Symphonie der Sünde

Chapter 1 — Symphonie der Sünde

Der erste Ton war ein Versprechen, der zweite eine Lüge. Ich wusste es in dem Moment, als seine Finger das Elfenbein berührten, als die ersten Klänge von Debussys Clair de Lune den stickigen Proberaum der Musikhochschule erfüllten.

Ich, Clara Hoffmann, stand im Türrahmen, ein Schatten im Halbdunkel, und beobachtete ihn. Kilian Otto. Wunderkind, Enfant terrible, der Mann, der mein Leben in ein berauschendes, gefährliches Chaos stürzen sollte. Er saß am Flügel, die dunklen Haare fielen ihm in die Stirn, die Augen geschlossen. Verloren in der Musik, entrückt, unerreichbar.

Er war mein Klavierprofessor. Und er war absolut tabu.

Die Luft vibrierte. Nicht nur von den Klängen, sondern von der unausgesprochenen Spannung, die zwischen uns herrschte, seit jenem verhängnisvollen Tag vor drei Wochen, als er mich in der Bibliothek beobachtete. Ich war über einer Partitur eingeschlafen, den Kopf auf die Noten gelegt. Als ich aufwachte, stand er da, still, intensiv, sein Blick ein Versprechen und eine Drohung zugleich.

»Fräulein Hoffmann«, sagte er damals, seine Stimme tief und rau. »Sie sollten Ihre Träume nicht an öffentlichen Orten zur Schau stellen.«

Und seitdem war alles anders. Jeder Blick, jede zufällige Berührung, jedes flüchtige Lächeln war aufgeladen mit einer Bedeutung, die uns beide zu verbrennen drohte. Ich versuchte, ihn zu meiden, seine Vorlesungen zu schwänzen, mich unsichtbar zu machen. Aber es war unmöglich. Kilian Otto war allgegenwärtig. Er war der Sturm, der über mein wohlsortiertes Leben hereinbrach.

Nun stand ich hier, in diesem stickigen Proberaum, gefangen von seiner Musik und seiner Aura, unfähig, mich zu bewegen.

Er beendete das Stück, die letzten Töne verklingend in der Stille. Er öffnete die Augen, und sein Blick traf meinen. Ein Lächeln huschte über seine Lippen, ein Lächeln, das mir unter die Haut kroch und eine Sehnsucht in mir weckte, die ich verzweifelt zu unterdrücken versuchte.

»Clara«, sagte er, sein Name ein Hauch, eine Einladung. »Ich habe auf dich gewartet.«

Ich trat ein, die Tür fiel leise ins Schloss. Der Raum schien plötzlich kleiner, die Luft dichter, die Stille ohrenbetäubend. Ich spürte, wie mein Herz schneller schlug, wie meine Hände feucht wurden.

»Ich… ich sollte lernen«, stammelte ich, versuchte, meine Fassung zu wahren.

Er lachte leise, ein dunkles, gefährliches Geräusch. »Das tun Sie doch bereits, Clara. Seit dem ersten Tag.«

Er stand auf, kam langsam auf mich zu. Ich wich zurück, bis ich mit dem Rücken an der Tür stand, gefangen.

»Sie wissen, dass das nicht richtig ist«, sagte ich, meine Stimme kaum mehr als ein Flüstern.

»Richtig?«, wiederholte er, blieb direkt vor mir stehen, so nah, dass ich seinen Atem auf meiner Haut spürte. »Was ist schon richtig, Clara? Die Musik? Die Konventionen? Oder das, was wir wirklich wollen?«

Er hob eine Hand und strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Seine Berührung war leicht, aber sie löste ein Feuerwerk in mir aus.

»Ich… ich kann das nicht«, sagte ich, obwohl eine Stimme in mir schrie, dass ich es wollte, dass ich nichts mehr wollte, als mich in seinen Armen zu verlieren.

»Können Sie nicht?«, fragte er, seine Augen funkelten. »Oder wollen Sie nicht?«

Er beugte sich vor, seine Lippen waren nur noch Millimeter von meinen entfernt. Ich schloss die Augen, erwartete den Kuss, den Fall in die Verdammnis.

Doch er küsste mich nicht. Stattdessen flüsterte er: »Ich werde es Ihnen beibringen, Clara. Ich werde Ihnen beibringen, alles zu wollen.«

Dann entfernte er sich, drehte sich um und ging zurück zum Flügel. Er setzte sich und begann wieder zu spielen, diesmal eine düstere, leidenschaftliche Melodie, die mein Herz in Stücke riss.

Ich stand an der Tür, unfähig, mich zu bewegen, gefangen zwischen Vernunft und Verlangen. Ich wusste, dass ich gehen sollte, dass ich diesen Ort, diesen Mann, so schnell wie möglich verlassen musste. Aber meine Füße waren wie angewurzelt.

Plötzlich verstummte die Musik. Kilian drehte sich um, sein Gesicht war bleich, seine Augen voller Entsetzen.

»Clara«, sagte er, seine Stimme zitterte. »Da ist jemand… im Rektorat.«

Ich runzelte die Stirn. »Was ist los?«

Er stand auf, kam hastig auf mich zu, packte mich am Arm und zog mich in eine dunkle Ecke des Raumes. »Ich habe etwas gesehen… jemanden… mit deinem Vater.«

Mein Vater? Professor Hoffmann, der Dekan der Musikhochschule? Was hatte er hier zu suchen?

»Was redest du da?«, fragte ich, mein Herz raste.

Kilian legte einen Finger auf seine Lippen. »Sei still. Ich habe gehört, wie sie deinen Namen gesagt haben… und dann… dann das Wort ›Ausschluss‹.«

Mein Blut gefror in meinen Adern. Ausschluss? Das konnte nicht sein. Mein Vater würde mir niemals…

Doch dann hörte ich Schritte. Schwere, entschlossene Schritte, die sich dem Proberaum näherten. Und dann die Stimme meines Vaters, laut und unmissverständlich:

»Hier muss sie sein. Finden Sie sie!«

Kilian sah mich an, seine Augen voller Panik. »Wir müssen hier weg«, flüsterte er. »Sofort!«

Er riss die Tür auf und zog mich mit sich hinaus, in die dunklen Gänge der Musikhochschule, hinein in eine Zukunft, die plötzlich ungewisser und gefährlicher war als je zuvor.