Die Schmetterlingsdiebin

Chapter 1 — Die Schmetterlingsdiebin

Das Blut war warm und klebrig an meinen Händen, aber es war nicht mein eigenes. Zumindest noch nicht.

Ich hasste diese Maske. Sie kratzte, und die billigen Pailletten reflektierten das Neonlicht der Reeperbahn grell in meinen Augen. Aber sie war notwendig. Ohne sie war ich nur Maren Wagner, die unscheinbare Studentin der Kunstgeschichte. Mit ihr war ich… etwas anderes. Jemand, der sich wehren konnte.

Die Musik dröhnte, ein Techno-Beat, der sich in mein Gehirn hämmerte, während ich über den feuchten Asphalt rannte. Hinter mir hörte ich Gebrüll, Flüche, das verzweifelte Stöhnen des Mannes, den ich gerade… nun ja, sagen wir, „überzeugt“ hatte, mir das Geld zu geben. Das Geld, das meine Mutter brauchte.

Ich bog in eine dunkle Gasse ein, das Herz raste wie ein Kolibri. Die Maske drückte unangenehm auf meiner Nase. Ich musste hier weg. Schnell.

Hamburg. Meine Heimat. Eine Stadt der Gegensätze. Glitzernde Fassaden und tiefe, dunkle Abgründe. Ich kannte beides nur zu gut.

Vor zwei Jahren war mein Leben noch einfach gewesen. Ich hatte von einer Karriere als Restauratorin geträumt, von Ausstellungen in renommierten Galerien, von einem ruhigen Leben mit meinem Freund. Dann kam die Diagnose meiner Mutter. Ein seltener, aggressiver Krebs. Die Behandlungen waren teuer, unverschämt teuer. Und unsere Krankenkasse deckte nur einen Bruchteil ab. Mein Vater hatte uns verlassen, als ich klein war. Es gab keine reiche Tante, keinen wohlhabenden Onkel, der uns aus der Patsche helfen konnte. Nur mich.

Zuerst hatte ich versucht, es auf ehrliche Weise zu schaffen. Neben meinem Studium jobbte ich in einem Café, gab Nachhilfe, putzte Wohnungen. Aber es reichte einfach nicht. Jeden Monat klaffte ein immer größer werdendes Loch in unserem Budget. Die Verzweiflung wuchs, die Angst nagte an mir.

Und dann hatte ich ihn getroffen. Konstantin. Ein Mann mit Augen so kalt wie die Elbe im Winter und einem Lächeln, das Versprechungen flüsterte, die ich besser nicht hätte hören sollen. Er wusste von meiner Situation. Er wusste, dass ich verzweifelt war. Und er bot mir einen Ausweg an. Einen dunklen, gefährlichen Ausweg.

„Ich habe da… Gelegenheiten“, hatte er gesagt, seine Stimme ein sanftes Raunen, das sich in mein Ohr schlich. „Gelegenheiten, mit denen du schnell viel Geld verdienen kannst. Alles, was du brauchst, ist ein bisschen Mut. Und die Bereitschaft, deine Hände schmutzig zu machen.“

Ich hatte gezögert. Lange. Aber dann hatte ich an meine Mutter gedacht, an ihr blasses, erschöpftes Gesicht, an die Angst in ihren Augen. Und ich hatte zugestimmt.

Konstantin hatte mich in seine Welt eingeführt. Eine Welt der Schatten, der Lügen, der Gewalt. Ich wurde zu „Der Schmetterling“ – eine Maske, ein Kostüm, eine Rolle. Eine Diebin, eine Erpresserin, eine… Beschützerin. Zumindest redete ich mir das ein. Ich stahl von denen, die es sich leisten konnten, von denen, die es verdient hatten. Ich verteilte das Geld an meine Mutter und an andere, die in Not waren. Ich war eine moderne Robin Hood, nur eben mit High Heels und einem Hang zum Theatralischen.

Ich erreichte die Hauptstraße, mischte mich unter die Touristen und Partygänger. Die Maske wanderte in meine Handtasche, meine Bewegungen geübt, fast schon routiniert. Maren Wagner verschmolz wieder mit der Masse. Niemand würde vermuten, dass die unscheinbare Studentin gerade einen Zuhälter um sein Schwarzgeld erleichtert hatte.

Ich atmete tief durch, versuchte, meinen Puls zu beruhigen. Ich musste nach Hause, zu meiner Mutter. Ihr die Medikamente bringen, ihr von meinem Tag erzählen, ihr ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Das war es, was mich antrieb. Das war es, was mich am Leben erhielt.

Als ich in unsere kleine Wohnung in St. Pauli kam, hörte ich bereits ihre Stimme. Sie sprach leise, aber ihre Worte waren deutlich zu verstehen. Am Telefon.

„Ja, ich bin sicher. Es ist meine Tochter, Maren. Sie weiß nichts davon… Nein, natürlich darf sie es nicht erfahren. Niemals.“

Ich erstarrte. Wer war am anderen Ende der Leitung? Und was durfte ich niemals erfahren?

Ich trat ins Wohnzimmer. Meine Mutter drehte sich um, ihr Gesicht kreidebleich. Sie legte schnell auf.

„Maren! Was machst du denn hier? Ich dachte, du wärst noch in der Bibliothek.“ Ihre Stimme zitterte leicht.

„Ich bin früher gegangen“, sagte ich, meine Stimme ruhig, aber innerlich brodelte es. „Mit wem hast du telefoniert, Mama?“

Sie wich meinem Blick aus. „Mit… mit einer alten Freundin. Wir haben uns nur ein bisschen unterhalten.“

Ich glaubte ihr kein Wort.

„Worüber habt ihr gesprochen?“, hakte ich nach. Ich musste es wissen. Ich spürte, dass etwas nicht stimmte. Etwas Bedrohliches.

Sie schwieg. Dann sagte sie, ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern: „Es geht um dich, Maren. Es geht um deine Vergangenheit.“

Meine Vergangenheit? Ich hatte keine Geheimnisse. Dachte ich zumindest. Bis jetzt.

„Was meinst du damit?“, fragte ich, meine Stimme bebte leicht. „Was verbirgst du vor mir?“

Sie sah mich an, ihre Augen voller Schmerz und Angst. „Maren… du bist nicht die, die du denkst zu sein.“

Bevor ich antworten konnte, klingelte es an der Tür. Meine Mutter zuckte zusammen. Ich ging zur Tür und öffnete sie. Draußen standen zwei Männer in dunklen Anzügen. Ihre Gesichter waren hart, unnachgiebig.

„Maren Wagner?“, fragte der eine. Seine Stimme war rau, ohne jede Wärme.

Ich nickte, mein Herz raste wie wild.

„Wir sind von der Polizei“, sagte er und zeigte mir einen Ausweis. „Wir haben einen Haftbefehl gegen Sie. Wegen Mordes.“