Heidelberger Schatten
Chapter 1 — Heidelberger Schatten
Der Geruch von frisch gebrühtem Kaffee hing schwer in der Luft, vermischt mit der leicht muffigen Note alter Bücher. Ein Geruch, der mich sonst tröstete, der mich an meine Großmutter und endlose Nachmittage in ihrer Buchhandlung erinnerte. Heute aber kratzte er in meiner Kehle wie ein Hilfeschrei.
Ich starrte aus dem Fenster, die trübe Morgensonne tauchte die Regale voller vergilbter Schätze in ein fahles Licht. "Antiquariat Diehl" stand in verschnörkelten Lettern über der Tür, ein Relikt aus einer anderen Zeit. So wie ich. Ich, Theresa Diehl, 32 Jahre alt und seit drei Monaten zurück in Heidelberg, in dem Leben, das ich vor zehn Jahren so verzweifelt hinter mir gelassen hatte.
Ein Klingeln riss mich aus meinen Gedanken. Eine ältere Dame mit einem übergroßen Hut betrat den Laden, ihr Dackel trottete hinterher. Normalerweise hätte ich sie mit einem Lächeln begrüßt, ihr von den neuesten Antiquitäten erzählt, ihr einen frisch gebrühten Kaffee angeboten. Aber heute? Heute fühlte ich mich wie eine Marionette, die ihre Fäden verloren hatte.
"Guten Morgen, Frau Diehl", sagte die Dame mit einem freundlichen Nicken. "Ich suche ein Geschenk für meinen Enkel, er hat bald Geburtstag und ist ganz vernarrt in alte Karten."
Ich zwang mich zu einem Lächeln. "Selbstverständlich, da habe ich einiges für Sie. Kommen Sie mit."
Ich führte sie zu einem Regal voller alter Atlanten und Seekarten. Während sie stöberte, versuchte ich, meine Gedanken zu ordnen. Zehn Jahre. Zehn Jahre, in denen ich versucht hatte, ihn zu vergessen. Ihn, Vincent Pohl. Meine Jugendliebe, meine erste große Liebe, der Mann, der mein Herz gebrochen hatte.
Ich hatte Heidelberg verlassen, um in Berlin Kunstgeschichte zu studieren. Um ein neues Leben zu beginnen, weit weg von den Erinnerungen an uns. Ich hatte erfolgreich eine Galerie aufgebaut, Freunde gefunden, gelebt. Aber er war immer da, ein Schatten in meinem Herzen. Und dann der Anruf. Meine Großmutter war gestorben. Und ich musste zurück.
Ich erbte nicht nur das Antiquariat, sondern auch eine Flut von Erinnerungen, die ich so lange unterdrückt hatte. Jeder Stein in dieser Stadt schien eine Geschichte von uns zu erzählen. Jeder Ort, an dem wir uns geküsst, gelacht, geliebt hatten. Und jetzt, drei Monate später, hatte ich mich mehr oder weniger damit arrangiert. Ich hatte das Antiquariat renoviert, neue Kunden gewonnen, sogar ein paar alte Freunde wiedergetroffen. Ich dachte, ich wäre bereit.
Bis ich gestern Abend eine Nachricht erhielt. Eine kurze, prägnante Nachricht, die mein Herz zum Rasen brachte und meine Hände zittern ließ:
*Ich bin zurück. Wir müssen reden. Vincent.*
Ich hatte die ganze Nacht kein Auge zugetan. Ich hatte mich gefragt, was er wollte, warum er zurück war. Hatte er mich vergessen? Hatte er überhaupt an mich gedacht?
Die ältere Dame räusperte sich. "Diese Karte von Afrika ist wunderschön. Was kostet sie denn?"
Ich nannte ihr den Preis, verstaute die Karte sorgfältig in Papier und nahm das Geld entgegen. Als sie den Laden verließ, atmete ich tief durch. Ich musste mich beruhigen. Ich durfte nicht zulassen, dass er mich aus der Fassung brachte. Ich war nicht mehr das naive Mädchen von damals.
Gerade als ich mich wieder meinen Büchern zuwenden wollte, klingelte es erneut. Diesmal war es kein Kunde. In der Tür stand ein Mann. Groß, breit, mit dunklen Haaren und stechend blauen Augen. Vincent. Er hatte sich verändert. Er war erwachsener geworden, härter. Aber seine Augen… sie hatten immer noch diesen Glanz, der mich schon als Teenagerin verrückt gemacht hatte.
"Theresa", sagte er leise, seine Stimme rau und tief. "Es ist schön, dich wiederzusehen."
Ich brachte kein Wort heraus. Ich starrte ihn nur an, wie erstarrt. Dann bemerkte ich den Mann, der hinter ihm stand. Ein Mann mit einem finsteren Blick und einem auffälligen Tattoo auf dem Handgelenk. Ein Tattoo, das ich nur allzu gut kannte. Ein Tattoo, das mich in eine Welt zurückwarf, vor der ich so lange geflohen war. Ein Tattoo, das für die 'Ndrangheta stand.
Vincent lächelte nicht. "Theresa", sagte er, seine Stimme nun eiskalt. "Ich glaube, wir haben einiges zu besprechen. Und Alessandro wird sicherstellen, dass wir dabei nicht gestört werden."