Gespieltes Glück im Blitzlicht

Chapter 1 — Gespieltes Glück im Blitzlicht

Der Champagner prickelte kaum noch auf meiner Zunge, aber das dumpfe Pochen in meinem Kopf war umso deutlicher. Warum, zum Teufel, hatte ich zugestimmt, heute Abend hierher zu kommen? Noch dazu in Begleitung meines – zumindest vorgeblichen – Verlobten.

Das Gut Hohenberg erstrahlte im warmen Licht unzähliger Lichterketten, die sich um die alten Eichen schmiegten. Die Luft roch nach Rosen und dem teuren Parfum der versammelten Münchner Schickeria. Ich hasste es.

»Daria, Liebling, nicht so finster!«, raunte Linus von Lichtenstein, genannt Max, und legte mir eine Hand an den Rücken. Seine Berührung fühlte sich an wie ein kalter Fisch. »Denk an unsere Abmachung.«

Abmachung. Ein Wort, das so gar nicht zu den romantischen Klängen passte, die eine Verlobung eigentlich begleiten sollten. Aber unsere war alles andere als romantisch. Sie war ein Geschäft. Ein Arrangement, das uns beiden Vorteile bringen sollte. Ihm die Ruhe vor seiner aufdringlichen Ex-Freundin, mir den dringend benötigten Kredit für mein kleines Café in Schwabing.

Ich zwang mir ein Lächeln auf die Lippen und nickte. »Natürlich, Schatz.« Das Wort kam mir wie eine bittere Pille vor.

Max strahlte, ein Raubtier, das sein Ziel im Blick hat. »Ausgezeichnet. Tante Elisabeth kommt gerade auf uns zu. Denk daran, wie wichtig ihr Segen für…« Er brach ab und sein Lächeln wirkte plötzlich gezwungen. »Guten Abend, Viktoria.«

Eine Frau in einem sündhaft teuren, smaragdgrünen Kleid hatte sich neben uns positioniert. Ihre Augen, so kalt wie Eis, fixierten Max. »Linus. Ich hätte nicht gedacht, dass du es wagst, dich mir hier unter die Augen zu treten.« Ihre Stimme war messerscharf.

Max schluckte. »Viktoria, bitte nicht hier. Wir können das später besprechen.«

»Später?«, zischte sie. »Es gibt nichts zu besprechen. Du hast deine Entscheidung getroffen. Und ich werde dafür sorgen, dass du sie bereust.« Ihr Blick wanderte zu mir, taxierte mich von Kopf bis Fuß. »Und du, meine Liebe, scheinst nicht zu wissen, worauf du dich einlässt.«

Ich spürte, wie mir ein Schauer über den Rücken lief. Wer war diese Frau? Und warum hatte Max mich nicht vor ihr gewarnt?

»Viktoria, sei vernünftig«, versuchte Max, sie zu beschwichtigen.

Sie lachte, ein kurzes, hartes Geräusch. »Vernünftig? Du sprichst von Vernunft? Du hast mich vor allen bloßgestellt, Linus. Mich! Und jetzt stehst du hier mit dieser…« Sie brach ab, suchte nach einem passenden Wort. »…dieser kleinen Café-Besitzerin!«

Die Beleidigung traf mich härter, als ich erwartet hatte. Ja, ich war »nur« eine Café-Besitzerin. Aber ich hatte hart für meinen Traum gearbeitet. Und ich hatte mich sicher nicht in diese Situation manövriert, um mich von einer verwöhnten Millionenerbin demütigen zu lassen.

Ich richtete mich auf und blickte Viktoria direkt in die Augen. »Ich mag vielleicht eine kleine Café-Besitzerin sein«, sagte ich, meine Stimme erstaunlich ruhig. »Aber ich lasse mich nicht von Ihnen beleidigen.«

Viktorias Augen funkelten vor Wut. »Du wirst noch sehen, was das für Konsequenzen hat«, zischte sie. Dann drehte sie sich um und verschwand in der Menge.

