Hass auf den zweiten Blick

Chapter 1 — Hass auf den zweiten Blick

Der Geruch von verbranntem Zucker hing in der kalten Berliner Luft, eine bittere Süße, die mich augenblicklich zurückwarf. Fünf Jahre. Fünf Jahre, seit ich diesen Geruch das letzte Mal wahrgenommen hatte, fünf Jahre, seit ich Xavier von Schönfeld das letzte Mal gesehen hatte. Jetzt stand ich hier, vor dem kleinen Café in Prenzlauer Berg, in dem alles begonnen hatte – und in dem alles auf so schmerzhafte Weise endete.

Ich atmete tief durch. Berlin hatte sich verändert, war noch lauter, noch hektischer geworden, aber das Café „Zuckerstück“ existierte noch immer. Die roten Backsteine, die verschnörkelte Schrift über der Tür, die kleinen Tische draußen – alles war genau wie damals. Nur ich hatte mich verändert. Ich war nicht mehr die naive, verliebte Studentin, die hier jeden Morgen auf Xavier gewartet hatte. Ich war Vanessa Erhardt, eine Frau mit Narben, die versuchte, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen.

Ich hatte mich geschworen, nie wieder einen Fuß in dieses Café zu setzen, aber das Schicksal, oder was auch immer, hatte andere Pläne. Meine beste Freundin Sophie hatte mich überredet, hierherzukommen. „Vanessa, du musst dich deinen Ängsten stellen! Du kannst nicht ewig vor deiner Vergangenheit davonlaufen“, hatte sie gesagt. Und vielleicht hatte sie ja recht. Vielleicht war es an der Zeit, sich der Vergangenheit zu stellen, um endlich wieder in die Zukunft blicken zu können.

Zögernd öffnete ich die Tür. Die Wärme des Cafés schlug mir entgegen, vermischt mit dem Duft von Kaffee und Kuchen. Es war voll, hauptsächlich Studenten und junge Familien. Ich suchte nach einem freien Tisch und entdeckte einen kleinen Platz in der Ecke. Als ich mich setzte, fiel mein Blick auf ein bekanntes Gesicht. Er saß an einem der Tische am Fenster, in ein Gespräch vertieft. Seine dunklen Haare waren etwas kürzer, das Gesicht etwas markanter, aber es gab keinen Zweifel. Es war Xavier. Mein Herz setzte einen Schlag aus. Ich wollte aufstehen, weglaufen, aber meine Füße waren wie angewurzelt. Er sah mich nicht. Noch nicht.

Plötzlich hob er den Kopf und sein Blick traf meinen. Für einen Moment herrschte Stille, nur das leise Summen des Cafés war zu hören. Seine Augen weiteten sich, ein Ausdruck des Unglaubens huschte über sein Gesicht. Dann stand er auf und kam auf mich zu. „Vanessa?“, fragte er leise. Seine Stimme war tiefer geworden, aber ich erkannte sie sofort. Ich nickte, unfähig, ein Wort herauszubringen. Er blieb vor meinem Tisch stehen, seine Augen fest auf mich gerichtet. „Was machst du hier?“, fragte er. Seine Stimme war rau, fast feindselig. Und dann sah ich es: Den eisigen Blick, der mir sagte, dass aus Liebe Hass geworden war. Und dass dieser Hass noch lange nicht vorbei war.