Die Elbphilharmonie-Affäre

Chapter 1 — Die Elbphilharmonie-Affäre

Der Bass vibrierte durch meine Knochen, ein unheilvolles Beben, das perfekt zu dem bevorstehenden Abend passte. Ich hasste Charity-Veranstaltungen. Besonders die, bei denen mein Vater, der ach so ehrenwerte Senator Falk, mich als schmückendes Beiwerk präsentierte. Und noch viel mehr hasste ich es, dass Thomas von Wolfsberg auch hier war.

Sein Blick brannte auf meiner Haut, obwohl er am anderen Ende des Saals stand, die Elbphilharmonie im Rücken. Dunkle Augen, die so intensiv waren, dass sie einem das Blut in den Adern gefrieren ließen. Thomas. Allein sein Name war ein Versprechen von Ärger. Er war der Inbegriff all dessen, was ich an meinem Vater und seiner Welt verabscheute: Macht, Einfluss, und das eiskalte Kalkül, das allem zugrunde lag.

Ich zwang mich zu einem Lächeln, als Frau Meinhardt, die Gattin eines Reederei-Besitzers, mich ansprach. „Marlene, meine Liebe, du siehst bezaubernd aus. Dieses Kleid steht dir ausgezeichnet.“

„Vielen Dank, Frau Meinhardt“, erwiderte ich, bemüht, meine Zähne nicht zu sehr zu entblößen. Smalltalk war eine Kunst, die ich nie beherrscht hatte. Meine Schwester Sophie, die neben mir stand, war darin ungleich besser. Sie war die perfekte Tochter, die perfekte Repräsentantin der Familie. Ich war eher der Dorn im Fleisch.

„Und was macht deine Arbeit bei der 'Elbe Reinigen' Initiative?“, fragte Frau Meinhardt. Ihre Augen blitzten interessiert.

Ich atmete tief durch. „Es läuft gut. Wir haben gerade eine Kampagne gegen Plastikmüll in der Elbe gestartet.“

„Bewundernswert“, sagte sie, aber ich spürte, dass ihr Interesse bereits nachließ. Sie war viel mehr an den neusten Klatschgeschichten über die Hamburger Schickeria interessiert.

Mein Blick wanderte unwillkürlich zu Thomas. Er unterhielt sich angeregt mit einem älteren Herrn, vermutlich einem Geschäftspartner seines Vaters. Ein Lächeln umspielte seine Lippen, ein Lächeln, das so arrogant und selbstgefällig war, dass ich am liebsten etwas Schweres nach ihm geworfen hätte. Er sah aus wie ein gefallener Engel, die Art Mann, die weiß, wie man Menschen manipuliert, um das zu bekommen, was er will. Und er wollte immer. Ich kannte ihn seit unserer Kindheit.

Unsere Familien waren seit Generationen verfeindet, eine Fehde, die so alt war wie die Elbe selbst. Es ging um Land, um Macht, um Einfluss. Und es ging um eine alte Lüge, die tief in unseren Familien verwurzelt war. Eine Lüge, die mein Leben für immer verändern sollte.

„Marlene?“, Sophies Stimme riss mich aus meinen Gedanken. „Papa möchte dich sprechen.“

Ich nickte und folgte meiner Schwester durch die Menge. Mein Vater stand am Fenster und blickte auf den Hafen. Sein Blick war ernst, fast besorgt.

„Marlene“, sagte er, ohne mich anzusehen. „Thomas von Wolfsberg hat um ein Gespräch mit dir gebeten.“

Mein Herz setzte für einen Moment aus. „Was? Warum sollte er das tun?“

Mein Vater drehte sich um und sah mich an. Seine Augen waren so blau wie das Meer. „Er hat ein Angebot. Ein Angebot, das du nicht ablehnen kannst.“

Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken. Ich wusste, dass dies nur der Anfang war. Der Anfang eines gefährlichen Spiels. Und ich war mir nicht sicher, ob ich bereit war, es zu spielen.

„Was für ein Angebot?“, fragte ich, meine Stimme kaum mehr als ein Flüstern.

„Er möchte mit dir zusammenarbeiten“, sagte mein Vater. „Bei einem Projekt, das für uns beide von Vorteil wäre.“

Ich lachte bitter auf. „Zusammenarbeiten? Mit Thomas von Wolfsberg? Das ist doch ein Witz.“

„Es ist kein Witz, Marlene“, sagte mein Vater ernst. „Es ist eine Chance. Eine Chance, die du nutzen musst.“

„Aber warum ich? Warum gerade ich?“

Mein Vater schwieg einen Moment. Dann sagte er: „Weil er dich will, Marlene. Er will dich in seinem Spiel haben.“

Und in diesem Moment wusste ich, dass ich keine Wahl hatte. Ich war nur eine Schachfigur in einem Spiel, das viel größer war als ich selbst. Ein Spiel, das meine Familie zerstören könnte. Und ich war mir nicht sicher, ob ich gewinnen konnte. Aber eines wusste ich sicher: Ich würde kämpfen. Ich würde kämpfen, bis zum bitteren Ende. Denn ich würde Thomas von Wolfsberg niemals erlauben, mich zu kontrollieren. Niemals.

Am Ende der Veranstaltung, als die letzten Gäste bereits gegangen waren, fand ich eine Nachricht auf meinem Handy. Eine Nachricht von einer unbekannten Nummer. Nur ein einziger Satz:

*Wir sehen uns bald, Marlene. Dein Spiel beginnt.*