Kalkulierte Rache
Chapter 1 — Kalkulierte Rache
Der Champagner schmeckte nach Asche. Nicht wegen der Marke – Armand de Brignac, versteht sich – sondern wegen des Wissens, das wie ein fauliger Geruch unter der teuren Fassade dieses Abends lag. Ich lächelte, hob mein Glas auf Dominik von Eichendorff, den Mann, der einst mein Ein und Alles war und jetzt nur noch die Zielscheibe meiner sorgfältig geplanten Rache.
»Auf uns, Max. Auf eine erfolgreiche Fusion unserer Unternehmen.« Meine Stimme zitterte nicht. Zumindest nicht hörbar. Ich hatte Monate damit verbracht, diese Fassade zu perfektionieren, die Rolle der abgeklärten Geschäftsfrau zu spielen, die über die zerbrochenen Träume der Vergangenheit hinweggesehen hatte. Er durfte niemals ahnen, dass unter dieser Maske noch immer das gebrochene Herz von Elena Engel schlug.
Dominik grinste, ein selbstgefälliges Grinsen, das ich so gut kannte. »Auf uns, Elena. Ich bin sicher, dass diese Partnerschaft für uns beide äußerst… profitabel sein wird.« Er betonte das Wort „profitabel“ auf eine Weise, die mehr als nur geschäftliches Interesse suggerierte. Ekel kroch mir die Kehle hoch. Vor fünf Jahren hätte mich dieser Blick erröten lassen. Jetzt spornte er mich nur an.
Wir befanden uns auf der Dachterrasse des „The Fontenay“ in Hamburg, einem der luxuriösesten Hotels der Stadt. Die Elbphilharmonie funkelte wie ein futuristischer Eisberg in der Ferne, während die Lichter des Hafens sich im Wasser spiegelten. Es war eine atemberaubende Kulisse, perfekt für diesen Abend, der den Beginn meiner Rache markieren sollte. All die wichtigen Leute waren da: Aufsichtsratsmitglieder, Bankiers, ein paar Journalisten, die eifrig Notizen machten. Jeder wollte Teil dieses Deals sein. Jeder wollte ein Stück vom Kuchen, den Dominik und ich – oder besser gesagt, ich – nun servierte.
Ich hatte Jahre gebraucht, um mich in diese Position zu bringen. Nach seinem Verrat, nach der Demütigung und dem öffentlichen Gespött hatte ich alles verloren. Mein Ruf, meine Karriere, meine Würde. Ich war aus Hamburg geflohen, hatte im Ausland unter falschem Namen gearbeitet, jede freie Minute damit verbracht, zu lernen, zu planen und zu wachsen. Ich hatte mir ein neues Unternehmen aufgebaut, ein Unternehmen, das nun so erfolgreich war, dass Dominik mich brauchte, um seine eigene Firma zu retten. Die Ironie war süß, aber noch nicht süß genug.
»Elena, darf ich dich kurz entführen?« Dominik legte seine Hand auf meinen Rücken, und ich unterdrückte den Impuls, zurückzuzucken. »Ich möchte dir jemanden vorstellen.«
Er führte mich zu einer kleinen Gruppe von Männern, die in einer Ecke der Terrasse standen. Sie trugen teure Anzüge und sprachen in gedämpften Tönen. Einer von ihnen stach heraus: Ein Mann mit stechend blauen Augen und einem kalten, berechnenden Blick. Er war älter als Dominik, vielleicht Mitte Fünfzig, und strahlte eine Aura von Macht und Gefahr aus.
»Elena, darf ich dir meinen Vater vorstellen, Richard von Eichendorff? Papa, das ist Elena Engel, die Geschäftsführerin von Engel Industries.«
Richards Blick glitt über mich, taxierte mich von Kopf bis Fuß. »Frau Engel. Ein Vergnügen.« Seine Stimme war rau, und sein Händedruck fest. »Dominik hat mir viel von Ihrem Unternehmen erzählt. Sehr beeindruckend.«
Ich lächelte gezwungen. »Danke, Herr von Eichendorff. Das Vergnügen ist ganz meinerseits.«
»Nenn mich ruhig Richard«, sagte er und zwinkerte mir zu. »Wir sind ja bald quasi Familie.«
Familie. Das Wort hing schwer in der Luft. Es war das, was Dominik mir einst versprochen hatte. Eine Familie, ein gemeinsames Leben, eine Zukunft. Alles Lügen.
Richard wandte sich wieder seinem Sohn zu. »Dominik, ich wollte dich nur kurz daran erinnern, dass wir morgen früh einen Termin mit den Leipolds haben. Vergiss nicht, die Unterlagen vorzubereiten.«
Dominik nickte. »Ja, Vater. Ist erledigt.«
Richard nickte mir zum Abschied zu und ging. Als er weg war, beugte sich Dominik zu mir und flüsterte: »Mein Vater ist sehr beeindruckt von dir. Er glaubt, du könntest eine wertvolle Bereicherung für die Familie sein.«
Ich lachte leise. »Das ist schön zu hören, Max.«
»Ich meine es ernst, Elena. Ich weiß, was zwischen uns passiert ist, aber ich glaube, wir können einen Neuanfang wagen. Wir könnten…«
»Was könnten wir, Max?« Ich sah ihm direkt in die Augen, meine Stimme kühl und distanziert.
Er zögerte. »Wir könnten alles haben, Elena. Alles.«
»Alles?« Ich wiederholte das Wort, ließ es auf meiner Zunge zergehen. »Interessant. Denn genau das werde ich auch bekommen. Alles.«
Ich wandte mich ab und ging zurück zum Geländer. Die Lichter des Hafens schienen zu flackern, als ob sie mein Schicksal vorhersagen würden. Ich spürte eine Hand auf meiner Schulter. Es war nicht Dominik. Es war Richard von Eichendorff.
»Frau Engel«, sagte er. »Ich muss Ihnen etwas Wichtiges sagen. Etwas, das Dominik Ihnen verschwiegen hat.« Er beugte sich näher zu mir, seine Stimme nur ein Flüstern. »Es geht um den Deal mit den Leipolds. Und um das wahre Motiv meines Sohnes…«