Die falsche Verführerin

Chapter 1 — Die falsche Verführerin

Das Echo eines Schusses hallte in meinen Ohren, als wäre es erst gestern gewesen, obwohl fünf Jahre vergangen waren. Fünf Jahre, in denen sich meine Trauer in Eis verwandelt hatte, meine Verzweiflung in Stahl. Fünf Jahre, in denen ich geplant hatte, wie ich Leonard von Rosenberg alles nehmen würde, was er mir genommen hatte.

Ich stand am Fenster meines Apartments in Kreuzberg, die Skyline von Berlin vor mir wie ein Versprechen. Ein Versprechen von Macht, von Einfluss, von der Möglichkeit, ihn zu zerstören. Leonard, der Erbe eines Industrieimperiums, der Mann, der meinen Bruder auf dem Gewissen hatte. Offiziell ein Unfall beim Skifahren in Garmisch-Partenkirchen. Aber ich wusste es besser.

Mein Handy vibrierte. Eine Nachricht von Daniel, meinem Informanten. »Er ist in der Stadt. Hotel Adlon. Heute Abend.«

Mein Herz setzte einen Schlag aus. Es war so weit. Ich hatte jeden Winkel seines Lebens studiert, seine Vorlieben, seine Schwächen. Ich wusste, dass er ein Faible für teuren Wein und schöne Frauen hatte. Ich würde beides sein.

Ich öffnete meinen Kleiderschrank. Ein Meer aus dunklen, eleganten Kleidern. Ich entschied mich für ein tiefrotes Samtkleid, das meine Kurven betonte. Dazu schwarze High Heels, die mich noch größer wirken ließen. Ich wollte einschüchtern, verführen, dominieren.

Im Spiegel betrachtete ich mein Spiegelbild. Johanna Dietrich, 28 Jahre alt, studierte Betriebswirtschaftslehre, arbeitete nebenbei in einem kleinen Café. Das war die Fassade. Die Wahrheit war, dass ich die letzten Jahre damit verbracht hatte, mich auf diesen Moment vorzubereiten. Ich hatte Kampfsport gelernt, meine rhetorischen Fähigkeiten perfektioniert, ein Netzwerk von Informanten aufgebaut.

Ich fuhr mit einem Taxi zum Hotel Adlon. Die Pracht und der Luxus dieses Ortes waren mir widerlich. Alles, was Leonard liebte. Ich atmete tief durch und betrat die Lobby. Ich wusste, wo er war: in der Bar. Ich hatte Daniel bezahlt, um mir einen Tisch in seiner Nähe zu reservieren.

Als ich ihn sah, erstarrte ich. Er war noch attraktiver, als ich ihn in Erinnerung hatte. Dunkle Haare, stechende blaue Augen, ein arrogantes Lächeln. Er unterhielt sich angeregt mit einem Geschäftspartner. Ich setzte mich an meinen Tisch und bestellte einen Champagner. Ich beobachtete ihn, studierte seine Mimik, seine Gesten. Ich musste perfekt vorbereitet sein.

Plötzlich wandte er sich um und sah mich an. Unsere Blicke trafen sich. Ein Hauch von Überraschung huschte über sein Gesicht. Dann ein Lächeln, das mir eiskalt den Rücken hinunterlief. Er erhob sich und kam auf mich zu.

»Verzeihen Sie die Störung«, sagte er mit einer Stimme, die so sanft war, dass sie fast täuschend wirkte. »Aber ich glaube, wir kennen uns.«

Ich lächelte zurück. »Ich glaube, Sie verwechseln mich.«

»Unmöglich«, erwiderte er. »Sie sehen einer alten Freundin zum Verwechseln ähnlich. Darf ich mich setzen?«

Bevor ich antworten konnte, zog er einen Stuhl heran und setzte sich. »Leonard von Rosenberg«, sagte er und reichte mir die Hand. »Und Sie sind…?«

»Johanna Berger«, log ich. Der Name meiner Mutter. Ein kleines Detail, das ihn verwirren sollte. »Es ist mir eine Freude.«

Er musterte mich. »Die Freude ist ganz meinerseits, Frau Berger. Was führt Sie denn ins Adlon?«

Ich lächelte geheimnisvoll. »Geschäfte«, sagte ich. »Und Vergnügen.«

Er grinste. »Eine gefährliche Kombination.«

»Nur wenn man nicht weiß, wie man sie handhabt«, erwiderte ich. Ein erster Stich. Ein erster Vorgeschmack auf das, was noch kommen würde.

Er bestellte uns eine Flasche seines teuersten Weins. Während wir uns unterhielten, spürte ich, wie sich eine unsichtbare Verbindung zwischen uns aufbaute. Eine Verbindung, die auf Lügen und Täuschung basierte. Aber auch auf einer unbestreitbaren Anziehungskraft.

Später, als er mich in sein Suite begleitete, flüsterte er: »Ich habe das Gefühl, wir werden eine sehr interessante Zeit miteinander haben, Johanna.«

Ich sah ihm in die Augen und flüsterte zurück: »Das verspreche ich Ihnen, Leonard. Sehr interessant.«

Als ich die Tür zu seiner Suite hinter mir schloss, wusste ich, dass das Spiel begonnen hatte. Aber wer hier wirklich der Jäger und wer die Beute war, das würde sich erst noch zeigen. Was ich jedoch nicht ahnte: Er kannte meinen wahren Namen. Er wusste, wer ich wirklich war. Und er hatte sein eigenes Spiel begonnen.