Der bankrotte Milliardär
Chapter 1 — Der bankrotte Milliardär
Der erste Schluck Champagner schmeckte nach Sünde. Nicht, weil er teuer war – in Kreisen wie den meinen war das die Norm. Sondern weil er aus SEINEM Glas stammte. Anton von Eichendorff, der Mann, der mein Leben kaufen und verkaufen konnte, ohne mit der Wimper zu zucken.
Ich, Miriam Berger, Praktikantin in der Rechtsabteilung seines millionenschweren Familienunternehmens, stand am Rande des prunkvollen Ballsaals im Hotel Vier Jahreszeiten Kempinski in München. Die alljährliche Wohltätigkeitsgala der von Eichendorff Stiftung war ein Schaulaufen der Reichen und Schönen, ein goldener Käfig, in dem ich mich fehl am Platz fühlte. Mein Kleid, eine geliehene Robe meiner besten Freundin Sophie, kratzte unangenehm auf meiner Haut. Es war ein kleiner Vorgeschmack auf das, was mir bevorstehen könnte.
Anton, der Erbe des von Eichendorff Imperiums, war eine Naturgewalt. Dunkle Haare, stechende blaue Augen, ein Kiefer wie aus Stein gemeißelt. Er besaß eine Aura der Macht, die jeden Raum dominierte. Und er wusste es. Er liebte es. Gerade hatte er noch mit der österreichischen Opernsängerin geturtelt, als er sich plötzlich umdrehte und mich direkt anblickte. Seine Augen fixierten mich, und ich spürte, wie mein Herz schneller schlug. Er bewegte sich auf mich zu, wie ein Raubtier, das seine Beute ins Visier genommen hat. Meine Kehle war wie zugeschnürt.
„Fräulein Berger“, sagte er mit einer Stimme, die tiefer und dunkler war, als ich sie in Erinnerung hatte. „Ich freue mich, Sie hier zu sehen. Haben Sie Spaß?“
„Ja, Herr von Eichendorff. Sehr sogar“, log ich, während ich versuchte, nicht zu zittern. Das „Sie“ kam mir gezwungen über die Lippen.
Er hob eine Augenbraue. „Wir sind doch per Du, Miriam, nicht wahr? Immerhin verbringen wir so viel Zeit miteinander, wenn ich deine Arbeit korrigiere.“
Die Erinnerung an die späten Abende im Büro, seine bohrenden Fragen und meine nervösen Antworten, schossen mir ins Gedächtnis. Ich nickte, unfähig etwas zu sagen. Dann nahm er einen Schluck aus seinem Champagnerglas und hielt es mir hin. „Probieren Sie. Es ist ein Jahrgang 1959. Ein außergewöhnlicher Tropfen. Passend für einen außergewöhnlichen Abend.“
Ich zögerte, aber seine Augen ließen keinen Widerspruch zu. Ich nahm einen Schluck. Der Champagner prickelte auf meiner Zunge, ein dekadenter Kontrast zu meiner inneren Anspannung. Ein verbotener Genuss.
„Und?“, fragte er, seine Augen funkelten.
„Sehr gut“, hauchte ich.
Er lächelte, ein kurzes, gefährliches Lächeln. „Ich bin froh, dass er Ihnen schmeckt. Denn ich habe eine Aufgabe für Sie, Miriam. Eine, die weit über Ihre üblichen Praktikantenpflichten hinausgeht.“ Er beugte sich vor, so nah, dass ich seinen warmen Atem auf meiner Haut spürte. „Ich brauche Ihre Hilfe. Und im Gegenzug… im Gegenzug biete ich Ihnen etwas, von dem Sie noch nicht einmal zu träumen wagen.“
Seine Worte waren wie ein Versprechen und eine Drohung zugleich. Was auch immer er vorhatte, es würde mein Leben für immer verändern. Ich spürte, wie eine Mischung aus Angst und unbändiger Neugierde in mir aufstieg.
Plötzlich riss eine aufgeregte Stimme die Stille zwischen uns. „Anton! Da bist du ja! Ich suche dich schon überall! Dein Vater möchte dich sofort sprechen. Es geht um die Fusion mit…“ Die rothaarige Frau, eine elegante Erscheinung in einem smaragdgrünen Kleid, verstummte, als sie mich bemerkte. Ihr Blick war kühl und abwertend.
Anton seufzte leicht. „Entschuldigen Sie mich, Miriam. Es scheint, als ob die Pflicht ruft. Aber wir werden unsere Unterhaltung fortsetzen. Sehr bald sogar.“ Er zwinkerte mir zu, bevor er sich der rothaarigen Frau zuwandte und mit ihr davonging. Ich stand allein im Ballsaal, der Geschmack von verbotenem Champagner noch immer auf meiner Zunge. Was hatte er vor? Und war ich bereit, den Preis dafür zu zahlen?
Mein Handy vibrierte in meiner Clutch. Eine Nachricht von Sophie:
„Miriam, wo steckst du? Ich habe gerade gehört, dass Anton von Eichendorff pleite ist! Das Unternehmen steht kurz vor dem Zusammenbruch!“, las ich. Was? Das konnte nicht sein. Oder war das der Grund für sein Angebot? Was wollte er von mir?