Alibi für eine Nacht
Chapter 1 — Alibi für eine Nacht
Der Champagner prickelte auf meiner Zunge, doch der bittere Nachgeschmack der Lüge überwältigte ihn. »Also, Ida«, sagte Tante Ingrid mit einem ihrer berüchtigten, alles durchdringenden Blicke, »wann lernen wir denn endlich deinen neuen Freund kennen? Du schwärmst ja schon seit Monaten von ihm.«
Ich schluckte schwer. Seit Monaten schwärmte ich von einem Phantom. Einem Mann, der in meinem Kopf existierte, um meine Familie – und vor allem Tante Ingrid – ruhigzustellen. Der Druck, endlich unter der Haube zu sein, war erdrückend, besonders auf den jährlichen Familientreffen im beschaulichen Heidelberg. Ich liebte meine Familie, aber ihre traditionellen Vorstellungen von Glück und Erfolg erstickten mich fast. Als wäre mein Job als freie Grafikdesignerin nicht genug, als wäre mein Leben in Berlin nicht genug, wenn da nicht ein passender Mann an meiner Seite wäre.
»Er… er ist beruflich sehr eingespannt«, stammelte ich, bemüht, die Röte in meinem Gesicht zu verbergen. »Ein wichtiger Auftrag in München. Aber er wollte euch alle unbedingt zu Weihnachten kennenlernen.« Ein weiterer Dolchstoß der Lüge. Ich hasste es. Aber die Alternative, mich stundenlang rechtfertigen zu müssen, warum ich mit 28 immer noch Single war, war noch schlimmer.
Meine Cousine Sophie, immer auf Krawall gebürstet, warf mir einen skeptischen Blick zu. »Weihnachten ist noch lange hin. Und was ist mit dem Sommerfest der Firma Stark & Söhne nächste Woche? Das wäre doch die perfekte Gelegenheit.«
Stark & Söhne. Der Name löste in mir ein unwillkürliches Zittern aus. Nicht, weil es sich um ein renommiertes Familienunternehmen handelte, sondern weil Felix Stark, der Erbe des Imperiums, der unnahbare und unglaublich attraktive Felix Stark, mein absoluter Albtraum war. Vor drei Jahren hatte ich ihm einen Kaffee über sein sündhaft teures Hemd gekippt. Unsere Begegnungen waren seitdem… angespannt. Ihn jetzt um einen Gefallen zu bitten, war absurd. Unmöglich.
Doch Tante Ingrid funkelte mich erwartungsvoll an. Der Rest der Familie lauschte gespannt. Ich war gefangen. »Das… das ist eine gute Idee, Sophie. Ich werde ihn fragen«, sagte ich, und spürte, wie sich ein kalter Schauer über meinen Rücken zog. Wie sollte ich Felix Stark dazu bringen, meinen Freund zu spielen? Und was würde er dafür verlangen?