Die dunkle Verlobung

Chapter 1 — Die dunkle Verlobung

Der Schmerz war mein ständiger Begleiter, aber heute stach er besonders tief. Tief genug, um mich dazu zu bringen, Dinge zu tun, die ich bereuen würde. Dinge, die meine gesamte Existenz in Frage stellen würden.

Ich klammerte mich an das eiskalte Geländer des Dachgartens, die Skyline von München funkelte wie ein zynischer Kommentar zu meinem inneren Chaos. Unter mir pulsierten die Lichter, das Leben, die Möglichkeiten – doch in meinem Kopf herrschte nur Leere. Meine Finger krallten sich fester um den Stahl, als könnte ich mich so an der Realität festhalten. Die Luft war erfüllt vom Duft der Rosen, die hier trotz des nahenden Winters blühten, ein ironischer Kontrast zu der frostigen Kälte in meinem Herzen.

Mein Name ist Katharina Lindner, und bis vor Kurzem war mein Leben… sagen wir, geordnet. Ich hatte mein Studium der Kunstgeschichte abgeschlossen, arbeitete in einer kleinen Galerie in Schwabing und träumte davon, eines Tages meine eigene Ausstellung zu kuratieren. Ein beschauliches Leben, vielleicht, aber es war mein Leben. Bis zu dem Tag, als meine Eltern mir eröffneten, dass unser Familienunternehmen, ein traditionsreicher bayerischer Brauereikonzern, kurz vor dem Ruin stand. Und die einzige Rettung: Eine Fusion mit der 'Winkler Gruppe', einem undurchsichtigen Konglomerat, das von Willi Winkler geleitet wurde – einem Mann, über den man sich in Münchens High Society die schmutzigen Mäuler zerriss.

Ich hasste Willi Winkler. Alles an ihm. Sein skrupelloses Geschäftsgebaren, seine kalten Augen, die aussahen, als hätten sie schon zu viel gesehen, und die Art, wie er Frauen wie Schachfiguren behandelte. Und nun sollte ich ihn heiraten. Nicht, weil ich ihn liebte, sondern weil mein Vater ihm mein Eheversprechen gab, um seine Brauerei und die Arbeitsplätze der Mitarbeiter zu retten. Ein Opfer, das er von mir forderte. Ein Opfer, das ich zu bringen bereit war – zumindest hatte ich das gedacht.

Die Verlobungsfeier fand auf Schloss Hohenberg statt, einem prunkvollen Anwesen am Starnberger See, das seit Generationen im Besitz der Familie Winkler war. Überall funkelten Kristalllüster, die Tische bogen sich unter der Last von Kaviar und Champagner, und die Luft war geschwängert von dem süßlichen Duft teurer Parfums. Ich fühlte mich wie eine Marionette, die an unsichtbaren Fäden hing, während ich die aufgesetzten Glückwünsche der Gäste entgegennahm. Willi stand neben mir, ein unnahbarer Eisklotz in einem perfekt sitzenden Anzug, seine Hand fest um meine Taille gelegt. Eine Besitztumsanzeige, nichts weiter.

»Genießen Sie den Abend, meine Verlobte?«, zischte er mir ins Ohr, seine Stimme ein gefährliches Flüstern. Seine eisblauen Augen fixierten mich, und ich spürte einen Schauer über meinen Rücken laufen.

»So gut, wie man es eben genießt, wenn man verkauft wird«, erwiderte ich, und ein Hauch von Trotz schlich sich in meine Stimme. Er lachte leise, ein dunkles, bedrohliches Geräusch.

»Sie sind eine interessante Frau, Katharina Lindner. Ich bin gespannt, was die Zukunft bringt.«

Später an diesem Abend, als die Feier ihren Höhepunkt erreichte, zog Willi mich in einen der abgelegenen Salons des Schlosses. Er schloss die Tür hinter uns und drehte sich zu mir um. Im fahlen Licht einer einzelnen Kerze wirkten seine Züge noch härter, noch unbarmherziger.

»Ich habe eine Bedingung für unsere Ehe«, sagte er, seine Stimme rau. »Eine Bedingung, die Sie erfüllen müssen, wenn Sie sicherstellen wollen, dass Ihr Vater nicht alles verliert.«

Ich sah ihn erwartungsvoll an, mein Herz hämmerte gegen meine Rippen.

»Ich will, dass Sie mir gehören. Ganz und gar. Körper und Seele. Und wenn Sie das nicht können…«, er machte eine theatralische Pause, »…dann wird Ihr Vater nicht nur sein Unternehmen verlieren, sondern auch alles andere, was ihm lieb ist.«

Er beugte sich vor, sein Atem streifte meine Haut. »Sind Sie bereit, diesen Preis zu zahlen, Katharina?«

Ich wollte antworten, aber die Worte blieben mir im Hals stecken. Plötzlich hörten wir ein lautes Geräusch. Ein Schrei, der die Stille zerriss. Dann ein Knall. Willi riss die Tür auf und stürmte hinaus. Ich folgte ihm, und was ich sah, ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Mein Vater lag am Fuße der großen Treppe, eine Blutlache um seinen Kopf. Und über ihm stand Willi, in der Hand eine Waffe.