Tabu

Chapter 1 — Tabu

Das Knistern des Kaminfeuers war die einzige Antwort auf meine Frage, die in der eisigen Luft des Salons hing. Draußen peitschte der Wind gegen die alten Gemäuer des Schlosses Hohenberg, ein Echo der Unruhe, die in meinem Inneren tobte. Ich hasste diesen Ort. Und ich hasste ihn noch mehr, seit er zurück war.

Theo. Mein Stiefbruder. Der Mann, den ich mir seit meiner Kindheit verkniffen hatte zu begehren. Er war der legitime Erbe, der strahlende Held der Familie, während ich nur die geduldete Tochter aus zweiter Ehe war. Jetzt, nach fünf Jahren Abwesenheit, stand er wieder hier, größer, düsterer, und gefährlicher als je zuvor. Seine Augen, so dunkel wie der Nachthimmel über Bayern, fixierten mich, als könnte er meine geheimsten Gedanken lesen.

»Julia«, sagte er, seine Stimme ein tiefes Raunen, das direkt in meinem Bauch vibrierte. »Du hast dich verändert.«

Verändert? War ich das wirklich? Oder hatte ich es nur besser gelernt, meine Sehnsucht hinter einer Maske der Gleichgültigkeit zu verbergen? Ich hob den Kopf und begegnete seinem Blick. »Menschen verändern sich, Theo. Besonders nach fünf Jahren.«

Er trat näher, die Wärme des Kamins schien ihm nichts anzuhaben. Er roch nach Zedernholz und etwas Dunklem, Unwiderstehlichem. »Nicht immer zum Besseren«, entgegnete er, und seine Hand strich mir eine verirrte Haarsträhne aus dem Gesicht. Eine Berührung, so leicht, doch sie entfachte ein Feuer, das ich so lange unterdrückt hatte.

»Was willst du, Theo?«, fragte ich, meine Stimme bebte leicht. »Warum bist du zurückgekommen?«

Ein bitteres Lächeln umspielte seine Lippen. »Ich bin zurückgekommen, um das zurückzuholen, was mir gehört. Und vielleicht auch, um dich daran zu erinnern, dass du mir gehörst, Julia.«

Bevor ich antworten konnte, hörten wir Schritte im Gang. Die Tür wurde aufgerissen und Baronin von Schwarzburg, unsere Mutter, stand im Türrahmen. Ihr Blick war messerscharf, ihre Stimme eisig. »Theo! Was machst du hier? Ich hatte dir gesagt, du sollst Julia nicht belästigen!«

Theo ignorierte sie. Seine Augen blieben auf mir ruhen. »Wir sind noch nicht fertig, Julia. Das ist nur der Anfang.« Er drehte sich um und verließ den Salon, die Baronin ihm fluchend hinterher. Ich blieb allein zurück, das Knistern des Feuers nun wie höhnisches Gelächter in meinen Ohren. Was hatte Theo vor? Und was würde ich tun, wenn er sein Versprechen wahr machte?