Verrat um Mitternacht
Chapter 1 — Verrat um Mitternacht
Das Blut roch metallisch, süßlich, wie billiger Rotwein. Klara Sommer presste die Lippen zusammen, während der kalte Wind von der Elbe über die Reeperbahn fegte und den Geruch noch weiter verteilte. Sie hasste diesen Geruch. Er erinnerte sie an alles, was sie an diesem Ort verabscheute.
Sie stand im Schatten eines Lagerhauses, die Absätze ihrer Overknee-Stiefel versanken leicht im feuchten Asphalt. Vor ihr, im flackernden Licht einer einsamen Straßenlaterne, lag er. Ein Mann, den sie kannte, oder zumindest kannte sie seinen Namen: Marco. Einer von Alessios Handlangern. Jetzt ein toter Handlanger.
Alessio Moretti. Der Name allein ließ eine eisige Kälte in Klaras Magen aufsteigen. Er war der Grund, warum sie hier war, warum sie überhaupt in diese Welt geraten war. Alessio, der Mann mit den eisblauen Augen und dem Lächeln eines Raubtiers. Der Mann, der ihr Leben für immer verändert hatte.
„Klara?“ Eine raue Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Matteo Krause, ihr Cousin und – widerwillig – ihr Beschützer in dieser Hölle, trat neben sie. Er war groß, breit gebaut, mit kurz geschorenen, dunklen Haaren und stechenden grauen Augen. Ein typischer Türsteher, aber mit dem Verstand eines Schachspielers. Und leider auch mit der Loyalität eines Bluthundes gegenüber Alessio.
„Polizei ist unterwegs“, sagte Matteo knapp, ohne sie anzusehen. „Du musst weg.“
Klara nickte stumm. Sie wusste, dass sie keine Zeit verlieren durfte. Ihre Anwesenheit hier war mehr als nur riskant. Sie war eine Einladung zur Katastrophe. Alessio durfte sie nicht hier finden. Nicht jetzt. Nicht so.
Sie drehte sich um und eilte zurück in die dunklen Gassen der Reeperbahn. Das grelle Neonlicht der Stripclubs und Bars blendete sie kurz, die laute Musik und das Gelächter der Betrunkenen wirkten wie ein surrealer Kontrast zu der Leiche, die sie gerade zurückgelassen hatte. Sie war wie ein Geist in dieser Welt, unsichtbar und doch mittendrin.
Klara kannte die Reeperbahn wie ihre Westentasche. Sie war hier aufgewachsen, zwischen den zwielichtigen Gestalten, den Dealern und den Nutten. Ihr Vater hatte eine kleine Bar besessen, ein heruntergekommenes Loch, das er mit Mühe über Wasser gehalten hatte. Bis zu seinem Tod. Bis Alessio kam.
Sie erreichte die kleine Wohnung über der Bar, die sie immer noch ihr Zuhause nannte. Die Treppe knarrte unter ihren Füßen, jeder Schritt ein Echo ihrer Angst. Sie schloss die Tür auf und lehnte sich dagegen, ihr Herz raste wie ein wildes Tier.
Die Wohnung war klein und spartanisch eingerichtet. Ein Bett, ein Tisch, ein paar Stühle, eine Kochnische. Mehr brauchte sie nicht. Sie lebte hier nur, um zu überleben. Um Alessio aus dem Weg zu gehen. Zumindest versuchte sie es.
Sie warf ihre Jacke auf einen Stuhl und ging zum Fenster. Von hier aus konnte sie die Reeperbahn überblicken. Die Lichter funkelten wie kleine Sterne in der Dunkelheit, aber Klara sah nur die Schatten. Die Schatten, die sie verfolgten, die sie nie loswerden würde.
Sie dachte an ihre Mutter, die vor fünf Jahren an Krebs gestorben war. Sie dachte an ihren Vater, der ein Jahr später bei einem Autounfall ums Leben gekommen war – oder was man ihr als Autounfall verkauft hatte. Und sie dachte an Alessio. Alessio, der ihr alles genommen hatte. Alles außer ihrem Leben.
Und jetzt war sie ihm etwas schuldig. Eine Schuld, die sie nicht begleichen konnte. Eine Schuld, die sie für immer an ihn binden würde.
