Lavendeldornen
Chapter 1 — Lavendeldornen
Der Geruch von Lavendel hing schwer in der Luft, eine bittere Ironie, denn er erinnerte mich an all das, was ich verloren hatte. Vor fünf Jahren hatte dieser Duft noch Glück bedeutet, unbeschwerte Sommerabende in der Provence, Hand in Hand mit ihm. Jetzt roch er nach Verrat und gebrochenen Träumen.
Ich starrte auf die endlosen Reihen lila blühender Sträucher. Mein Lavendelhof, mein Lebenstraum, den ich ganz allein aufgebaut hatte. Nach der Trennung von Paul war die 'Lavendelträume' mehr als nur ein Geschäft geworden; es war mein Zufluchtsort, meine Therapie, mein Beweis, dass ich auch ohne ihn etwas schaffen konnte. Jetzt stand ich hier, am Rande des Ruins, und alles schien zu zerbrechen.
Die Bank hatte mir eine letzte Frist gesetzt. Entweder ich konnte innerhalb von zwei Wochen einen Investor finden, der bereit war, einen beträchtlichen Betrag in den Hof zu stecken, oder sie würden ihn zwangsversteigern. Die Ernte war schlecht gewesen, die Touristen blieben aus, und meine ohnehin schon knappen Reserven waren aufgebraucht. Ich hatte alles versucht: Kredite, Förderprogramme, sogar eine Crowdfunding-Kampagne. Nichts hatte funktioniert.
„Alina?“, riss mich eine sanfte Stimme aus meinen Gedanken. Sophie, meine beste Freundin und rechte Hand auf dem Hof, stand besorgt neben mir. Ihre braunen Augen spiegelten meine eigene Verzweiflung wider. „Ich habe versucht, dich zu erreichen. Dein Handy ist aus.“
Ich seufzte und rieb mir die müden Augen. „Akku leer. Was gibt es?“
„Herr Meier von der Sparkasse war hier. Er wollte noch einmal persönlich mit dir sprechen.“
Mein Magen zog sich zusammen. „Und?“
Sophie biss sich auf die Lippe. „Er hat gesagt… er hat gesagt, es gäbe vielleicht doch noch eine Möglichkeit. Einen Investor.“
Ein Hoffnungsschimmer flackerte in meiner Brust auf. „Wirklich? Wer?“
„Er wollte es mir nicht direkt sagen. Nur so viel: Es sei jemand, der eine besondere Verbindung zu diesem Hof hat. Jemand… aus deiner Vergangenheit.“
Meine Kehle war wie zugeschnürt. Aus meiner Vergangenheit? Das konnte nur einer bedeuten. Paul.
Der Gedanke war absurd, unerträglich und gleichzeitig… verlockend. Paul, der Mann, der mein Herz gebrochen hatte, sollte mein Retter sein? Paul, der mich vor fünf Jahren ohne ein Wort verlassen hatte, um seine Karriere in New York voranzutreiben? Unmöglich. Und doch…
„Das ist ein Witz, oder?“, sagte ich mit zitternder Stimme. „Paul würde niemals…“
„Ich weiß, Alina. Aber Herr Meier meinte, es sei ernst. Der Investor sei bereit, eine beträchtliche Summe zu investieren, aber nur unter einer Bedingung: Du musst ihn persönlich treffen. Morgen um zehn Uhr im 'Café am See' in Lindau.“
Ich schwankte. Ein Treffen mit Paul? Nach all den Jahren des Schweigens, des Schmerzes, der Wut? Ich wusste nicht, ob ich dazu bereit war. Aber ich hatte keine Wahl. Mein Lavendelhof, mein Leben, hing davon ab.
„Okay“, sagte ich schließlich, meine Stimme kaum mehr als ein Flüstern. „Ich werde ihn treffen.“
Die Nacht verbrachte ich schlaflos, wälzte mich von einer Seite zur anderen. Bilder flackerten vor meinem inneren Auge auf: Paul’ strahlendes Lächeln, seine warmen braunen Augen, die Art, wie er mich in seinen Armen gehalten hatte. Und dann die Erinnerung an den Abschiedsbrief, die kalten, emotionslosen Worte, die mein Herz in tausend Stücke zerrissen hatten.
