Der Feind in meinem Bett

Chapter 1 — Der Feind in meinem Bett

Das letzte, was Emilia Schreiber wollte, war, ihren 25. Geburtstag im verstaubten Kristallpalast ihrer Familie zu feiern. Aber hier war sie, gefangen zwischen der erdrückenden Umarmung ihrer Tante Hildegard und dem stechenden Blick Emil von Karstedts, dem Erben des verfeindeten Kristallimperiums.

Der Kristallpalast, einst das schimmernde Herz der deutschen Kristallindustrie, war nun ein Schatten seiner selbst. Seit Generationen rivalisierten die Schreibers und die von Karstedts um die Vorherrschaft, eine Fehde, die in den funkelnden Facetten ihrer Kristallkreationen eingeätzt war. Emilia, die jüngste Schreiber-Erbin, hatte nie verstanden, warum. Kristall war doch nur geschmolzenes Glas, oder?

»Emilia, mein Schatz, du siehst bezaubernd aus!«, quetschte Tante Hildegard, während sie Emilias Wange malträtierte. »Emil war gerade so freundlich, uns Gesellschaft zu leisten.«

Emilia zwang sich zu einem Lächeln. Emil von Karstedt. Allein der Name löste in ihr eine Mischung aus Verachtung und, zu ihrer eigenen Überraschung, einer seltsamen Anziehung aus. Er stand da, gross und unnahbar, in einem perfekt sitzenden Anzug, das dunkle Haar akkurat gescheitelt, die graublauen Augen so kühl wie Eis.

»Frau Schreiber«, sagte Emil, seine Stimme tief und melodisch. »Alles Gute zum Geburtstag.«

»Herr von Karstedt«, erwiderte Emilia, bemüht, ihre Stimme gleichmütig klingen zu lassen. »Ich hätte nicht erwartet, Sie hier zu sehen. Dachte, Sie wären zu beschäftigt damit, unsere Firma zu unterbieten?«

Emil zog eine Augenbraue hoch. »Geschäftliches ist Geschäftliches, Frau Schreiber. Persönliches ist persönlich. Ich bin hier, um Höflichkeit zu erweisen.«

»Höflichkeit?«, wiederholte Emilia ungläubig. »Oder eine weitere Gelegenheit, unsere Schwäche zu begutachten?«

Die Luft knisterte förmlich vor unausgesprochenen Worten. Tante Hildegard räusperte sich verlegen. »Kinder, Kinder, lasst uns doch nicht gleich wieder anfangen. Wir sind doch alle Zivilisierte Leute!«

Emilia verdrehte innerlich die Augen. Zivilisiert? Das war das Letzte, was sie und Emil waren, wenn sie aufeinandertrafen. Es war ein Krieg der Blicke, der Worte, der subtilen Sticheleien. Und doch spürte Emilia jedes Mal, wenn er in ihrer Nähe war, diese unkontrollierbare Anziehungskraft, die sie so sehr verabscheute.

Im Laufe des Abends versuchte Emilia, Emil aus dem Weg zu gehen, was in dem überfüllten Ballsaal des Kristallpalastes kaum möglich war. Sie wurde von Verwandten und Bekannten hin- und hergezerrt, musste belanglose Konversationen führen und das gezwungene Lächeln perfektionieren. Die Musik schwoll an, Paare tanzten auf dem glitzernden Parkett, und der Duft von Rosen und teurem Champagner lag in der Luft.

Schliesslich entfloh Emilia auf den Balkon, um frische Luft zu schnappen. Der Blick auf den nächtlichen Garten war beruhigend, das Rauschen der Blätter im Wind wie ein leises Flüstern. Sie schloss die Augen und atmete tief ein.

»Ruhe vor dem Sturm, Frau Schreiber?«, hörte sie eine vertraute Stimme.

Emilia öffnete die Augen und sah Emil an der Brüstung lehnen, das Gesicht im Halbschatten. »Ich dachte, Sie wären mit der Begutachtung unserer Schwächen beschäftigt, Herr von Karstedt?«

Er lachte leise. »Ich kann mehrere Dinge gleichzeitig tun, Frau Schreiber. Zum Beispiel Ihre Schönheit bewundern und gleichzeitig überlegen, wie ich Ihre Firma ruinieren kann.«

Emilia ballte die Fäuste. »Sie sind unmöglich!«

»Und Sie sind faszinierend«, erwiderte er, seine Augen fixierten ihre. »Eine Schreiber-Erbin mit dem Herz einer Rebellin. Eine gefährliche Kombination.«

Er kam näher, und Emilia spürte, wie ihr Herz schneller schlug. Sie wollte ihn wegschubsen, ihn anschreien, ihm eine Ohrfeige geben. Aber sie konnte sich nicht bewegen. Seine Nähe war wie ein Sog, der sie unwiderstehlich anzog.

»Was wollen Sie von mir, Emil?«, fragte sie, ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern.

Er beugte sich vor, sein Atem streifte ihr Ohr. »Ich will, dass Sie sich entscheiden, Emilia. Kämpfen Sie für Ihre Familie – oder für mich?«

Bevor Emilia antworten konnte, zog er sie in einen Kuss. Ein Kuss, der alles veränderte. Hart, fordernd, voller Verachtung und Verlangen. Ein Kuss, der ihr den Atem raubte und sie in einen Strudel widersprüchlicher Gefühle stürzte. Gerade als sie sich dem Kuss hingeben wollte, löste er sich abrupt.

»Denken Sie darüber nach, Emilia«, sagte er, ein geheimnisvolles Lächeln auf den Lippen. »Ich habe Geduld. Zumindest vorerst.« Er drehte sich um und verschwand in der Menge.

Emilia blieb wie erstarrt auf dem Balkon stehen, die Lippen kribbelten noch von seinem Kuss. Was war das gerade passiert? Hatte Emil von Karstedt sie gerade geküsst – und ihr ein Ultimatum gestellt? Sie wusste nur eins: Ihr Leben hatte sich in diesem Moment für immer verändert. Sie berührte ihre Lippen. Was sollte sie tun?

Plötzlich hörte sie einen Schrei. Es war ihre Mutter. Panisch rannte Emilia zurück in den Ballsaal. Dort sah sie ihre Mutter, die auf ihren Vater zeigte. "Er... er ist tot!" Emilias Vater lag mitten im Ballsaal, ein Kristallmesser aus Karstedts Manufaktur in seiner Brust.