Nachtsonate

Chapter 1 — Nachtsonate

Der erste Ton war ein Versprechen. Ein tiefes, vibrierendes Cello, das die Stille des Konzerthauses zerschnitt wie ein Messer. Eva schloss die Augen und lehnte sich zurück, versuchte, die Anspannung der letzten Wochen von sich abzustreifen. Es war ihr erster Abend seit dem Tod ihres Vaters, und die Musik sollte ihr Zuflucht sein.

Sie saß in der Ehrenloge, ein Platz, der ihr nun zustand, seit sie die Leitung des Familienunternehmens übernommen hatte. Die „Friedrich Stahlwerke“ waren ein Imperium, aufgebaut von ihrem Großvater, erweitert von ihrem Vater, und nun lastete die Verantwortung auf ihren schmalen Schultern. Doch in diesem Moment, im gedämpften Licht des Saals, war sie nicht Eva Friedrich, die Geschäftsführerin, sondern einfach nur Eva, eine Frau, die Trost suchte.

Das Orchester spielte Tschaikowsky, und die Melodie umhüllte sie wie eine warme Decke. Doch dann, in der ersten Pause, als das Publikum sich erhob und ein leises Gemurmel den Raum erfüllte, sah sie ihn. Er stand am Rande der Bühne, im Halbschatten, eine Geige in der Hand. Seine dunklen Haare fielen ihm in die Stirn, und seine Augen, so schien es, fixierten sie.

Er war anders als die Anzugträger und Society-Damen, die sich um sie herum tummelten. Irgendetwas an seiner Aura strahlte eine wilde, ungebändigte Energie aus, die sie sofort in ihren Bann zog. Sie kannte ihn nicht, aber sie spürte eine seltsame Vertrautheit, eine Verbindung, die ihr Herz schneller schlagen ließ.

Eine Freundin, Charlotte von Stein, stupste sie an. »Eva, kennst du den neuen Konzertmeister? Clemens Baumgart. Ein Wunderkind, sagt man. Und ziemlich gutaussehend, findest du nicht?«

Eva nickte stumm. Clemens Baumgart. Der Name brannte sich in ihr Gedächtnis ein. Sie beobachtete, wie er sich mit dem Dirigenten unterhielt, seine Bewegungen elegant und selbstsicher. Dann wandte er sich um, und ihre Blicke trafen sich erneut. Ein kurzer, intensiver Moment, der ihr den Atem raubte.

Nach dem Konzert, als sie sich auf den Weg nach draußen machte, sah sie ihn wieder. Er stand am Bühnenausgang, eine Zigarette in der Hand. Er sah sie, nickte ihr kaum merklich zu und warf die Zigarette weg, bevor er auf sie zutrat. »Frau Friedrich, nicht wahr? Es ist mir eine Ehre.« Seine Stimme war tief und rau, und seine Augen musterten sie unverhohlen. »Ich hoffe, das Konzert hat Ihnen gefallen?«

»Sehr sogar, Herr Baumgart«, erwiderte sie, und ihre Stimme zitterte leicht. »Ihr Spiel war… außergewöhnlich.«

Er lächelte, ein schiefes, verwegenes Lächeln. »Vielleicht gefällt es Ihnen noch besser, wenn ich nur für Sie spiele?« Bevor Eva antworten konnte, trat ein Mann in einem dunklen Anzug auf sie zu. »Eva, wir müssen los. Der Wagen wartet.« Es war ihr Chauffeur, aber Clemens Baumgart ignorierte ihn. Er beugte sich vor und flüsterte ihr ins Ohr: »Ich werde Sie wiedersehen, Frau Friedrich. Das verspreche ich Ihnen.« Und dann war er verschwunden, in der Dunkelheit der Nacht. Zurück blieb Eva mit einem Gefühl von Aufruhr und einer Frage, die ihr keine Ruhe ließ: Was, wenn ihre Verpflichtungen und Clemens Friedrichs Welt unvereinbar sind?