Polizei. Ich schloss die Augen und wartete auf das Klingeln. Aber es kam nicht. Stattdessen hörte ich ein Geräusch. Ein leises, dumpfes Geräusch. Das Geräusch von etwas, das auf den Boden fiel.

Ich öffnete die Augen und sah, dass der Mann am Boden lag. Blut strömte aus seinem Hinterkopf. Über ihm stand Cornelius, in der Hand eine leere Glasflasche. Er hatte sich befreit und den Mann niedergeschlagen.

Cornelius blickte mich an, seine Augen voller Panik. „Was habe ich getan?“, flüsterte er.

Ich starrte ihn an, unfähig, etwas zu sagen. Ich hatte meine Rache bekommen. Aber zu welchem Preis?

Und was würde jetzt geschehen? War ich nun eine Mörderin? War Cornelius ein Mörder?

Die Antwort auf diese Fragen blieb im Raum stehen, schwer und bedrohlich, während draußen in der Berliner Nacht die Sirenen immer näher kamen.