Blackout im Schloss
Chapter 1 — Blackout im Schloss
Das Flüstern der High Society schnitt durch die stickige Luft wie ein Messer, aber Kristin Engel war blind für die Blicke, taub für die Urteile. Alles, was sie sah, war er. Simon von Wittelsbach. Der Mann, dessen Schatten so lang war wie das Erbe, das er trug, und dessen Augen so kalt wie das Eis, das die Champagnerkühler umgab.
Kristin kaute nervös auf ihrer Unterlippe. Was tat sie hier überhaupt? Zwischen all den Lackschuhen und Seidenkleidern fühlte sie sich wie ein bunter Vogel in einem goldenen Käfig. Sie war hier, weil ihre Tante Gisela, eine ehemalige Hauswirtschafterin der von Wittelsbachs, sie gebeten hatte, ein wichtiges Dokument zu überbringen. Ein Dokument, von dem Kristin nicht wusste, was es enthielt, aber dessen Gewicht sie in der Hand spürte, als wäre es ein Stück ihres eigenen Herzens.
Der Kristallsaal des Schlosses Hohenberg erstrahlte im Glanz unzähliger Kerzen. Kronleuchter, so groß wie kleine Autos, warfen schimmernde Muster auf die Marmorfliesen. Diener in Livree huschten umher, balancierten Silbertabletts mit Canapés und Cocktails. Es war die alljährliche Wohltätigkeitsgala der von Wittelsbach Stiftung, ein Ereignis, bei dem sich die Crème de la Crème des deutschen Adels und der Wirtschaftselite versammelte, um für einen guten Zweck zu spenden – und gesehen zu werden.
Kristin trug ein schlichtes, dunkelblaues Kleid, das sie sich von ihrem spärlichen Studentengehalt zusammengespart hatte. Es war elegant, aber unauffällig – ein Versuch, nicht zu sehr aufzufallen. Doch Simon von Wittelsbach hatte sie bereits entdeckt. Seine stechend grauen Augen hatten sie am Rande des Saals fixiert, als würde er ein seltenes Insekt unter einem Mikroskop betrachten.
Er war noch imposanter, als sie ihn von den Titelseiten der Wirtschaftsmagazine kannte. Breit gebaut, mit dunklem, perfekt geschnittenem Haar und einer Aura unnahbarer Macht. Er bewegte sich mit einer Selbstverständlichkeit, die Angst einflößte. Er war umgeben von einer Schar von Ja-Sagern und Bewunderern, doch sein Blick wanderte immer wieder zu ihr zurück.
Schließlich löste er sich von seiner Entourage und bewegte sich auf sie zu. Jeder Schritt ein Donnerschlag in der Stille ihrer Nerven. Kristin versuchte, sich zu beruhigen, ihr Herz schlug wie wild gegen ihre Rippen. Sie musste professionell bleiben, das Dokument übergeben und so schnell wie möglich wieder verschwinden.
Als er vor ihr stand, legte sich ein Schatten über sie, der nichts mit dem Licht der Kerzen zu tun hatte. Seine Augen musterten sie von Kopf bis Fuß, ein Hauch von Verachtung, aber auch von…Neugier?…lag darin. »Fräulein Engel, nicht wahr?«, sagte er mit einer Stimme, die so tief und rau war wie das Grollen eines Gewitters. »Ich hätte nicht erwartet, Sie hier zu sehen.«
Kristin schluckte schwer. »Herr von Wittelsbach. Ich bin hier, um meiner Tante einen Gefallen zu tun.« Sie hob die kleine, versiegelte Mappe, die sie die ganze Zeit krampfhaft umklammert hatte. »Sie bat mich, Ihnen dieses Dokument zu überbringen.«
Simon nahm die Mappe entgegen, ohne sie anzusehen. Seine Augen blieben auf Kristin gerichtet. »Ein Gefallen? Oder ein Auftrag?«, fragte er, und in seiner Stimme schwang etwas mit, das Kristin nicht deuten konnte. Er kam ihr gefährlich nahe, so dass sie seinen teuren Duft nach Sandelholz und Zigarren roch. »Ich habe gehört, Ihre Tante ist eine sehr loyale Frau. Und Loyalität hat ihren Preis.«
Bevor Kristin antworten konnte, ertönte ein lauter Knall. Die Lichter im Saal flackerten, und dann erloschen sie vollständig. Panik brach aus. Schreie hallten wider. Jemand schrie: »Feuer!« Kristin stolperte im Dunkeln, versuchte, sich zu orientieren. Eine Hand packte ihren Arm, zog sie an sich. Es war Simon. »Kommen Sie mit mir«, zischte er ihr ins Ohr. »Es ist hier nicht sicher.«
Er zog sie durch die Dunkelheit, vorbei an panischen Gästen, bis sie eine schwere, eiserne Tür erreichten. Er öffnete sie mit einem Schlüssel, der an seinem Schlüsselbund baumelte, und schob Kristin hinein. Die Tür fiel hinter ihnen ins Schloss. Sie standen in einem kleinen, dunklen Raum. Das einzige Licht kam von einem schmalen Fenster hoch oben an der Wand. Kristin erkannte, dass sie sich in der alten Schlossbibliothek befanden. Und Simon von Wittelsbach hatte gerade die Tür verschlossen.
„Was geht hier vor?“, fragte Kristin mit zitternder Stimme. Simon ignorierte ihre Frage. Er trat ans Fenster und blickte hinaus. Dann drehte er sich zu ihr um, seine Augen im schwachen Licht funkelnd. „Das Dokument, Fräulein Engel“, sagte er leise. „Es ist wertvoller, als Sie sich vorstellen können. Und jetzt sind wir beide in großer Gefahr.“