Flucht vorm Altar
Chapter 1 — Flucht vorm Altar
Das dumpfe Dröhnen des Hubschraubers ließ Emilias Zähne klappern, obwohl sie sich fest vornahm, keine Schwäche zu zeigen. Unter ihr breitete sich der Bodensee aus, ein schimmerndes Blau, das im krassen Gegensatz zu der Angst stand, die sich wie ein eiskalter Schleier um ihr Herz legte. Ihr Vater hatte ihr versprochen, sie zu beschützen, aber sein Versprechen war in einer Nacht voller Schüsse und Schreie verpufft. Jetzt war sie Spielball in einem Krieg, den sie nicht verstand.
»Wir sind fast da, Fräulein Schreiber.« Die raue Stimme des Mannes neben ihr, Viktor, ließ sie zusammenzucken. Er war riesig, ein unbewegliches Bollwerk aus Muskeln und Narben, das stets im Schatten ihres Vaters gestanden hatte. Jetzt, wo ihr Vater tot war, schien Viktor die Fäden zu ziehen. Zumindest vorläufig.
Emilia nickte, unfähig zu sprechen. Ihr Blick wanderte zu dem weißen Brautkleid, das in einer Kleiderhülle neben ihr hing. Weiß. Ein Hohn angesichts der Dunkelheit, die ihr bevorstand. Sie sollte Malte Winter heiraten. Den Mann, der für den Tod ihres Vaters verantwortlich war. Zumindest hatte Viktor ihr das so gesagt.
Die Landung erfolgte unsanft. Viktor packte sie am Arm und zog sie aus dem Hubschrauber. Die Luft war erfüllt vom Duft von Pinien und dem salzigen Geruch des Sees. Vor ihnen erstreckte sich ein Anwesen, das protziger nicht sein konnte. Weißer Marmor, verschnörkelte Balkone, ein Tor aus dunklem Eisen, bewacht von Männern mit finsteren Gesichtern und noch finsteren Waffen.
»Willkommen in Ihrem neuen Zuhause, Fräulein Schreiber«, sagte Viktor, und in seinen Augen blitzte etwas auf, das Emilia nicht deuten konnte. War es Mitleid? Spott? Oder einfach nur Berechnung?
Sie schluckte. »Wie lange habe ich Zeit?«, fragte sie leise.
Viktor runzelte die Stirn. »Zeit wofür?«
»Um zu fliehen. Um zu verschwinden. Um Malte Winter zu entkommen.«
Viktor lachte, ein kurzes, trockenes Geräusch. »Das ist nicht möglich, Emilia. Dein Vater hat Schulden. Sehr hohe Schulden. Und du bist nun mal die Bezahlung.«
Sie ballte die Fäuste. »Ich bin keine Ware! Ich bin ein Mensch!«
»Das mag sein«, sagte Viktor achselzuckend. »Aber in dieser Welt zählt nur Macht. Und Malte Winter hat sie. Im Überfluss. Geh dich umziehen. Die Hochzeit ist heute Abend."
Emilia starrte ihn an, unfähig, sich zu bewegen. Sie fühlte sich wie gelähmt, gefangen in einem Albtraum, aus dem es kein Erwachen gab. Sie würde also wirklich diesen Mann heiraten. Den Mann, der ihren Vater getötet hatte. Oder zumindest dafür verantwortlich war. Sie spürte einen Stich von Hass in sich aufsteigen, so stark und so bitter, dass er ihr fast die Luft nahm.
Viktor schob sie sanft in Richtung des Hauses. »Lass dir nicht anmerken, dass du uns hasst. Zeig Respekt. Es wird dir das Leben leichter machen.«
Leichter? Ihr Leben würde niemals wieder leicht sein. Ihr Leben war vorbei, bevor es richtig angefangen hatte. Sie würde Malte Winter heiraten, eine Marionette in seinem Spiel. Aber tief in ihrem Inneren regte sich ein winziger Funke Widerstand. Sie würde nicht einfach so aufgeben. Sie würde einen Weg finden, sich zu befreien. Sie wusste nur noch nicht wie.
Im prunkvollen Schlafzimmer, das ihr zugewiesen wurde, betrachtete sie ihr Spiegelbild. Das Mädchen, das ihr entgegenblickte, war bleich und ängstlich, aber in ihren Augen brannte ein neuer Glanz. Ein Glanz der Entschlossenheit. Sie würde überleben. Sie würde Rache nehmen. Und sie würde Malte Winter das Leben zur Hölle machen.
Als sie sich dem Fenster näherte, sah sie eine Bewegung im Garten. Ein Mann stand dort, im Schatten eines alten Baumes. Er war groß und dunkelhaarig, mit einer Aura von Gefahr, die selbst über diese Distanz spürbar war. Ihre Augen trafen sich. Und in diesem Moment wusste sie, dass ihr Leben sich für immer verändern würde. Er hob langsam seine Hand und hob ein Glas auf sie. Weinrot funkelte es im Licht.
Es war nicht Malte Winter. Es war jemand anderes. Jemand, der sie beobachtete. Jemand, der sie vielleicht retten könnte. Oder jemand, der noch gefährlicher war als der Mann, den sie heiraten sollte. Sie konnte es nicht sagen. Aber sie wusste, dass dies erst der Anfang war.