Grenzen der Versuchung

Chapter 1 — Grenzen der Versuchung

Der Champagner schmeckte nach Asche. Nicht, dass Emilia Schreiber jemals Asche probiert hätte, aber anders konnte sie das Gefühl in ihrem Mund nicht beschreiben. Der edle Tropfen prickelte auf ihrer Zunge, doch der Geschmack wurde von der bleiernen Schwere in ihrem Herzen überlagert. Um sie herum tobte die Silvesterparty in vollem Gange: schimmernde Kleider, lautes Gelächter, das Klirren von Gläsern. Nur sie, Emilia, stand wie erstarrt am Rande der Tanzfläche, gefangen in einem goldenen Käfig aus Reichtum und Erwartungen.

Es war nicht irgendeine Party. Es war die Silvestergala der Familie von Fürstenberg, traditionell ausgerichtet im prunkvollen Ballsaal ihres Münchner Palais. Und Emilia, Tochter des Chefjustiziars der von Fürstenberg Holding, war mittendrin – oder besser gesagt, mittendrinnen gefangen. Seit ihrer Kindheit war ihr Leben eng mit dem der von Fürstenbergs verwoben. Sie hatte mit Constantin, dem einzigen Sohn der Familie, im Sandkasten gespielt, mit ihm Latein gelernt und die ersten heimlichen Küsse ausgetauscht. Constantin, ihr bester Freund, ihre erste Liebe – und bald ihr Ehemann.

Ein kalter Luftzug strich über Emilias entblößte Schultern. Sie zog die Stola enger, die farblich perfekt auf ihr smaragdgrünes Kleid abgestimmt war. Alles an diesem Abend war perfekt inszeniert: das Kleid, das Make-up, die Frisur. Sogar ihr Lächeln, das sie wie eine Maske trug. Nur sie selbst, Emilia, fühlte sich so unendlich weit entfernt von all dem. Sie hasste diese Partys, diese oberflächlichen Gespräche, das ewige Getue um Geld und Macht. Aber was blieb ihr anderes übrig, als mitzuspielen? Ihr Vater hatte ihr immer wieder eingebläut, welche Ehre es sei, Teil dieser Welt zu sein. Eine Ehre, die sie nun mit ihrer Ehe besiegeln sollte.

»Ein Penny für deine Gedanken?« Constantin stand plötzlich neben ihr, ein champagnergefülltes Glas in der Hand. Er sah blendend aus in seinem dunklen Smoking, das blonde Haar perfekt zurückgekämmt. Seine blauen Augen blitzten amüsiert. »Du wirkst, als wärst du auf einer Beerdigung und nicht auf unserer Verlobungsfeier.«

Emilia zwang sich zu einem Lächeln. »Nur ein bisschen müde. Die Vorbereitungen waren anstrengend.«

Constantin legte einen Arm um ihre Schulter und zog sie näher an sich. »Ich weiß, Liebling. Aber bald ist alles vorbei. Dann können wir endlich in unser neues Leben starten.« Er küsste sie auf die Schläfe, ein leichter Duft von teurem Aftershave umwehte sie. Emilia spürte nichts. Keine Schmetterlinge, keine Aufregung, nur eine dumpfe Leere.

»Das hoffe ich«, sagte sie leise. Sie sah zu, wie das Feuerwerk über den Dächern von München explodierte, bunte Lichter, die kurz aufleuchteten und dann in der Dunkelheit vergingen. Genauso vergänglich wie ihr Glück, dachte sie.

Später, als die Party ihren Höhepunkt erreicht hatte und die meisten Gäste sich bereits auf die Tanzfläche drängten, zog sich Emilia in den Wintergarten zurück. Sie brauchte einen Moment der Ruhe, um ihre Gedanken zu ordnen. Durch die großen Glasfenster konnte sie den verschneiten Garten sehen, die Bäume mit Lichterketten geschmückt. Ein romantisches Bild, das sie aber nicht berührte.

Plötzlich hörte sie ein leises Geräusch hinter sich. Sie drehte sich um und erstarrte. Im Schatten der Pflanzen stand ein Mann, der sie intensiv ansah. Er war groß, dunkelhaarig, und seine Augen waren so schwarz wie die Nacht. Er trug keinen Smoking wie die anderen Gäste, sondern eine schlichte schwarze Lederjacke. Er wirkte fremd, gefährlich – und doch zog er Emilia auf unerklärliche Weise an.

»Entschuldigen Sie, ich wollte Sie nicht erschrecken«, sagte er mit tiefer, rauer Stimme. »Ich bin Samuel Kaiser. Ich arbeite für die Familie von Fürstenberg.«

Emilia runzelte die Stirn. Sie kannte alle Angestellten der Familie, zumindest die, die in ihrem direkten Umfeld verkehrten. »Ich glaube, wir haben uns noch nicht kennengelernt.«

»Das ist möglich«, sagte er mit einem geheimnisvollen Lächeln. »Ich bin erst seit kurzem hier.« Er trat näher, und Emilia spürte, wie ihr Herz schneller zu schlagen begann. »Ich wollte Ihnen nur sagen, dass Sie wunderschön aussehen, Fräulein Schreiber.«

Emilia spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg. Sie war es gewohnt, Komplimente zu bekommen, aber noch nie hatte sie ein Kompliment so tief berührt. »Danke«, sagte sie leise. »Das ist sehr freundlich von Ihnen.«

»Nicht der Rede wert«, sagte er. »Es ist nur die Wahrheit.« Er sah ihr tief in die Augen, und Emilia vergaß für einen Moment, wo sie war und wer sie war. Sie vergaß Constantin, die Party, ihr ganzes Leben. Es gab nur noch diesen Mann, seine dunklen Augen und die unerklärliche Anziehungskraft, die von ihm ausging.

Plötzlich hörten sie eine Stimme. »Emilia? Wo bist du?« Constantin betrat den Wintergarten, sein Blick suchte den Raum ab. Als er Samuel sah, versteinerte sich sein Gesicht. »Was machst du hier, Kaiser?«

Samuel zuckte die Schultern. »Ich wollte mich nur nach dem Rechten sehen, Herr von Fürstenberg.«

Constantin trat bedrohlich auf ihn zu. »Du hast hier nichts zu suchen. Verschwinde!«

Samuel warf Emilia einen letzten Blick zu, ein Blick, der mehr sagte als tausend Worte. Dann drehte er sich um und verschwand in der Dunkelheit. Emilia blieb wie erstarrt zurück, ihr Herz raste. Was war das gerade gewesen? Wer war dieser Samuel Kaiser? Und warum hatte sie das Gefühl, dass ihr Leben von diesem Moment an für immer verändert war?