Max atmete erleichtert aus. »Danke, Daria. Du hast mir wirklich aus der Patsche geholfen.«

»Aus der Patsche?«, wiederholte ich. »Das war ja noch untertrieben. Wer ist diese Frau, Max? Und warum hat sie so eine Wut auf dich?«

Max wich meinem Blick aus. »Das ist kompliziert«, murmelte er. »Eine alte Geschichte.«

»Eine alte Geschichte, die offenbar noch nicht abgeschlossen ist«, entgegnete ich. »Du hast mir nichts davon erzählt.«

»Ich wollte dich nicht beunruhigen«, sagte er. »Es ist wirklich nichts, worüber du dir Sorgen machen musst.«

Ich verschränkte die Arme vor der Brust. »Das glaube ich kaum. Sie hat mir gedroht, Max! Mir! Was hast du angestellt?«

Max seufzte. »Es ist eine lange Geschichte«, sagte er. »Und jetzt wirklich nicht der richtige Zeitpunkt, um sie zu erzählen. Lass uns einfach den Abend genießen und so tun, als wäre alles in Ordnung.«

»So tun?«, fragte ich ungläubig. »Das ist doch alles, was wir tun!« Die Erkenntnis traf mich wie ein Schlag. Unsere ganze Beziehung basierte auf einer Lüge. Und ich hatte zugelassen, dass ich mich in dieses Netz aus Intrigen verstrickte.

Ich drehte mich um und ging. Ich brauchte Luft. Ich brauchte Abstand. Ich brauchte einen Plan.

Ich irrte ziellos durch den Garten, die Musik und die Stimmen der anderen Gäste wie ein dumpfes Rauschen im Hintergrund. Schließlich ließ ich mich auf einer Bank unter einem alten Apfelbaum nieder. Der Duft der Blüten war betäubend süß, aber er konnte die bittere Wahrheit nicht überdecken.

Ich hatte einen Fehler gemacht. Einen großen Fehler. Ich hatte mich auf einen Mann eingelassen, der Geheimnisse vor mir hatte. Der mich in eine gefährliche Situation gebracht hatte. Und ich wusste nicht, wie ich da wieder herauskommen sollte.

Plötzlich spürte ich eine Hand auf meiner Schulter. Ich zuckte zusammen und drehte mich um.

Vor mir stand ein Mann, den ich noch nie zuvor gesehen hatte. Er war groß und schlank, mit dunklen Haaren und stechend blauen Augen. Er trug einen perfekt sitzenden Smoking und strahlte eine Aura von Macht und Gefahr aus.

»Daria Reiter, nicht wahr?«, sagte er. Seine Stimme war tief und rau.

Ich nickte, unfähig, ein Wort herauszubringen.

Er lächelte, ein Lächeln, das mich nicht beruhigte. »Ich habe gehört, du bist die Verlobte von Linus von Lichtenstein.«

Ich schluckte. »Wer sind Sie?«, fragte ich.

Sein Lächeln wurde breiter. »Nennen wir mich einfach einen…Geschäftsfreund.« Er beugte sich vor, so nah, dass ich seinen Atem auf meiner Haut spürte. »Und ich habe ein paar interessante Informationen über deinen Verlobten. Informationen, die dich vielleicht interessieren könnten.«

Er zog eine Visitenkarte aus seiner Tasche und drückte sie mir in die Hand. »Ruf mich an, wenn du mehr wissen willst«, sagte er. Dann drehte er sich um und verschwand im Dunkeln.

Ich starrte auf die Visitenkarte in meiner Hand. Der Name darauf sagte mir nichts. Aber ich spürte, dass dieser Mann der Schlüssel zu allem sein könnte. Der Schlüssel zu Max’ Geheimnissen. Und vielleicht auch der Schlüssel zu meiner eigenen Rettung.

Ich beschloss, ihn anzurufen. Aber erst morgen. Jetzt brauchte ich erst einmal einen Drink. Und eine sehr lange Dusche, um den Abend von meiner Haut zu waschen. Aber als ich mich erhob, um zurück ins Haus zu gehen, sah ich, wie Max auf mich zukam, seine Augen voller Sorge. Er hatte Viktoria vergessen. Er hatte alles vergessen. Seine Sorge galt nur mir. Oder zumindest tat er so. Aber in diesem Moment sah ich etwas in seinen Augen, etwas Dunkles, etwas, das ich noch nicht kannte. Und ich wusste, dass das Spiel gerade erst begonnen hatte.