Vertraglich verliebt

Chapter 1 — Vertraglich verliebt

Der Champagner prickelte auf meiner Zunge wie die Lügen, die ich gleich erzählen würde. Mein Blick huschte nervös über die gleißende Gesellschaft der Hamburger High Society, die sich in der sündhaft teuren Penthouse-Wohnung von Konstantin Meinhardt drängte. Ein Charity-Event für verwaiste Seehunde – die Ironie war kaum zu überbieten, wenn man bedachte, wie viele Haie sich hier tummelten.

Ich, Anna Weiss, mittellose Kunststudentin, hatte hier eigentlich nichts verloren. Außer, dass ich Konstantins’ Fake-Freundin spielen sollte. Für einen Abend. Nur um seine aufdringliche Ex-Verlobte, Viktoria von Hohenzollern, abzuwimmeln. Ein Gefallen, der mir im Gegenzug ein Stipendium für mein Auslandssemester in Florenz einbringen würde. Ein Pakt mit dem Teufel, der verdammt gut aussah.

Konstantin, der Mann, der diesen ganzen Irrsinn inszeniert hatte, trat an meine Seite. Sein maßgeschneiderter Anzug schien teurer zu sein als meine gesamte WG-Einrichtung. „Bereit, Anna?“ Seine tiefblaue Augen fixierten mich. Ein Hauch von Amüsement lag in seiner Stimme. Er wusste genau, wie unwohl ich mich fühlte.

„So bereit, wie man mit einem gefälschten Lächeln und einer Lüge auf den Lippen sein kann“, erwiderte ich, bemüht um einen lockeren Ton. Er legte seinen Arm um meine Taille. Seine Berührung war unerwartet warm, ein Schauer lief mir über den Rücken. Nicht gut. Das Ganze durfte nicht echt wirken. Nur überzeugend.

„Perfekt. Denk daran, Liebling. Du bist meine große Liebe. Wir haben uns auf einer Vernissage in Berlin kennengelernt, teilen die Leidenschaft für moderne Kunst und planen eine gemeinsame Zukunft“, flüsterte er in mein Ohr. Seine Worte brannten auf meiner Haut.

Viktoria von Hohenzollern, eine Frau, die aussah, als hätte sie ihr Gesicht beim Schönheitschirurgen bestellt, steuerte direkt auf uns zu. Ihr Blick war eisig, ihre Lippen zu einem dünnen Strich zusammengepresst. „Konstantin, mein Lieber. Ich hatte dich schon vermisst.“ Sie ignorierte mich vollkommen, als wäre ich ein Möbelstück.

„Viktoria. Wie schön, dich zu sehen“, sagte Konstantin mit einer Nonchalance, die bewundernswert war. „Darf ich dir meine Freundin, Anna Weiss, vorstellen?“ Viktorias Blick glitt widerwillig zu mir. Ihr abfälliges Lächeln sprach Bände. „Freundin? Interessant. Ich wusste gar nicht, dass du einen so… einfachen Geschmack hast, Konstantin.“

Ich atmete tief durch. Einfach? Sie würde noch sehen, was „einfach“ bedeutete. „Es freut mich sehr, Sie kennenzulernen, Frau von Hohenzollern. Konstantin hat mir schon viel von Ihnen erzählt“, sagte ich mit einem unschuldigen Lächeln. Konstantin warf mir einen überraschten Blick zu. Ich hatte nicht vor, mich einschüchtern zu lassen.

„Wirklich? Und was hat er dir erzählt?“, fragte Viktoria mit zusammengekniffenen Augen. Die Luft knisterte vor Spannung. Konstantin räusperte sich. „Nur Gutes, natürlich. Viktoria und ich sind seit Jahren befreundet. Wir schätzen uns sehr.“

Ich hakte mich fester bei Konstantin ein. „Das glaube ich gern. Aber Konstantin hat mir auch erzählt, wie erleichtert er war, als eure Verlobung gelöst wurde. Nicht jeder ist für die Ehe gemacht, oder, Liebling?“ Ich zwinkerte Konstantin zu. Viktorias Gesicht verdunkelte sich. Sie war sichtlich getroffen.

„Du bist ja ein richtiges Biest, meine Liebe“, flüsterte Konstantin in mein Ohr, als Viktoria sich mit einem wütenden Schnauben abwandte. „Wo hast du das gelernt?“ „Man lernt schnell, wenn es ums Überleben geht“, antwortete ich. Die erste Hürde war genommen. Aber ich hatte das Gefühl, dass das nur der Anfang war.

Später am Abend, als ich mich schon fast in meiner Rolle als Konstantins Freundin verloren hatte – die Flirts, die Küsse vor den Fotografen, das Händchenhalten unter dem Tisch fühlten sich erschreckend echt an – zog Konstantin mich in einen dunklen Winkel der Dachterrasse. Der Blick auf die glitzernde Elbphilharmonie war atemberaubend. Doch was Konstantin sagte, raubte mir den Atem. „Es gibt da ein kleines Problem, Anna. Viktoria glaubt dir nicht. Und mein Vater auch nicht. Sie vermuten, dass das alles nur eine Inszenierung ist.“

Mein Herz setzte einen Schlag aus. „Und was bedeutet das jetzt?“

„Es bedeutet“, sagte Konstantin mit einem gefährlichen Funkeln in den Augen, „dass unser kleines Spiel weitergehen muss. Länger als nur einen Abend. Viel länger.“