Tödliche Zeilen
Chapter 1 — Tödliche Zeilen
Das Blut war noch warm, als es meine Haut berührte. Es gehörte dem Mann, der eben noch versucht hatte, mich zu berühren – lebendig zu berühren. Jetzt war er nur noch ein Häufchen Elend auf dem polierten Marmorboden des „Phoenix“, dem exklusivsten Nachtclub Hamburgs. Ich hasste Blut. Ich hasste den Geruch, die Klebrigkeit, die unauslöschliche Erinnerung daran, was Menschen einander antun konnten.
Ich wischte die rote Flüssigkeit mit dem Ärmel meines sündhaft teuren, nachtblauen Seidenkleids ab. Ein Kleid, das Georg von Essen, mein Verlobter, für mich ausgesucht hatte. Georg, der Mann, der diesen Club besaß und der gleichzeitig der unangefochtene Albrecht der Hamburger Unterwelt war.
»Brauchst du Hilfe, Emilia?«, fragte eine tiefe Stimme hinter mir. Arne Albrecht, Mafiabosss rechte Hand und mein persönlicher Schatten, stand im Türrahmen. Seine Augen, so dunkel wie die Nacht, musterten mich prüfend. Arne war ein Mann aus Stahl, ohne Schwächen, ohne Gnade – zumindest zeigte er sie nie. Doch in diesem Moment lag etwas Besorgtes in seinem Blick.
»Nein, Arne. Alles gut«, log ich. Alles war weit entfernt von gut. Aber das hier war mein Leben. Ein Leben im goldenen Käfig, umgeben von Gewalt und Intrigen. Ein Leben, das ich mir nicht ausgesucht hatte, sondern in das ich hineingeboren worden war.
Ich kannte Georg, seit ich ein kleines Mädchen war. Unsere Familien waren seit Generationen miteinander verbunden, durch Geschäfte, durch Blut, durch Verpflichtungen. Georg war zehn Jahre älter als ich, und er war immer da gewesen. Beschützend, fordernd, besitzergreifend. Als er mich vor einem Jahr gefragt hatte, ob ich seine Frau werden wollte, hatte ich nicht gezögert. Es war eine Frage der Loyalität, der Ehre, der Familienehre.
Doch in den letzten Monaten hatte sich etwas verändert. Mafiabosss Zärtlichkeiten waren fordernder geworden, seine Blicke intensiver, seine Kontrolle erdrückender. Ich fühlte mich wie eine Marionette an seinen Fäden, gefangen in einem Netz aus Gold und Blut.
»Georg erwartet dich im Büro«, sagte Arne, seine Stimme rau. »Er hat wichtige Neuigkeiten.«
Ich nickte und folgte ihm durch die dunklen Gänge des Clubs. Die Musik dröhnte in meinen Ohren, die Lichter flackerten, und der Geruch von Schweiß und Alkohol vermischte sich mit dem süßlichen Duft des Blutes, das noch immer an meinen Händen klebte. Dies war meine Welt. Eine Welt, in der Schönheit und Gefahr Hand in Hand gingen.
Mafiabosss Büro war ein Spiegelbild seiner Persönlichkeit: luxuriös, düster, bedrohlich. Dunkles Mahagoni, schwere Ledersessel, ein riesiger Schreibtisch, auf dem sich Akten und Waffen stapelten. Georg saß am Fenster und blickte auf die glitzernde Skyline von Hamburg. Er trug einen maßgeschneiderten Anzug, und sein dunkles Haar war perfekt zurückgekämmt. Er sah aus wie ein Albrecht – ein Albrecht der Finsternis.
»Emilia«, sagte er, ohne sich umzudrehen. Seine Stimme war tief und warm, aber ich hörte die Kälte darunter. »Ich habe gute Nachrichten für dich. Und für uns.«
Ich blieb in der Tür stehen und wartete. Die Luft war dick vor Anspannung. Ich spürte, dass etwas Großes bevorstand. Etwas, das mein Leben für immer verändern würde.
