Die Geisel des Paten
Chapter 1 — Die Geisel des Paten
Das Geräusch von brechendem Glas hallte durch den Ballsaal, ein jäher Kontrast zu den sanften Klängen des Streichorchesters. Vera Braun erstarrte, die Hand noch am Stiel ihres Champagnerglases. Eine flüchtige Bewegung in ihrem Augenwinkel, dann der dumpfe Knall einer Schusswaffe, und die festliche Stimmung zerbarst wie eine Seifenblase.
Sie sollte nicht hier sein. Sie *durfte* nicht hier sein. Aber ihre Schwester Sophie hatte sie angefleht, sie bei dieser Wohltätigkeitsgala zu begleiten. Eine Gala, die von Valentin von Erlbach, dem berüchtigten Erben eines Stahlimperiums, veranstaltet wurde. Ein Mann, dessen Name in Münchens High Society mit Ehrfurcht und Furcht zugleich ausgesprochen wurde.
Vera kannte die Gerüchte. Die Geschichten über dunkle Geschäfte, über Verbindungen zur Unterwelt. Sie hatte sich immer von dieser Welt ferngehalten, ein beschauliches Leben als Bibliothekarin in Schwabing geführt. Doch nun stand sie hier, mitten im Epizentrum des Chaos, unfähig, sich zu bewegen, während Panik um sie herum ausbrach.
»Vera!«, Sophies panischer Schrei riss sie aus ihrer Starre. Sophie zerrte sie hinter einen schweren Vorhang, ihr Gesicht war kreideweiß. »Was ist hier los?«, flüsterte Vera, ihre Stimme kaum mehr als ein Hauch.
»Das… das ist Valentin«, keuchte Sophie. »Er hat Feinde. Viele Feinde.«
Noch bevor Vera antworten konnte, riss der Vorhang zur Seite. Vor ihnen stand ein Mann, so finster und majestätisch wie eine Gewitterwolke. Valentin von Erlbach. Seine Augen, so dunkel wie die tiefste Nacht, fixierten Vera. Ein eisiger Blick, der sie bis ins Mark erschütterte. Er trug einen perfekt sitzenden Smoking, doch unter der eleganten Oberfläche lauerte etwas Bedrohliches.
»Wer ist das?«, fragte er, seine Stimme ein tiefes, gefährliches Raunen, das nur für sie bestimmt war. Sophie erstarrte. »Das ist… meine Schwester, Vera.«
Valentin hob eine Braue. »Ihre Schwester?«, wiederholte er, sein Blick wanderte langsam Veras Gestalt auf und ab. »Sie sieht nicht aus wie jemand, der in solche Kreise gehört.« Seine Augen verweilten auf ihren, und in diesem Moment wusste Vera, dass ihr Leben sich für immer verändern würde. Er sah sie nicht nur, er durchschaute sie.
Die Schüsse waren verstummt, doch die Stille war noch beängstigender. Sie spürte, wie sich sein Griff um ihren Arm verstärkte. »Du kommst mit mir«, befahl er, seine Stimme ließ keinen Widerspruch zu. »Es ist nicht sicher hier.«
Er zog sie hinter sich her, durch die fliehenden Menschen, vorbei an umgestürzten Tischen und Scherbenhaufen. Vera versuchte, sich zu befreien, doch sein Griff war zu stark. Sie wurde aus dem Ballsaal gezerrt, in die dunkle Nacht hinaus. Ein kalter Wind peitschte ihr ins Gesicht, während Valentin sie in einen wartenden Wagen stieß.
»Wo bringen Sie mich hin?«, fragte sie, ihre Stimme zitterte. Er ignorierte ihre Frage. Der Wagen setzte sich in Bewegung, raste durch die dunklen Straßen Münchens. Vera blickte aus dem Fenster, die Lichter der Stadt zogen wie verschwommene Sterne an ihr vorbei. Sie wusste nicht, wohin er sie brachte, was er von ihr wollte. Aber eines war ihr klar: Ihr Leben, so wie sie es kannte, war vorbei.
Nach einer gefühlten Ewigkeit hielt der Wagen vor einem imposanten Anwesen. Hohe Mauern, eiserne Tore, Überwachungskameras – es wirkte eher wie ein Gefängnis als ein Zuhause. Valentin stieg aus und bedeutete ihr, ihm zu folgen. Vera gehorchte, wie hypnotisiert. Sie befand sich in seiner Gewalt, gefangen in seinem Netz.
Als sie die Eingangshalle betraten, hörte sie eine Stimme: »Valentin, was hast du getan? Warum hast du sie mitgebracht?« Eine ältere Frau, elegant gekleidet, trat auf sie zu. Ihr Blick war streng, aber in ihren Augen blitzte auch Sorge auf. Valentin ignorierte ihre Frage erneut und zog Vera weiter. »Sie bleibt hier«, sagte er kühl. »Sie ist mein Pfand.«
Vera spürte, wie ihr das Blut in den Adern gefror. Pfand? Wofür? Und was hatte er vor? Sie war in eine Welt geraten, die sie nicht verstand, und sie hatte das Gefühl, dass sie nie wieder herauskommen würde.
Noch bevor sie eine weitere Frage stellen konnte, zog Valentin sie in ein prunkvolles Arbeitszimmer. Er schloss die Tür hinter ihnen und drehte sich zu ihr um. Seine Augen, so dunkel und unergründlich, fixierten sie. »Du bleibst hier, bis ich dir sage, dass du gehen kannst«, sagte er. »Und du wirst tun, was ich dir sage. Verstanden?« Vera nickte stumm, unfähig, ein Wort herauszubringen. In diesem Moment hörte sie einen Schrei, der ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ. Es war Sophies Stimme.
»Lass mich los! Vera! Hilf mir!«
Valentin lächelte kalt. »Dein Schweigen hat einen Preis, Vera. Und der Preis ist deine Schwester.«