Der Pakt von St. Pauli

Chapter 1 — Der Pakt von St. Pauli

Der Champagner schmeckte nach Asche. Nicht, dass Emilia je Asche probiert hätte, aber anders konnte sie das Gefühl in ihrem Mund nicht beschreiben. Bitter, tot, wie das Ende einer brennenden Zigarette, die man achtlos fallen lässt.

Vor ihr, auf der glänzend polierten Tanzfläche des 'Jade', dem exklusivsten Nachtclub Hamburgs, tanzte Hugo Schwarz mit ihrer besten Freundin Sophie. Hugo, ihr Hugo. Oder was sie geglaubt hatte, dass er ihr Hugo war. Sein dunkler Anzug schien perfekt auf Sophies smaragdgrünes Kleid abgestimmt, ein zynischer Kommentar zu ihrer eigenen, in blutrotem Seide gehüllten Verzweiflung.

Es war ihr zweiter Jahrestag. Vor zwei Jahren hatte Hugo ihr an diesem selben Ort, an diesem selben Tisch, einen funkelnden Diamantring an den Finger gesteckt und ihr ewige Liebe geschworen. Heute tanzte er mit Sophie, als gäbe es sie, Emilia, nicht mehr. Als wäre sie ein Geist in ihrem eigenen Leben. Ein Geist, der Rache schwor.

Sie spürte, wie ihre Fingernägel sich in das teure Leder ihrer Clutch krallten. Die Musik dröhnte in ihren Ohren, die Lichter flackerten, aber Emilia nahm nur Hugo und Sophie wahr. Ihr Lächeln war strahlend, seine Augen voller Bewunderung. Es war eine Inszenierung, ein Schlag ins Gesicht, inszeniert für sie, Emilia. Und sie würde dafür bezahlen lassen.

Sie leerte ihr Glas in einem Zug. Der Champagner brannte in ihrer Kehle, ein willkommenes Gefühl. Es war Zeit für Plan B. Plan A, die naive Hoffnung auf eine Versöhnung, war soeben mit dem letzten Takt des Liedes gestorben.

***

Emilia kannte Hugo seit der Sandkiste. Ihre Eltern waren befreundet, sie waren zusammen aufgewachsen, hatten die ersten zahnspangenbewehrten Küsse ausgetauscht, zusammen das Abitur gemacht. Hugo war immer da gewesen, ihr Fels in der Brandung, der sichere Hafen in ihrem turbulenten Leben.

Bis vor sechs Monaten. Bis zu dem Tag, als Hugo' Vater, der allmächtige Chef der Schwarz AG, plötzlich und unerwartet verstarb. Hugo erbte nicht nur das florierende Familienunternehmen, sondern auch eine Last, die ihn zu erdrücken drohte. Er wurde stiller, distanzierter, arbeitete Tag und Nacht. Emilia versuchte, für ihn da zu sein, ihm Halt zu geben, aber er stieß sie weg. Immer wieder. Bis er schließlich vor drei Wochen Schluss machte. Per SMS. 'Es tut mir leid, Emilia. Ich kann das nicht mehr.'

Keine Erklärung. Kein Gespräch. Nichts. Nur diese eiskalte Nachricht, die ihre Welt in Trümmer gelegt hatte. Und jetzt das. Hugo, strahlend und verliebt, mit ihrer besten Freundin auf der Tanzfläche. Das war mehr als nur ein gebrochenes Herz. Das war eine Kriegserklärung.

Sie hatte versucht, mit Sophie zu reden. Ihr erklärt, dass sie und Hugo eine Geschichte hatten, eine tiefe Verbindung. Aber Sophie hatte nur mit den Schultern gezuckt und gesagt: »Er ist frei, Emilia. Und er macht mich glücklich.«

Emilia verstand. Sophie hatte immer ein bisschen neidisch auf Emilias Leben geblickt. Auf ihre scheinbar perfekte Beziehung, ihre sorglose Existenz. Jetzt hatte sie die Chance, Emilia alles zu nehmen. Und sie würde sie nutzen.