Am nächsten Morgen stand ich pünktlich um zehn Uhr vor dem 'Café am See'. Meine Hände waren feucht, mein Herz raste. Ich atmete tief durch und betrat das Café. Die Sonne schien durch die großen Fenster und tauchte den Raum in ein warmes Licht. An einem Tisch am Fenster saß er. Paul.
Er hatte sich verändert. Seine Haare waren etwas grauer, seine Gesichtszüge etwas härter. Aber seine Augen… sie waren immer noch so warm, so voller… was? Reue? Sehnsucht? Ich konnte es nicht deuten.
Er stand auf, als er mich sah, und ein sanftes Lächeln huschte über sein Gesicht. „Alina“, sagte er leise. Sein Name klang wie eine Melodie, die ich viel zu lange nicht mehr gehört hatte. „Schön, dich wiederzusehen.“
Ich nickte stumm. „Paul.“
Er deutete auf den Stuhl gegenüber. „Darf ich dich setzen?“
Ich setzte mich, meine Augen fest auf ihn gerichtet. „Was willst du, Paul? Warum bist du hier?“
Er seufzte und lehnte sich zurück. „Ich bin hier, um dir zu helfen, Alina. Um den Lavendelhof zu retten.“
„Und was ist deine Bedingung?“, fragte ich misstrauisch. „Es gibt immer eine Bedingung.“
Er sah mir tief in die Augen. „Meine Bedingung ist… ein Abendessen. Nur wir beide. Hier. Morgen Abend.“
Ich starrte ihn fassungslos an. Ein Abendessen? Das war alles? Nach all den Jahren der Stille, der Schmerzen, der verpassten Gelegenheiten? Ein Abendessen?
„Und wenn ich ablehne?“, fragte ich. Meine Stimme zitterte leicht.
Ein Schatten huschte über sein Gesicht. „Dann… dann wird der Lavendelhof versteigert.“
Ich biss mir auf die Lippe. Er hatte mich. Er wusste es. Und ich wusste es auch.
„Gut“, sagte ich schließlich. „Ein Abendessen. Morgen Abend. Aber erwarte nicht zu viel, Paul.“
Er nickte. „Das tue ich nicht, Alina. Das tue ich nicht.“ Er lächelte, aber es war ein trauriges, fast schmerzhaftes Lächeln. „Ich freue mich darauf.“
Ich stand auf und verließ das Café. Draußen atmete ich tief durch. Die Luft roch immer noch nach Lavendel, aber jetzt mischte sich auch eine Prise Angst und Unsicherheit darunter. Was hatte Paul vor? Und war ich stark genug, um mich nicht wieder von ihm verzaubern zu lassen?
Als ich am nächsten Abend vor dem 'Café am See' stand, war ich nervöser als vor jedem wichtigen Geschäftstermin. Ich hatte Stunden vor dem Spiegel verbracht, mich zigmal umgezogen und schließlich ein schlichtes, aber elegantes schwarzes Kleid gewählt. Ich wollte ihm zeigen, dass ich stark war, dass ich ihn nicht brauchte. Aber tief im Inneren wusste ich, dass das eine Lüge war.
Ich betrat das Café und suchte Paul. Er saß bereits am selben Tisch wie am Vortag, aber dieses Mal war er nicht allein. Neben ihm saß eine Frau. Blond, schlank, wunderschön. Und sie hielt seine Hand. Paul lächelte sie an, ein Lächeln, das ich nur allzu gut kannte. Ein Lächeln, das einst mir gehört hatte.
Ich blieb wie angewurzelt stehen, mein Herz schien für einen Moment auszusetzen. Wer war diese Frau? Und was bedeutete das alles?
Paul sah mich, sein Lächeln erstarb. Er stand auf und kam auf mich zu. „Alina“, sagte er, seine Stimme klang plötzlich unsicher. „Es gibt etwas, das ich dir erklären muss.“
Ich schüttelte den Kopf. „Ich glaube, das ist nicht nötig“, sagte ich mit brüchiger Stimme. „Ich verstehe schon.“
Ich drehte mich um und rannte aus dem Café. Tränen liefen mir über das Gesicht. Alles war umsonst gewesen. Paul hatte mich wieder einmal betrogen. Und dieses Mal hatte es mehr wehgetan als je zuvor.