In flagranti im Adlon

Chapter 1 — In flagranti im Adlon

Der Champagner prickelte kaum spürbar auf meiner Zunge, ein schwacher Abglanz des Nervenkitzels, der mich sonst bei solchen Anlässen überkam. Hier zu stehen, im Ballsaal des Berliner Adlon, umgeben von den üblichen Verdächtigen – Politikern, Industriellen, den wenigen verbliebenen Mitgliedern des alten Adels – war Routine. Nur heute fühlte es sich an, als würde mir die Luft zum Atmen fehlen.

Ich lächelte, ein geübtes Lächeln, das jahrelange Spiegel-Training perfektioniert hatte, und nickte Graf von Falkenhorst zu, der mit seiner viel zu jungen Begleitung auf mich zukam. »Charlotte, meine Liebe, wie strahlend du wieder aussiehst!«, säuselte er, während er mir die Hand küsste. Ich hasste es, wenn er das tat. Es fühlte sich jedes Mal an, als würde er versuchen, meine Haut zu durchdringen, um zu sehen, was darunter lag.

»Graf von Falkenhorst, eine Freude, Sie zu sehen«, erwiderte ich, meine Stimme so kontrolliert und sanft, wie es meine Mutter mir beigebracht hatte. »Und dies ist…?«

»Ah, darf ich vorstellen: meine Nichte, Viktoria.« Viktoria kicherte und warf mir einen Blick zu, der mehr Verachtung als Respekt enthielt. Ich wusste, was sie dachte: *Noch so eine reiche Erbin, die nichts Besseres zu tun hat, als ihr Geld zu verprassen.* Wenn sie wüsste...

Ich verbrachte die nächsten Stunden damit, Smalltalk zu führen, zu nippen und so zu tun, als wäre ich nichts weiter als Charlotte von Stein, die perfekte Tochter aus gutem Hause. Niemand durfte ahnen, dass unter dem sündhaft teuren Kleid und dem perfekt sitzenden Lächeln das Herz einer Diebin schlug. Einer Diebin, die heute Nacht ein ganz besonderes Ziel hatte: den Hohenberg-Diamanten, das Herzstück der Familiensammlung, und der Grund, warum ich überhaupt hier war.

Als die Musik lauter wurde und die meisten Gäste sich auf die Tanzfläche begaben, nutzte ich die Gelegenheit. Diskret zog ich mich in einen der weniger frequentierten Salons zurück. Mein Blick suchte den Raum ab. Keine Kameras, keine Wachen. Nur ein antiker Schreibtisch, auf dem eine kleine, unscheinbare Schatulle stand. Darin musste er sein.

Ich holte ein filigranes Werkzeugset aus meiner Clutch, ein Set, das schon so manches Schloss geknackt hatte. Mit geübten Fingern manipulierte ich das Schloss der Schatulle. Ein leises Klicken. Geschafft. Ich öffnete den Deckel und starrte in das leere Innere. Panik stieg in mir auf. Wo war der Diamant? Dann hörte ich eine Stimme hinter mir. »Auf der Suche nach etwas, Charlotte?« Es war er. Anton von Falkenhorst, der dunkle, geheimnisvolle Erbe der Familie. Seine Augen funkelten im schwachen Licht des Salons. Und er sah alles.