***

Sie verließ den Club, ohne sich von Hugo oder Sophie zu verabschieden. Die kühle Hamburger Nachtluft tat gut. Sie zog ihren roten Seidenmantel fester um sich und atmete tief durch. Rache war ein Gericht, das am besten kalt serviert wurde, und Emilia hatte ein Rezept, das so raffiniert war, dass selbst Hugo und Sophie es nicht kommen sehen würden.

Sie stieg in ihr Taxi und nannte die Adresse: St. Pauli, Davidstraße 17. Eine Adresse, die Hugo Schwarz niemals mit Emilia Pohl in Verbindung bringen würde.

Das Taxi hielt vor einem heruntergekommenen Gebäude mit Neonreklame. »Zum Goldenen Anker« stand in verblichenen Buchstaben über der Tür. Emilia zahlte den Fahrer und stieg aus. Sie zögerte kurz, bevor sie den zwielichtigen Laden betrat. Der Geruch von abgestandenem Bier, Schweiß und billigem Parfüm schlug ihr entgegen.

Ein bulliger Türsteher mit tätowierten Armen musterte sie misstrauisch. »Kann ich helfen, meine Dame?«, fragte er mit rauer Stimme.

»Ich möchte mit Linus Nagel sprechen«, sagte Emilia selbstbewusst. Ihr Herz pochte wild, aber sie ließ sich nichts anmerken.

Der Türsteher grinste. »Linus hat keine Zeit für Touristinnen. Verschwinde, bevor du Ärger bekommst.«

»Ich bin keine Touristin«, erwiderte Emilia. »Ich bin hier, um ihm ein Angebot zu machen, das er nicht ablehnen kann.« Sie zog eine Visitenkarte aus ihrer Clutch und hielt sie dem Türsteher hin. »Sag ihm, Emilia Pohl sei hier. Und dass es um Hugo Schwarz geht.«

Der Türsteher musterte die Karte, dann sie. Ein kurzes Nicken, und er verschwand im Hinterzimmer. Emilia wartete. Die Musik war laut, die Stimmung aggressiv, aber sie fühlte nichts. Nur eine kalte, unerbittliche Entschlossenheit.

Nach einigen Minuten kam der Türsteher zurück. »Linus erwartet dich.« Er deutete auf das Hinterzimmer. Emilia atmete tief durch und folgte ihm. Ihr Rachefeldzug hatte soeben begonnen.

Im Hinterzimmer saß ein Mann an einem massiven Schreibtisch. Dunkle Haare, stechende Augen, eine Aura der Gefahr, die den Raum erfüllte. Linus Nagel. Der Nagel von St. Pauli. Und Emilias letzte Hoffnung.

»Frau Pohl«, sagte er mit tiefer Stimme. »Was führt Sie zu mir?«

Emilia lächelte. Ein kaltes, kalkuliertes Lächeln. »Ich brauche Ihre Hilfe, Herr Nagel. Ich möchte, dass Hugo Schwarz alles verliert.«

Linus Nagel lehnte sich zurück und musterte sie interessiert. »Und was sind Sie bereit, dafür zu geben?«

Emilia zögerte einen Moment. Dann sagte sie: »Alles.«

Linus Nagel grinste. »Das ist ein interessantes Angebot, Frau Pohl. Sehr interessant. Aber ich habe noch eine Frage. Sind Sie bereit, Ihre Hände schmutzig zu machen?«

Emilia sah ihm direkt in die Augen. »Ich bin bereit, alles zu tun, was nötig ist.«

Linus Nagel nickte langsam. »Gut. Dann willkommen in meiner Welt, Frau Pohl. Hier gibt es keine Regeln. Nur Konsequenzen.« Er stand auf und ging um den Schreibtisch herum. Dann beugte er sich zu ihr vor und flüsterte ihr ins Ohr: »Und die erste Konsequenz ist, dass Sie ab heute mir gehören.«