Codename Nightingale

Chapter 1 — Codename Nightingale

Der Champagner prickelte auf meiner Zunge, doch der Geschmack war schal. Um mich herum tobte die Silvesterparty in vollen Zügen – glitzernde Kleider, lautes Gelächter, das Knallen von Korken. Nur ich stand hier, auf dem Balkon des Penthouse, und fühlte mich so verloren wie noch nie.

Ich bin Selina Roth, 27 Jahre alt, und führe ein Doppelleben. Tagsüber bin ich die unscheinbare Bibliothekarin in der Stadtbücherei von Heidelberg, nachts verwandle ich mich in… nun, das ist eine andere Geschichte. Eine Geschichte, die niemand kennen darf.

Die eisige Luft ließ meine Wangen kribbeln. Unter mir erstreckte sich Heidelberg in einem Lichtermeer. Die Alte Brücke, das Schloss, die Dächer der Altstadt – alles in warmes Gold getaucht. Es war wunderschön, und doch sah ich es nur durch einen Schleier aus Angst.

Vor drei Jahren hatte alles angefangen. Ein harmloser Blog, ein paar anonyme Kommentare zu politischen Themen, und plötzlich… war ich mittendrin. Mittendrin in einer Welt aus Intrigen, Lügen und Geheimnissen. Ich hatte Informationen aufgedeckt, die besser im Dunkeln geblieben wären. Informationen, die mich zu einer Zielscheibe gemacht hatten.

Deshalb die Tarnung. Selina Roth, die graue Maus, die niemand beachtet. Ein perfekter Schutzschild für das, was ich wirklich bin: „Nightingale“, die Whistleblowerin, die die Mächtigen erzittern lässt.

Mein Handy vibrierte. Eine Nachricht von einer unbekannten Nummer. Mein Herz setzte einen Schlag aus.

„Ich weiß, wer du bist, Nightingale. Und ich weiß, wo du bist.“

Panik stieg in mir auf. Ich war enttarnt. Aber von wem? Und was wollten sie von mir?

Ich starrte auf die Nachricht, die Buchstaben brannten sich in mein Gehirn. Die Musik und das Gelächter der Party drangen nur noch gedämpft an mein Ohr. Ich fühlte mich wie in einem Albtraum, aus dem es kein Erwachen gab. War es das jetzt? Würde mein Doppelleben auffliegen? Würde ich alles verlieren?

Plötzlich spürte ich eine Hand auf meiner Schulter. Ich zuckte zusammen und wirbelte herum. Vor mir stand ein Mann. Groß, dunkelhaarig, mit stechend blauen Augen, die mich durchbohrten. Ich hatte ihn noch nie zuvor gesehen.

„Selina Roth, nicht wahr?“, sagte er mit einer Stimme, die so kühl war wie die Winternacht. „Wir müssen reden.“

Er kannte meinen Namen. Mein Deckname mochte kompromittiert sein, aber wie wusste er von Selina Roth? War er einer von ihnen? War er hier, um mich zu holen?

Er beugte sich vor, sein Atem streifte mein Ohr. „Ich weiß alles über dich, Nightingale. Und ich kann dir helfen. Aber dafür brauche ich deine Hilfe.“

Seine Worte waren ein Versprechen und eine Drohung zugleich. Ich wusste nicht, wem ich trauen konnte. War er ein Freund oder ein Feind? Alles, was ich wusste, war, dass mein Leben in diesem Moment eine entscheidende Wendung genommen hatte. Und ich hatte keine Ahnung, wohin sie mich führen würde.

„Wer sind Sie?“, flüsterte ich, meine Stimme kaum mehr als ein Hauch.

Er lächelte. Ein kaltes, berechnendes Lächeln. „Nennen Sie mich Florian. Und vertrauen Sie niemandem. Vor allem nicht mir.“ Damit zog er mich näher an sich, weg vom Geländer, weg von den Lichtern der Stadt, hinein in die Dunkelheit…