Sein dunkles Pfand
Chapter 1 — Sein dunkles Pfand
Der Whiskey brannte in meiner Kehle, ein schwacher Trost gegen die eisige Angst, die sich in meiner Brust ausbreitete. Dreiundzwanzig Jahre alt, und mein Leben sollte heute Nacht in den Händen eines Mannes entschieden werden, dessen Namen man nur flüsterte.
Ich presste die Lippen zusammen und starrte auf die glitzernde Skyline von München. Vom Dach des Hotels „Bayerischer Hof“ aus wirkte die Stadt friedlich, fast unschuldig. Ein trügerischer Schein. Unter dieser Oberfläche lauerte das Biest, das mein Leben verschlingen wollte. Elias von Bülow.
Mein Vater hatte Schulden gemacht. Riesige Schulden. Bei Leuten, die man besser nicht verärgerte. Und anstatt die Konsequenzen zu tragen, hatte er sich feige aus dem Staub gemacht, mich zurückgelassen, um den Scherbenhaufen aufzukehren. Ein Scherbenhaufen, der nun in Form eines Ehevertrags vor mir lag.
Die kalte Herbstluft ließ meine Haut prickeln, als ich die Unterschrift unter dem Dokument betrachtete. In schnörkeliger Schrift stand dort sein Name: Elias von Bülow. Der Name des Mannes, der bald mein Ehemann sein würde. Mein Gefängniswärter. Mein Albtraum.
Ich hatte ihn noch nie getroffen. Nur Fotos gesehen. Bilder, die mehr Fragen aufwarfen als beantworteten. Dunkle Augen, die unter schweren Brauen lauerten, ein Mund, der eher für Befehle als für Zärtlichkeiten geschaffen schien. Ein Mann, der Macht ausstrahlte, eine Macht, die beängstigend und faszinierend zugleich war.
„Fräulein Jung?“, fragte eine tiefe Stimme hinter mir. Ich zuckte zusammen und drehte mich um. Ein Mann in einem tadellos geschnittenen Anzug stand da, das Gesicht im Schatten verborgen. Seine Augen musterten mich, kühl und distanziert.
„Ich bin Erik Neumann“, sagte er. „Herr von Bülow hat mich geschickt, um Sie abzuholen.“
Erik Neumann. Der rechte Hand von Elias von Bülow. Ich hatte von ihm gehört. Ein Mann, der loyal war bis zum Äußersten, ein Mann, der keine Fragen stellte. Ein Mann, der dafür sorgte, dass die Dinge erledigt wurden.
„Ich bin bereit“, sagte ich, meine Stimme überraschend fest. Ich würde ihm keine Angst zeigen. Nicht jetzt. Nicht vor ihm. Ich würde mein Schicksal mit Würde ertragen, so gut ich konnte.
Er nickte knapp und deutete auf den Fahrstuhl. Die Fahrt nach unten fühlte sich wie eine Reise in die Hölle an. Jeder Stockwerk, das wir tiefer fuhren, schien mich mehr in die Fänge von Elias von Bülow zu ziehen. Meine Kehle war wie zugeschnürt, meine Hände feucht.
Vor dem Hotel wartete eine schwarze Limousine. Die Tür wurde geöffnet, und ich wurde hineingewiesen. Erik Neumann nahm neben dem Fahrer Platz, ohne ein weiteres Wort an mich zu richten. Die Stille im Wagen war erdrückend, nur das leise Surren des Motors durchbrach sie.
Wir fuhren aus München hinaus, in Richtung Süden. Die Lichter der Stadt verschwanden langsam hinter uns, und die Landschaft wurde dunkler und unheimlicher. Ich hatte keine Ahnung, wohin er mich brachte. Ich wusste nur, dass mein altes Leben vorbei war. Für immer.
Nach einer quälend langen Fahrt bogen wir auf eine lange, von Bäumen gesäumte Auffahrt ein. Am Ende der Auffahrt erhob sich ein riesiges Anwesen, dessen Umrisse im Mondlicht nur schemenhaft zu erkennen waren. Es wirkte wie ein Schloss, uneinnehmbar und düster.
„Willkommen auf Schloss Hohenberg“, sagte Erik Neumann, ohne mich anzusehen. „Hier werden Sie leben.“
Ich stieg aus dem Wagen und blickte auf das Anwesen. Es war noch viel größer und imposanter, als ich es mir vorgestellt hatte. Ein Ort, der Ehrfurcht einflößte und gleichzeitig Angst machte. Ein Ort, der wie ein Grab wirkte.
Die schweren Eichentüren öffneten sich, und ich wurde in eine riesige Halle geführt. Der Boden war mit Marmor ausgelegt, die Wände mit dunklen Holzpaneelen verkleidet. Überall hingen Gemälde von ernsten Männern und Frauen, die mich mit ihren Augen zu verfolgen schienen.
Eine ältere Frau mit strengem Gesichtsausdruck kam auf mich zu. Sie trug eine schwarze Uniform und ihre grauen Haare waren zu einem strengen Knoten gebunden.
„Ich bin Frau Weber“, sagte sie. „Ich bin die Haushälterin. Ich werde Ihnen Ihr Zimmer zeigen.“
Sie führte mich eine breite Treppe hinauf, vorbei an unzähligen Türen. Das Anwesen schien ein Labyrinth zu sein, ein Ort, an dem man sich leicht verirren konnte.
Mein Zimmer war groß und luxuriös eingerichtet, aber es fühlte sich kalt und unpersönlich an. Die Wände waren in einem dunklen Grünton gestrichen, die Möbel aus schwerem Mahagoni. Ein riesiges Himmelbett dominierte den Raum. Ein Käfig aus Samt und Seide.
„Das Badezimmer ist dort“, sagte Frau Weber und deutete auf eine Tür. „Das Abendessen wird um acht Uhr im Speisesaal serviert.“
Sie verließ den Raum, ohne ein weiteres Wort. Ich stand allein da, gefangen in meinem neuen Zuhause. Gefangen in Samt und Schuld.
Ich ging zum Fenster und blickte hinaus. Der Garten lag im Dunkeln, nur von ein paar schwachen Lichtern erhellt. In der Ferne konnte ich den dunklen Wald erkennen, der das Anwesen umgab. Ein Ort, an dem man sich leicht verlieren konnte. Ein Ort, an dem man vielleicht nie wieder gefunden wurde.
Ich drehte mich um und betrachtete mein Spiegelbild. Das Gesicht, das mir entgegenblickte, war blass und verängstigt. Ich erkannte mich kaum wieder. War das wirklich ich, Bianca Jung? Die junge Frau, die Träume und Hoffnungen hatte? Oder war ich nur noch ein Schatten meiner selbst?
Ein leises Geräusch ließ mich zusammenzucken. Ich drehte mich um und sah, dass die Tür langsam aufging.
Im Türrahmen stand er. Elias von Bülow. Dunkel und bedrohlich, wie ein Schatten. Seine Augen fixierten mich, und ein kalter Schauer lief mir über den Rücken.
„Willkommen, meine Frau“, sagte er mit einer Stimme, die so kalt war wie Eis. „Ich hoffe, Sie fühlen sich wohl.“
Er trat in den Raum, und die Tür fiel hinter ihm ins Schloss. Ich war gefangen. Mit ihm. Für immer.