Zerborstene Seelen

Chapter 1 — Zerborstene Seelen

Die eisige Luft schnitt Fiona Weiss ins Gesicht, als sie vor der Villa zum Stehen kam. Nicht irgendeine Villa, sondern das Anwesen der Familie Vogt – ein Ort, der in den dunklen Ecken ihres Geistes seit Wochen spukte. Ein Ort, an dem ihr Leben eine schicksalhafte Wendung nehmen sollte, ob sie wollte oder nicht.

Der massive schmiedeeiserne Zaun wirkte wie eine Drohung, jede Spitze ein stummer Wächter. Sie umklammerte die Träger ihrer Handtasche fester. Ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen, ein verzweifelter Trommler in der Stille der Winternacht. Wie hatte es nur so weit kommen können?

Vor drei Monaten war Fiona eine ganz normale Studentin in Heidelberg gewesen, vertieft in ihre Bücher und Träume von einer Zukunft als Kunstrestauratorin. Jetzt stand sie hier, bereit, sich Bruno Vogt auszuliefern – einem Mann, dessen Name in der Heidelberger Gesellschaft nur geflüstert wurde, ein Mann, der Macht und Gefahr verkörperte.

Ihre Schulden. Es waren immer ihre Schulden gewesen. Die Spielsucht ihres Vaters hatte die Familie in den Ruin getrieben, ein Abwärtsstrudel, der unaufhaltsam schien. Nach seinem Tod hatte Fiona versucht, das Chaos zu ordnen, doch die Schuldenlast war erdrückend. Dann war Bruno Vogt aufgetaucht, wie ein Raubtier, das seine Beute wittert. Er bot ihr einen Ausweg, eine Lösung, die so einfach wie teuflisch war: Sie sollte ihn heiraten.

»Ein Jahr«, hatte er gesagt, seine dunklen Augen blitzten unter den dichten Brauen. »Ein Jahr als meine Frau, und alle Schulden sind getilgt. Danach bist du frei.«

Frei? Die Vorstellung war lächerlich. Wie konnte sie jemals frei sein, nachdem sie sich dem Mann ausgeliefert hatte, der für seine Skrupellosigkeit bekannt war? Aber sie hatte keine Wahl. Sie konnte nicht zulassen, dass das Vermächtnis ihres Vaters sie und ihre Familie für immer verfolgte.

Mit zitternden Händen drückte sie auf den Knopf der Gegensprechanlage. Ein Rauschen, dann eine tiefe, monotone Stimme: »Vogt.«

»Ich bin es, Fiona Weiss«, stammelte sie. »Ich… ich bin hier, um…« Ihre Stimme versagte.

»Das weiß ich«, erwiderte die Stimme ungeduldig. »Das Tor ist offen.«

Das Tor öffnete sich geräuschlos, als würde es sie verschlingen wollen. Fiona atmete tief durch und zwang ihre Beine, sich zu bewegen. Der Kiesweg knirschte unter ihren Schritten, ein ohrenbetäubender Lärm in der gespenstischen Stille. Die Villa, ein monströser Bau aus dunklem Stein, schien über ihr zu thronen, ein Symbol der Macht und des Reichtums, der sie nun gefangen hielt.

Die Eingangstür öffnete sich, und eine Gestalt trat ins Licht. Ein Mann, groß und breit gebaut, mit einem Gesicht, das von Narben gezeichnet war. Er trug einen dunklen Anzug, der die Härte seiner Züge noch unterstrich. Seine Augen, kalt und stechend, musterten sie von Kopf bis Fuß.

»Sie sind spät«, sagte er mit einer Stimme, die so rau war wie Schleifpapier. »Bruno erwartet Sie.«

Fiona nickte stumm und folgte dem Mann ins Innere der Villa. Der Eingangsbereich war opulent eingerichtet, mit Marmorböden, schweren Samtvorhängen und einem riesigen Kristalllüster, der blendendes Licht warf. Doch all die Pracht konnte die kalte, unheimliche Atmosphäre nicht überdecken.

Sie wurde durch lange, dunkle Gänge geführt, vorbei an stummen Dienern und Gemälden, deren Augen ihr zu folgen schienen. Schließlich blieben sie vor einer massiven Holztür stehen. Der Mann klopfte kurz und öffnete dann die Tür.

»Hier ist sie«, sagte er mit tonloser Stimme.

Fiona trat ein. Das Zimmer war ein Arbeitszimmer, mit dunklen Holzvertäfelungen, einem riesigen Schreibtisch und Bücherregalen, die bis zur Decke reichten. Am Fenster stand ein Mann, den Rücken ihr zugewandt, und blickte in die Nacht hinaus. Die Silhouette war imposant, bedrohlich.

Er drehte sich langsam um. Seine Augen fixierten sie, durchdrangen sie. Bruno Vogt. Er war noch dunkler, noch gefährlicher, als sie es sich vorgestellt hatte. Seine Züge waren scharf und markant, sein Blick kalt und berechnend. Er war die Definition von Macht, verpackt in menschliche Gestalt.

»Fiona Weiss«, sagte er mit tiefer, sonorer Stimme. »Willkommen in meinem Haus.« Seine Lippen verzogen sich zu einem spöttischen Lächeln. »Oder sollte ich sagen, willkommen in deinem neuen Zuhause?«

Sie schluckte schwer. »Danke, Herr Vogt.«

»Bruno«, korrigierte er. »Nenn mich Bruno. Wir sind schließlich bald verheiratet.« Er kam näher, seine Augen verloren ihren Fokus nicht. »Ich hoffe, du bist bereit für das, was kommt, Fiona. Denn das hier wird kein Märchen.«

Er umrundete sie, wie ein Raubtier, das seine Beute taxiert. Fiona spürte, wie ihr Herz schneller schlug, wie ihr Atem stockte. Sie war gefangen. Sie war sein. Und sie hatte keine Ahnung, wie sie das nächste Jahr überleben sollte.

»Ich habe eine kleine Überraschung für dich, Fiona«, sagte Bruno mit einem gefährlichen Funkeln in den Augen. Er nickte einem Mann zu, der im Schatten der Tür stand. Der Mann trat vor und zog eine gefesselte Frau in den Raum. Ihr Mund war mit einem Knebel verschlossen, ihre Augen voller Panik. Bruno sah Fiona direkt in die Augen, während er sagte: »Sie hat eine Kleinigkeit gestohlen. Ich dachte, du könntest mir bei der Bestrafung helfen. Schließlich bist du jetzt Teil der Familie.«