Zerstörte Farben
Chapter 1 — Zerstörte Farben
Das Flüstern der Spree trug die Stille der Nacht davon, doch in meinem Herzen herrschte ein ohrenbetäubender Lärm. Es war der Lärm der Angst, der Verzweiflung, und einer unbändigen Wut, die in mir aufstieg wie eine dunkle Flut. Ich hatte mich verirrt, war tiefer gefallen, als ich es je für möglich gehalten hätte. Und alles wegen ihm. Gregor Scholz.
Ich presste die kalte Steinmauer des alten Speichers an meinen Rücken, versuchte, die zitternde Luft in meine Lungen zu ziehen. Der Geruch von Moder und altem Fisch hing schwer in der Luft, vermischt mit dem süßlichen Duft von Lilien – seinem Duft. Er hatte sie überall, diese verdammten Lilien. Ein makabrer Witz, wenn man bedachte, dass sie in meinen Augen nur den Tod symbolisierten.
Vor drei Monaten war mein Leben noch ein anderes gewesen. Ein Leben in den bunten, lauten Straßen von Kreuzberg, zwischen Studenten-WGs und Spätis, zwischen dem Geruch von Döner und Freiheit. Ich, Helena Winkler, 22, Kunststudentin mit großen Träumen und einem unerschütterlichen Glauben an das Gute im Menschen. Naiv, würde ich heute sagen. Verdammt naiv.
Dann traf ich ihn. Gregor. Er war wie ein Schatten, der sich in mein Leben schlich, langsam, unaufhaltsam. Zuerst war es seine Kunst, die mich faszinierte. Seine düsteren, verstörenden Gemälde, die eine verborgene Tiefe offenbarten. Dann war es er selbst. Seine dunklen Augen, die mich durchdringend musterten, seine leise Stimme, die unter die Haut ging, seine Aura von Gefahr, die mich auf eine seltsame Weise anzog.
Er war ein Mann der Gegensätze. Kultiviert und brutal, charmant und unberechenbar. Er bewegte sich in Kreisen, von denen ich nicht einmal wusste, dass sie existierten. Eine Welt aus Macht, Geld und Intrigen, verborgen unter der glitzernden Oberfläche von Berlin. Eine Welt, in der Gregor Scholz Winkler war. Oder zumindest einer der einflussreichsten Spieler.
Ich erfuhr es erst spät, zu spät. Er war kein Kunstsammler, wie er behauptet hatte. Er war der Erbe einer der mächtigsten Untergrundorganisationen Berlins. Seine Familie kontrollierte den Drogenhandel, die Prostitution, die Schutzgelderpressung. Sie waren die Schatten, die im Verborgenen die Fäden zogen.
Und ich, Helena Winkler, war in ihr Netz geraten. Nicht zufällig, das wusste ich inzwischen. Gregor hatte mich ausgewählt. Aus welchem Grund, war mir noch immer schleierhaft. Vielleicht, weil ich anders war. Weil ich die Künstlerin war, die er in seiner kalten Welt brauchte. Oder vielleicht, weil er einfach Spaß daran hatte, mich zu quälen.
Er hatte mich in sein Penthouse in Mitte entführt, ein gläserner Käfig mit Blick über die Stadt. Er hatte mir alles gegeben, was mein Herz begehrte: teure Kleider, Schmuck, eine eigene Malschule. Aber er hatte mir auch meine Freiheit genommen. Ich war seine Gefangene, sein Spielzeug, seine Muse.
Ich hasste ihn. Ich verachtete ihn. Ich wünschte ihm den Tod. Und doch… da war auch diese verdammte Anziehungskraft, diese dunkle Faszination, die ich nicht leugnen konnte. Seine Berührungen brannten auf meiner Haut, seine Küsse raubten mir den Atem. Ich war hin- und hergerissen zwischen Abscheu und Verlangen, zwischen Angst und einer perversen Art von Aufregung.
Jetzt stand ich hier, in diesem verlassenen Speicher am Rande der Stadt, auf der Flucht. Ein Fluchtversuch, der von Anfang an zum Scheitern verurteilt war. Er würde mich finden, das wusste ich. Er hatte immer alles bekommen, was er wollte. Und im Moment wollte er mich.
Plötzlich knackte es hinter mir. Ich wirbelte herum, das Herz bis zum Hals. Eine Gestalt trat aus dem Schatten. Nicht Gregor. Ein Mann in einem dunklen Anzug, das Gesicht von Narben gezeichnet. Seine Augen waren kalt und leer.
»Helena Winkler?«, fragte er mit rauer Stimme. »Gregor lässt dich grüßen. Und er möchte, dass du zurückkommst. Freiwillig oder unfreiwillig. Die Entscheidung liegt bei dir.«
Ich schluckte. Das Zittern in meinen Knien wurde stärker. Ich wusste, was auf mich zukam. Die Hölle. Aber in diesem Moment, in diesem Augenblick der Angst, spürte ich auch etwas anderes. Eine trotzige Wut, die in mir aufstieg. Ich würde nicht einfach aufgeben. Ich würde kämpfen. Ich würde Gregor Scholz zeigen, dass ich kein Spielzeug war. Ich würde ihm zeigen, dass ich mehr war als nur eine Gefangene in seinem goldenen Käfig.
»Sag ihm…«, begann ich, meine Stimme zitterte noch, aber sie wurde fester. »…sag ihm, er soll mich am Arsch lecken.«
Der Mann grinste. Ein kaltes, gefährliches Grinsen. »Das habe ich erwartet. Dann eben auf die harte Tour.« Er machte eine abweisende Handbewegung. Sofort traten zwei weitere Gestalten aus dem Schatten. Ich war umzingelt.
Und dann sah ich es. Etwas blitzte in der Hand des Mannes auf. Metall. Ein Messer. Und er kam auf mich zu.
Ich schloss die Augen, bereit für den Schmerz. Aber der Schmerz kam nicht. Stattdessen hörte ich einen Schrei, dumpf und qualvoll. Ich öffnete die Augen. Der Mann mit dem Messer lag am Boden, ein Messer in seinem eigenen Rücken. Über ihm stand… Emilia.
Meine beste Freundin. Wie war sie hierher gekommen? Und warum hatte sie das getan?
Sie blickte mich an, ihre Augen voller Angst und Entschlossenheit. »Helena, wir müssen hier weg! Sofort! Er weiß, dass du geflohen bist. Und er ist auf dem Weg hierher.«
Ich konnte es nicht fassen. Emilia, die schüchterne, zurückhaltende Emilia, hatte gerade einen Mann erstochen, um mich zu retten. Was hatte sie sich dabei gedacht?
Bevor ich etwas sagen konnte, hörten wir das Geräusch von Motoren. Viele Motoren. Sie kamen näher. Schnell. Sehr schnell.
Emilia packte meine Hand. »Keine Zeit für Fragen. Lauf! Und vertraue niemandem. Niemandem außer mir.«
Und dann rannten wir. In die dunkle Nacht, hinein in die Ungewissheit. Aber diesmal war ich nicht allein. Diesmal hatte ich Emilia an meiner Seite. Und das gab mir einen Hoffnungsschimmer, so klein er auch sein mochte. Einen Hoffnungsschimmer im Schatten der Lilien.