Blind vor Rache

Chapter 1 — Blind vor Rache

Der Geruch von kaltem Stahl und alten Rosen hing schwer in der Luft, als ich die Waffe entsicherte. Nicht irgendeine Waffe. Seine Waffe. Das Familienerbstück, das er so stolz präsentierte, als wäre es ein Beweis seiner Macht. Nun war sie in meinen Händen, ein Symbol meiner bevorstehenden Rache.

München, die Stadt der Schönen und Reichen, war nur eine Fassade. Dahinter verbarg sich ein Netz aus Intrigen, Verrat und dunklen Geheimnissen. Ich, Maja Schuster, war ein Teil dieses Netzes geworden, gezwungen durch seine Machenschaften. Tobias von Treuberg. Sein Name war wie Gift auf meiner Zunge.

Vor zwei Jahren war ich noch ein naives Mädchen, frisch vom Lande, voller Träume von einem unbeschwerten Leben in der Großstadt. Ich hatte ein Stipendium für die Ludwig-Schusters-Universität bekommen, wollte Kunstgeschichte studieren, die Welt entdecken. Dann traf ich ihn. Tobias. Er war charmant, unglaublich reich und unbestreitbar gefährlich. Er versprach mir die Welt, und ich, töricht verliebt, glaubte ihm jedes Wort.

Unsere Beziehung war eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Leidenschaftliche Nächte wechselten sich ab mit eisiger Kälte. Er kontrollierte mein Leben, meine Freunde, meine Entscheidungen. Ich war wie eine Marionette in seinen Händen, gefangen in einem goldenen Käfig. Bis zu dem Tag, an dem er mir das Herz brach. Nicht nur das. Er zerstörte meine Familie, raubte uns alles, was uns lieb und teuer war. Mein Vater verlor seine Firma, meine Mutter ihren Lebensmut.

Tobias hatte mich benutzt, um an Informationen zu gelangen, die seinen eigenen Geschäften dienten. Er hatte mich verraten, ohne mit der Wimper zu zucken. Danach ließ er mich fallen wie eine heiße Kartoffel. Ich war am Boden zerstört, voller Scham und Wut.

Aber ich bin nicht zerbrochen. Ich habe meine Wut in Stärke verwandelt. Ich habe gelernt, wie man in dieser Welt spielt, wie man manipuliert, wie man seine Gegner täuscht. Ich habe mir Verbündete gesucht, Menschen, die ebenfalls von Tobias betrogen wurden. Gemeinsam haben wir einen Plan geschmiedet, einen Plan, der ihn alles kosten wird.

Die Lilien. Sie waren sein Markenzeichen. Er liebte sie. Sie schmückten sein Anwesen, sein Büro, sogar seine Kleidung. Sie waren ein Symbol seiner Reinheit, seiner Unantastbarkeit. Aber ich werde sie in den Schatten ziehen, sie mit meinem Hass beflecken.

Ich betrat die Villa von Treuberg. Die Sicherheitsvorkehrungen waren lächerlich. Ich hatte sie alle studiert, jeden Winkel, jede Kamera. Ich kannte das Haus besser als er selbst. In der Bibliothek, seinem Lieblingsort, erwartete ich ihn. Der Mond schien durch die hohen Fenster und warf lange Schatten auf die dunklen Holzregale. Der Geruch von altem Leder und teurem Whiskey lag in der Luft.

Ich hörte seine Schritte. Langsam, selbstsicher, arrogant. Er wusste nicht, was ihn erwartete. Er konnte nicht ahnen, dass sein Leben in wenigen Minuten für immer verändert sein würde.

Die Tür öffnete sich. Tobias trat ein, ein Glas Whiskey in der Hand, ein selbstgefälliges Grinsen auf den Lippen. „Maja? Was machst du denn hier?“, fragte er überrascht. Seine Augen blitzten kurz auf, dann verbarg er seine Emotionen hinter einer Maske der Gleichgültigkeit. „Ich hätte nicht gedacht, dass du den Mut hast, dich hierher zu wagen.“

Ich hob die Waffe. Seine Augen weiteten sich. Das Grinsen verschwand von seinem Gesicht. „Was soll das?“, fragte er, seine Stimme zitterte leicht. Er versuchte, die Fassung zu wahren, aber ich sah die Angst in seinen Augen.

„Das ist der Preis für deine Lügen, Tobias“, sagte ich, meine Stimme kalt und emotionslos. „Der Preis für den Schmerz, den du meiner Familie zugefügt hast. Der Preis für mein gebrochenes Herz.“

Er machte einen Schritt auf mich zu. „Maja, bitte… lass uns darüber reden. Es gibt doch sicher eine Lösung.“

Ich lachte. Ein kurzes, bitteres Lachen. „Eine Lösung? Du hattest deine Chance. Du hast sie verspielt.“

Ich drückte ab. Doch anstatt eines Knalls hörte ich nur ein leises Klicken. Die Waffe war nicht geladen.

Tobias grinste. „Du dachtest wirklich, ich würde meine Waffe ungeladen herumliegen lassen?“, sagte er höhnisch. Er zog eine eigene Waffe aus seinem Jackett. „Du bist naiv, Maja. Sehr naiv.“

Er zielte auf mich. Ich schloss die Augen. Ich hatte versagt. Meine Rache war gescheitert. Doch dann hörte ich einen Schrei. Nicht von mir. Von Tobias. Ich öffnete die Augen und sah eine Gestalt hinter ihm stehen. Eine Gestalt mit einem Messer in der Hand. Eine Gestalt, die ich gut kannte.