Atemlos
Chapter 1 — Atemlos
Das Blut roch nach Rost und Sünde, ein perverser Duft, der sich in meine Nasenflügel krallte, während ich zusah, wie der Mann vor mir auf die Knie sank. Nicht irgendein Mann. Es war Jürgen, der Barkeeper von der Goldenen Möwe, der mir gestern noch einen doppelten Whiskey eingeschenkt hatte, während er über die Touristen schimpfte.
Jetzt lag er im dunklen Gassenwinkel der Reeperbahn, das Gesicht gezeichnet von Angst, die Augen aufgerissen, während Marco sich langsam über ihn beugte. Marco Mayer. Mein Beschützer. Mein Albtraum. Mein zukünftiger Ehemann.
»Du hast dich mit Leuten eingelassen, mit denen man sich nicht einlässt, Jürgen«, zischte Marco, seine Stimme ein gefährliches Raunen, das unter die Haut ging. Die Neonlichter der Herbertstraße warfen flackernde Schatten auf sein Gesicht, betonten die scharfen Linien seines Kiefers, die dunklen Abgründe in seinen Augen. Er war der Inbegriff von Sünde, verpackt in einem maßgeschneiderten Anzug.
Ich presste die Lippen aufeinander, unfähig, den Blick abzuwenden. Ich sollte nicht hier sein. Ich sollte in meiner kleinen Wohnung in St. Pauli sitzen, mit einem Buch und einer Tasse Tee, und versuchen, die Schrecken der letzten Monate zu vergessen. Aber Marco hatte andere Pläne. Er hatte mich aus dem Nichts geholt, mir ein Angebot gemacht, das ich nicht ablehnen konnte, obwohl jede Faser meines Körpers danach schrie, wegzulaufen.
»Ich… ich wollte nur ein bisschen Geld verdienen«, stammelte Jürgen, Tränen vermischten sich mit dem Blut auf seinem Gesicht. »Ich wusste nicht, dass sie…«
Marco lachte, ein kalter, unbarmherziger Laut, der mir einen Schauer über den Rücken jagte. »Du wusstest es nicht? Jeder hier weiß, dass man sich nicht mit der Cosa Nostra anlegt, Jürgen. Vor allem nicht, wenn es um Schutzgeld geht.« Er zog langsam ein glänzendes Messer aus seiner Innentasche. Das Licht fing sich in der Klinge und warf grelle Blitze in die Nacht.
Ich schloss die Augen, aber das Bild brannte sich in meine Netzhaut. Ich kannte Marco erst seit Kurzem, aber ich wusste, dass er nicht zögern würde. Er war skrupellos, brutal, ein Mann, der in einer Welt lebte, in der Gewalt die einzige Währung war. Und ich war mitten drin.
»Bitte…«, flehte Jürgen. »Ich habe eine Familie…«
Ein dumpfer Laut, ein kurzes Keuchen. Ich öffnete die Augen. Jürgen lag regungslos am Boden, ein dunkler Fleck breitete sich auf seinem Hemd aus. Marco warf das Messer achtlos weg und wandte sich mir zu. Seine Augen waren dunkel und leer.
»Du musst lernen, dich daran zu gewöhnen, Andrea«, sagte er, seine Stimme sanft, fast zärtlich. »Das ist die Welt, in der du jetzt lebst.« Er trat näher, nahm mein Gesicht in seine Hände. Seine Berührung war überraschend sanft.
»Warum tust du das?«, fragte ich, meine Stimme kaum mehr als ein Flüstern. »Warum ich?«
Er lächelte, ein gefährliches, verführerisches Lächeln. »Weil du etwas Besonderes bist, Andrea. Und weil du mir gehörst.«
Er beugte sich vor und küsste mich, ein Kuss, der alles andere als zärtlich war. Es war ein Kuss der Macht, der Besitzgier, der mir die Luft raubte und mir gleichzeitig eine seltsame, perverse Befriedigung verschaffte. Ich hasste ihn dafür. Und ich begehrte ihn.
Plötzlich vibrierte sein Handy. Er löste sich widerwillig von mir und nahm das Gespräch entgegen. Seine Miene verfinsterte sich.
»Was gibt es?… Wann?… Verdammt!« Er legte auf und sah mich mit einem Blick an, der mir das Blut in den Adern gefrieren ließ. »Wir müssen sofort weg. Sie haben Alina gefunden.«