Serviert auf Silber

Chapter 1 — Serviert auf Silber

Das Knistern ihrer Seide war das Einzige, was die Stille durchbrach, als sie sich umdrehte. Nicht, dass er es hören konnte über dem pochenden Donner in seinen Ohren. Aber er *fühlte* es. Sonja wusste, sie sollte nicht hier sein, nicht in diesem vergoldeten Käfig, nicht in der Villa Hohenberg, wo jeder Schritt, jeder Atemzug unter der Lupe der Münchner High Society stand.

Die Luft flirrte vor Erwartung. Der Kristallsaal der Villa Hohenberg strahlte im Glanz unzähliger Kerzen, die sich in den geschliffenen Oberflächen der Kristalllüster spiegelten. Der Duft von teurem Parfum und noch teurerem Champagner lag in der Luft. Es war das alljährliche Wohltätigkeitsdinner der Hohenberg-Stiftung, ein Pflichttermin für jeden, der in München Rang und Namen hatte. Und Sonja, die eigentlich nur als Catering-Kraft eingeplant war, stand nun mitten im Epizentrum des Glamours – und des drohenden Unheils.

Wie war sie hierher geraten? Nur wenige Stunden zuvor hatte sie noch in der stickigen Küche des "Goldenen Hirsch" gestanden, die fingerfertigen Hände mit dem Anrichten von Mini-Quiches beschäftigt. Dann der Anruf: Krankmeldung einer Kollegin. Notfall. Sonja, die Aushilfe mit den besten Nerven, musste einspringen. Und nun trug sie ein viel zu enges, geliehenes Abendkleid, das an all den falschen Stellen zwickte, und balancierte ein Tablett mit prickelndem Champagner durch ein Meer aus Seide und Diamanten.

Ihr Blick fiel auf *ihn*. Yannik von Grünwald. Der Erbe des Hohenberg-Imperiums. Ein Mann, über den in Klatschspalten mehr Tinte vergossen wurde als über die bayerische Landesregierung. Gerüchte rankten sich um ihn wie Efeu um eine alte Burg. Gerüchte über skrupellose Geschäftspraktiken, Affären mit halb München und einen eisigen Charakter, der selbst den härtesten Winter in den Alpen in den Schatten stellte. Und doch… da war etwas in seinem Blick, das sie fesselte. Eine Dunkelheit, die sie auf eine unheimliche Weise anzog.

Er stand am anderen Ende des Saals, lehnte lässig an einem der Marmorpfeiler, die Arme vor der Brust verschränkt. Sein dunkler Anzug schien die Schatten um ihn herum zu absorbieren, sein Haar war so schwarz wie die Nacht. Seine Augen, so blau wie das Eis auf den Gipfeln des Wettersteingebirges, fixierten sie. Nicht aufdringlich, nicht herausfordernd, einfach nur… intensiv. Als ob er sie durchschauen könnte, bis in die tiefsten Winkel ihrer Seele.

Sonja versuchte, ihren Blick abzuwenden, aber es gelang ihr nicht. Es war, als ob sie von einer unsichtbaren Kraft an ihn gefesselt wäre. Sie spürte, wie ihr Herz schneller schlug, wie ihre Handflächen feucht wurden. Sie, die sonst so selbstbewusste und pragmatische Sonja Bach, fühlte sich plötzlich hilflos und verwundbar. Was ging hier vor sich?

Plötzlich bewegte er sich. Langsam, beinahe unmerklich, löste er sich von dem Pfeiler und begann, sich durch die Menge zu bewegen. Sein Blick wich nicht von ihr. Jeder Schritt, den er näher kam, schien die Luft um sie herum zum Vibrieren zu bringen. Sie spürte, wie ihr der Atem stockte. Sie wollte fliehen, sich verstecken, aber ihre Füße schienen wie angewurzelt am Boden zu kleben.

Er blieb direkt vor ihr stehen. Seine Augen musterten sie von Kopf bis Fuß, ohne eine Miene zu verziehen. Der Champagner in ihrem Tablett schwappte leicht über. Sie befürchtete jeden Moment, eine rote Welle über die weissen Hosen eines der geladenen Gäste zu schicken. „Fräulein…“, begann er mit einer tiefen, sonoren Stimme, die Gänsehaut auf ihren Armen verursachte. „Sie sind neu hier, nicht wahr?“

Sonja brachte kaum ein Wort heraus. „Ich… ich bin nur eine Aushilfe“, stammelte sie. „Ich bin für das Catering…“

Ein kaum merkliches Lächeln huschte über seine Lippen. „Interessant. Ich hätte geschworen, ich hätte Sie noch nie zuvor gesehen. Und ich vergesse keine Gesichter. Besonders keine so… einprägsamen.“

Er beugte sich vor, so nah, dass sie seinen warmen Atem auf ihrer Haut spüren konnte. Der Duft seines Aftershaves, eine Mischung aus Sandelholz und Zitrone, umhüllte sie wie ein unsichtbarer Schleier. „Sagen Sie, Fräulein…“, flüsterte er, seine Stimme kaum mehr als ein Hauch. „Wie wäre es, wenn Sie Ihre Pflichten für einen Moment vergessen und mich auf die Terrasse begleiten? Ich hätte da ein paar… interessante Fragen an Sie.“

Bevor Sonja antworten konnte, legte er eine Hand auf ihren Arm. Seine Berührung war unerwartet sanft, aber dennoch spürte sie die unbändige Kraft, die unter seiner eleganten Oberfläche lauerte. Er zog sie leicht in seine Richtung. Sie spürte den Blick der anderen Gäste auf sich ruhen, neugierig und abschätzig zugleich. Was sollte sie tun? Sollte sie mit ihm gehen? Sich auf dieses gefährliche Spiel einlassen? Oder sollte sie fliehen, so schnell sie konnte, bevor sie sich in den dunklen Machenschaften des Yannik von Grünwald verlor?

Plötzlich ertönte ein schriller Schrei. Ein Kristallglas zerbrach auf dem Marmorboden. Alle Blicke wandten sich in Richtung des Geschehens. Eine Frau, die in einen smaragdgrünen Samt gehüllt war, stand zitternd da, die Hand vor den Mund geschlagen. „Yannik!“, kreischte sie. „Was soll das alles? Hast du vergessen, wer ich bin?“ Yannik zuckte nicht mit der Wimper. Sein Blick blieb auf Sonja gerichtet. „Wir sind noch nicht fertig, Fräulein…“, flüsterte er ihr ins Ohr, bevor er sich der aufgeregten Frau zuwandte. „Noch lange nicht.“