Ihr Handy klingelte. Eine unbekannte Nummer. Klara zögerte. Sollte sie rangehen? Sie wusste, wer dran war. Er hatte eine Art, sie immer zu finden.
Sie atmete tief durch und nahm ab. „Sommer“, sagte sie, ihre Stimme ruhig, fast emotionslos.
„Klara, mein Schatz“, säuselte Alessios Stimme am anderen Ende der Leitung. Sie spürte, wie sich ihr Magen zusammenkrampfte. „Ich habe gehört, es gab ein kleines Problem auf der Reeperbahn. Du warst doch nicht etwa in der Nähe?“
„Ich war zu Hause“, log Klara, ihre Stimme fest. „Ich habe nichts gehört.“
Alessio lachte leise. Es war ein kaltes, berechnendes Lachen, das ihr eine Gänsehaut über den Rücken jagte. „Sicher, mein Schatz. Aber ich weiß, dass du lügst. Du bist eine schlechte Lügnerin, Klara. Das ist einer der Gründe, warum ich dich so mag.“
Er machte eine kurze Pause. Klara hörte im Hintergrund leise Musik und das Klirren von Gläsern. Er war wahrscheinlich in seinem Penthouse, hoch über den Dächern Hamburgs, umgeben von seinen Schergen und seinem Luxus.
„Ich brauche dich, Klara“, sagte Alessio dann, seine Stimme plötzlich ernst. „Ich habe eine Aufgabe für dich. Eine sehr wichtige Aufgabe.“
Klara spürte, wie ihr das Blut in den Adern gefror. Sie wusste, was das bedeutete. Eine Aufgabe von Alessio war nie etwas Gutes. Es bedeutete immer Gefahr, Gewalt, Tod.
„Was willst du?“, fragte sie, ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern.
„Du sollst jemanden beschatten“, sagte Alessio. „Jemand, der uns Probleme bereitet. Finde heraus, was er plant, und bringe ihn dazu, aufzuhören. Auf jede Art und Weise, die dir angemessen erscheint.“
Klara schluckte. Sie wusste, was er von ihr verlangte. Sie sollte jemanden ausspionieren, ihn manipulieren, ihn vielleicht sogar töten.
„Ich kann das nicht“, sagte sie, ihre Stimme zitterte leicht. „Ich bin nicht dafür gemacht.“
Alessio lachte erneut. „Ach, Klara. Du unterschätzt dich. Du bist viel stärker, als du denkst. Und du hast keine Wahl. Du schuldest mir etwas. Erinnerst du dich?“
Er legte auf. Klara starrte auf ihr Handy, ihre Hand zitterte. Sie war gefangen. Gefangen in Alessios Netz aus Lügen und Gewalt. Gefangen in einer Welt, aus der es kein Entkommen gab. Sie sank auf das Bett und vergrub ihr Gesicht in den Händen. Was sollte sie tun?
Plötzlich hörte sie ein leises Geräusch. Ein Kratzen an der Tür. Sie riss den Kopf hoch und starrte in die Dunkelheit. War da jemand? Sie hielt den Atem an und lauschte. Da war es wieder. Ein leises, aber deutliches Kratzen. Jemand versuchte, ihre Tür aufzubrechen.
Ihr Herz raste noch schneller. Sie sprang auf und rannte in die Kochnische. Sie griff nach dem einzigen Messer, das sie besaß, einem alten, rostigen Brotmesser. Es war keine Waffe, aber es war besser als nichts.
Sie schlich zurück zur Tür und presste sich an die Wand. Das Kratzen wurde lauter, heftiger. Die Tür gab nach. Ein Spalt öffnete sich. Klara hob das Messer und hielt den Atem an. Sie war bereit, zu kämpfen. Bereit, zu töten.
Die Tür flog auf. Und im Türrahmen stand Matteo. Aber er war nicht allein. Hinter ihm standen zwei Männer in dunklen Anzügen. Männer, die Klara kannte. Männer, die zu Alessio gehörten. Matteo sah sie nicht an, blickte nur zu Boden.
„Alessio lässt dich grüßen, Klara“, sagte einer der Männer mit einem kalten Lächeln. „Er hat eine Überraschung für dich.“