Witwenmacher

Chapter 1 — Witwenmacher

Das Blut war warm. Es sickerte zwischen meinen Fingern hindurch, färbte das teure Seidentuch rot. Nicht irgendein Rot, sondern das tiefe, fast schwarze Rot, das nur von vergossenem Leben stammen konnte. Ich presste die Hände fester gegen die Wunde, versuchte vergeblich, die unaufhaltsame Flut einzudämmen. Er atmete flach, ein röchelndes Geräusch, das mir das Herz zerriss.

»Ylva…«, hauchte er, seine Augen voller Schmerz und Verwirrung. »Warum?«

Ich konnte ihm nicht antworten. Die Worte blieben mir im Hals stecken, ein Kloß aus Schuld und Angst. Alles war so schrecklich schiefgelaufen. Ich hatte niemals gewollt, dass es so weit kam. Aber jetzt war es zu spät. Es gab kein Zurück mehr.

Ich, Ylva Vogt, 24 Jahre alt, Tochter eines angesehenen Hamburger Reeders, stand knietief im Dreck der Unterwelt. Und das alles wegen Lukas Wendt, dem Mann, dessen Namen man nur flüsternd aussprach. Lukas, der Wendt der Reeperbahn, der Mann mit den eisblauen Augen und dem Herzen aus Stein. Meinem Ehemann.

Unsere Ehe war ein Pakt, ein Arrangement zwischen zwei Familien, die seit Generationen im Schatten agierten. Die Vogts, die ihr Vermögen mit legalem Seehandel gemacht hatten, und die Vogts, deren Imperium auf Glücksspiel, Schutzgeld und anderen schmutzigen Geschäften basierte. Eine Verbindung, die beide Seiten stärken sollte. Eine Verbindung, die mich in die Hölle führte.

Ich erinnere mich noch genau an den Tag, als mein Vater mir von der bevorstehenden Heirat erzählte. Wir saßen im Garten unseres Familienanwesens in Blankenese, die Elbe glitzerte in der Sonne. Die Rosen blühten, die Luft war erfüllt von ihrem süßen Duft. Eine Idylle, die im krassen Gegensatz zu der Bombe stand, die mein Vater platzen ließ.

»Ylva, meine Liebste, es gibt etwas, das du wissen musst«, hatte er gesagt, seine Stimme ungewöhnlich sanft. »Lukas Wendt hat um deine Hand angehalten.«

Ich hatte ihn ungläubig angestarrt. Lukas Wendt? Der Mann, der so gefährlich war, dass sich selbst die hartgesottensten Seebären vor ihm fürchteten? Der Mann, über den man sich in den feinsten Hamburger Gesellschaftszirkeln die schmutzigen Mäuler zerriss?

»Vater, das ist doch ein Scherz, oder?«, fragte ich, meine Stimme zitternd.

Er schüttelte den Kopf. »Es ist kein Scherz, Ylva. Es ist eine Notwendigkeit. Die Vogts können uns helfen, unsere Geschäfte auszuweiten. Und im Gegenzug…« Er zögerte, vermied meinen Blick. »Im Gegenzug wirst du seine Frau.«

Meine Welt brach zusammen. Ich hatte immer von einer Liebesheirat geträumt, von einem Mann, der mich liebt und respektiert. Nicht von einem Mann, der mich als Schachfigur in seinem Machtspiel benutzt.

Die Hochzeit fand nur wenige Wochen später statt. Eine pompöse Zeremonie in der St. Michaelis Kirche, gefolgt von einem rauschenden Fest in einem der teuersten Hotels der Stadt. Die High Society Hamburgs gab sich die Ehre, alle in ihren feinsten Zwirn gehüllt, die Champagnerkorken knallten. Ich fühlte mich wie eine Marionette, die an unsichtbaren Fäden hing.

Lukas war an diesem Tag unnahbar schön. Sein dunkler Anzug saß perfekt, seine eisblauen Augen funkelten. Er lächelte kaum, aber wenn er es tat, dann nur für die Kameras. Mir schenkte er keinen Blick.

Die Hochzeitsnacht verbrachte ich allein in unserem luxuriösen Penthouse mit Blick auf den Hafen. Lukas kam erst in den frühen Morgenstunden, betrunken und schweigsam. Er sagte kein Wort, küsste mich nicht einmal. Er nahm mich einfach, brutal und ohne Zärtlichkeit. Ich war nur ein Körper für ihn, ein Werkzeug zur Erfüllung seiner Bedürfnisse.

So begann mein Leben als Frau von Lukas Wendt. Ein Leben in einem goldenen Käfig, umgeben von Luxus und Gewalt. Ein Leben voller Angst und Einsamkeit. Ein Leben, in dem ich mich immer mehr verlor.

Ich versuchte, mich anzupassen, seine Welt zu verstehen. Ich lernte die Regeln, die ungeschriebenen Gesetze der Unterwelt. Ich lernte, wer Freund und wer Feind war. Ich lernte, dass Loyalität alles bedeutete und dass Verrat mit dem Tod bestraft wurde.

Lukas war ein unberechenbarer Mann. Mal war er kalt und distanziert, dann wieder überraschend sanft. Er konnte mich mit einem Blick in Angst und Schrecken versetzen, aber auch mit einer einzigen Berührung in Ekstase treiben. Ich hasste ihn und begehrte ihn zugleich.

Unsere Beziehung war ein gefährliches Spiel, ein Tanz auf Messers Schneide. Wir waren gefangen in einem Netz aus Lügen, Intrigen und Gewalt. Und ich wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis einer von uns fallen würde.

Und jetzt lag er hier, blutend und sterbend, in meinen Armen. Und ich, seine Frau, hatte ihm das angetan.

»Warum, Ylva?«, wiederholte er, seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern.

Ich beugte mich vor, meine Tränen fielen auf sein Gesicht. »Ich hatte keine Wahl, Lukas«, flüsterte ich. »Sie hätten mich getötet. Sie hätten uns beide getötet.«

Seine Augen weiteten sich, ein Hauch von Erkenntnis huschte über sein Gesicht. »Sie…«, hauchte er. »Wer?«

Ich zögerte. Ich durfte es ihm nicht sagen. Wenn ich es tat, würde ich mein eigenes Todesurteil unterschreiben.

Doch dann sah ich den Schmerz in seinen Augen, die Verzweiflung. Und ich wusste, dass ich ihm die Wahrheit schuldig war. Egal, was es kostete.

»Dein Vater, Lukas«, flüsterte ich. »Dein eigener Vater hat dich verraten.«