Er drehte sich langsam um und lächelte. Ein Lächeln, das meine Haut frösteln ließ. »Ich habe beschlossen, unsere Hochzeit vorzuziehen«, sagte er. »Wir werden in einer Woche heiraten. Auf Sylt.«
Mein Herz setzte einen Schlag aus. Eine Woche? Das war viel zu früh. Ich war noch nicht bereit. Ich war mir nicht sicher, ob ich jemals bereit sein würde. »Georg, ich…«, begann ich, aber er hob die Hand, um mich zum Schweigen zu bringen.
»Keine Widerrede, Emilia. Es ist alles arrangiert. Deine Mutter und meine sind bereits informiert. Es wird eine prunkvolle Hochzeit, die ganz Hamburg in Atem halten wird. Und danach… danach wirst du endlich ganz mir gehören.«
Ich sah in seine dunklen Augen und erkannte darin eine Besessenheit, die mir Angst machte. Ich war gefangen. In einem goldenen Käfig, dessen Gitter immer enger wurden. Und ich wusste, dass diese Hochzeit nicht das Ende, sondern erst der Anfang war. Der Anfang eines Spiels, in dem ich die Schachfigur war und Georg der Spieler.
»Es gibt noch etwas«, sagte er, seine Stimme jetzt noch tiefer und gefährlicher. »Nach der Hochzeit werden wir nicht nur Mann und Frau sein. Wir werden auch ein Bündnis eingehen. Ein Bündnis, das unsere Familien für immer vereinen wird.«
Ich runzelte die Stirn. »Ein Bündnis? Mit wem?«
Sein Lächeln wurde breiter. »Mit der Bratwa. Sie werden unsere neuen Partner sein. Gemeinsam werden wir die Stadt beherrschen.«
Die Bratwa. Der Name klang wie ein Todesurteil. Sie waren die brutalste und skrupelloseste Mafiaorganisation in ganz Europa. Ihre Methoden waren unmenschlich, ihre Macht unantastbar. Und Georg wollte sich mit ihnen verbünden?
»Das kannst du nicht tun, Georg«, sagte ich. »Das ist Wahnsinn. Die Bratwa… sie sind Monster.«
Er lachte. Ein kaltes, herzloser Lachen. »Monster? Vielleicht. Aber Monster, die uns unbesiegbar machen werden. Und du, meine liebe Emilia, wirst an meiner Seite stehen. Als Königin der Unterwelt.«
Er kam auf mich zu, nahm mein Gesicht in seine Hände und küsste mich. Ein Kuss, der keine Liebe, sondern nur Besitzgier enthielt. Ein Kuss, der mir den Atem raubte und mir die Hoffnung nahm.
Als er sich löste, flüsterte er: »Pack deine Sachen, Liebling. Morgen früh fliegen wir nach Sylt. Unsere neue Zukunft erwartet uns.«
Ich stand wie erstarrt da, unfähig zu sprechen, unfähig mich zu bewegen. Meine Zukunft. Eine Zukunft, die ich nie gewollt hatte. Eine Zukunft, in der ich zur Schachfigur in einem tödlichen Spiel geworden war. Und ich wusste, dass es nur einen Weg gab, diesem Schicksal zu entkommen. Einen Weg, der mich alles kosten würde.
Am nächsten Morgen, als der Privatjet abhob und Kurs auf Sylt nahm, saß ich am Fenster und blickte auf die schwindende Skyline von Hamburg. In meiner Hand hielt ich ein kleines, versiegeltes Kuvert. Es war adressiert an Arne Albrecht. Und es enthielt ein Geständnis. Ein Geständnis, das alles verändern würde. Ein Geständnis, das den Krieg zwischen Georg und der Bratwa auslösen würde. Ein Geständnis, das mich entweder retten oder zerstören würde.
Ich hatte Arne einen Brief geschrieben, in dem ich ihm alles erzählte. Alles über Mafiabosss Pläne, über das Bündnis mit der Bratwa, über meine Angst und meine Verzweiflung. Und über das, was wirklich in der Nacht im Phoenix geschehen war. Ich hatte den Mann nicht aus Notwehr getötet. Ich hatte ihn im Auftrag eines Konkurrenten von Georg getötet. Einem Konkurrenten, der mir versprochen hatte, mich aus Mafiabosss Fängen zu befreien. Einem Konkurrenten, der der Anführer der Bratwa war.