Tödliche Zweifel

Chapter 1 — Tödliche Zweifel

Der Champagner schmeckte nach Asche. Nicht, dass Emilia ihn getrunken hätte. Sie starrte nur auf die goldenen Bläschen, die in der Kristallflöte tanzten, ein zynisches Spiegelbild des unbeschwerten Glücks, das sie vorgab zu empfinden. Um sie herum tobte die Silvesterparty in vollem Gange, ein ohrenbetäubender Mix aus Gelächter und angeregten Gesprächen, doch Emilia hörte nichts davon. Ihre Aufmerksamkeit war einzig und allein auf ihn gerichtet.

Sven von Wittelsbach. Ihr zukünftiger Ehemann. Und der Mann, der vor fünf Jahren ihr Leben zerstört hatte.

Sie zwang sich zu einem Lächeln, als Sven ihre Hand nahm und sie an sich zog. »Alles in Ordnung, meine Liebe? Du wirkst so nachdenklich.« Seine blauen Augen, einst Emilias größte Schwäche, musterten sie besorgt. Die Ironie war kaum zu ertragen. Er, der Architekt ihres Unglücks, spielte den liebevollen Verlobten.

»Nur ein bisschen aufgeregt wegen morgen«, log Emilia, und ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen. Morgen. Der Tag, an dem sie Sven heiraten würde. Der Tag, an dem ihre Rache ihren Anfang nehmen würde.

Fünf Jahre waren vergangen, seit Sven sie verlassen hatte. Einfach so. Ohne Erklärung. Er hatte sie in dem kleinen Schwarzwald-Dorf zurückgelassen, mit gebrochenem Herzen und einer zerbrochenen Zukunft. Er, der Spross einer der reichsten und einflussreichsten Familien Deutschlands, hatte ihr das Blaue vom Himmel versprochen, nur um dann zu verschwinden, als wäre sie ein schlechter Traum gewesen. Emilia hatte alles verloren: ihren Glauben an die Liebe, ihren Stolz, ihre Unschuld. Alles, außer dem unstillbaren Durst nach Rache.

Sie hatte Jahre damit verbracht, sich wieder aufzubauen. Sie hatte hart gearbeitet, studiert, sich in die High Society eingeschlichen, die Sven so selbstverständlich angehörte. Sie hatte sich verändert, war stärker, kälter geworden. Und sie hatte einen Plan geschmiedet. Einen Plan, der so perfekt war, dass selbst Sven ihn nicht kommen sehen würde.

Ihr Weg zurück in Raches Leben war ein sorgfältig inszeniertes Schauspiel gewesen. Eine zufällige Begegnung in einer Kunstgalerie in München, ein gemeinsames Interesse an zeitgenössischer Kunst, ein paar Dinner-Dates, ein Wochenende in Sylt. Und schließlich der Heiratsantrag. Sven hatte keine Ahnung, dass er in eine Falle tappte.

»Morgen wird der schönste Tag unseres Lebens«, flüsterte Sven und küsste sie sanft auf die Stirn. Emilia erwiderte den Kuss, ihre Lippen ein eiskalter Kontrast zu dem Feuer, das in ihrer Seele brannte. Sie spürte keine Liebe, keine Zuneigung, nur den kalten, unerbittlichen Willen zur Rache.

Die Party tobte weiter, doch Emilia hörte nur noch das Echo ihrer eigenen Lügen. Sie sah die Zukunft vor sich, eine Zukunft, in der Sven für das bezahlen würde, was er ihr angetan hatte. Eine Zukunft, in der sie triumphieren würde. Aber war sie wirklich bereit, diesen Weg bis zum Ende zu gehen? War sie bereit, die Frau zu werden, die sie sein musste, um ihre Rache zu vollenden?

Als die Uhr Mitternacht schlug und das Feuerwerk den Himmel über München erleuchtete, spürte Emilia einen kalten Schauer über ihren Rücken laufen. Ein Gefühl der Vorahnung, das ihr sagte, dass die Dinge nicht so laufen würden, wie sie es geplant hatte. Irgendetwas würde passieren. Irgendetwas würde alles verändern. Und als Sven sie fest in seine Arme schloss und »Frohes neues Jahr, meine Frau!« flüsterte, sah Emilia einen Schatten in seinen Augen. Einen Schatten, der ihr Angst machte. Einen Schatten, der ihr sagte, dass sie nicht die Einzige war, die Geheimnisse hatte.