Schmutziges Geld
Chapter 1 — Schmutziges Geld
Das Knistern des brennenden Gelds schien lauter als die Musik. Zoe starrte in die Flammen, die ein Bündel Fünfzig-Euro-Scheine verschlangen, und fragte sich, ob sie wirklich so tief gesunken war.
Berlin, Dezember. Die Luft schnitt wie Glas, und der Schnee auf dem Kurfürstendamm war längst zu einer grauen, schmutzigen Masse geworden. Zoe Roth, 24, Journalistikstudentin, kämpfte gegen die Kälte und die Angst. Ihr Leben war ein einziges Chaos, seit ihr Vater, ein kleiner Juwelier in Charlottenburg, Spielschulden bei der falschen Sorte Mensch angehäuft hatte. Schulden, die sie jetzt begleichen sollte.
Ein unauffälliger schwarzer Wagen hielt vor dem unscheinbaren Hintereingang des Casinos. Der Türsteher, ein Koloss mit einem Gesicht wie gemeißelt, nickte ihr zu. Sie kannte den Ablauf. Seit Wochen lieferte sie hier jeden Freitagabend das Geld ab, so viel sie eben auftreiben konnte. Doch es reichte nie.
Im Inneren des Casinos vermischten sich der Geruch von billigem Parfüm, Zigarettenrauch und Verzweiflung. Zoe zwang sich, aufrecht zu gehen, die Handtasche fester zu umklammern. Sie wusste, wo sie hin musste: der VIP-Bereich im hinteren Teil des Gebäudes. Ein Reich aus rotem Samt, gedämpftem Licht und dem leisen Flüstern von Macht.
Sie passierte Roulette-Tische und Pokerrunden, ignorierte die fragenden Blicke der Spieler. Ihr Ziel war ein abgetrennter Raum, bewacht von zwei weiteren Schränken von Männern in schwarzen Anzügen. Sie nannte sie immer nur „die Statuen“.
Einer der Statuen öffnete die Tür, ohne ein Wort zu sagen. Zoe trat ein.
Der Raum war kleiner, als sie erwartet hatte. Ein großer Schreibtisch dominierte den Raum, darauf ein Stapel Akten und ein Aschenbecher aus Kristall, gefüllt mit Zigarettenstummeln. An der Wand hing ein riesiges Gemälde, das eine stürmische See darstellte. Und vor dem Fenster, mit dem Rücken zu ihr, stand er.
Samuel von Donnersberg. Sein Name war in Berlin ein Flüstern, eine Legende. Er war jung, reich und skrupellos. Der Erbe einer alten Industriellenfamilie, der sich im Schatten der Stadt ein zweites Imperium aufgebaut hatte. Ein Imperium aus Schutzgelderpressung, Drogenhandel und Glücksspiel. Und ihr Gläubiger.
Er drehte sich langsam um. Seine Augen, so dunkel wie die Nacht, musterten sie von Kopf bis Fuß. Ein schwaches Lächeln umspielte seine Lippen.
»Fräulein Roth. Pünktlich wie immer«, sagte er mit einer Stimme, die so sanft war, dass sie eine Lüge sein musste. Er deutete auf einen Stuhl. »Nehmen Sie doch Platz.«
Zoe setzte sich, ihre Knie zitterten. Sie legte die Handtasche auf den Tisch. »Hier ist das Geld.«
Samuel hob eine Augenbraue. »So wenig? Ich bin enttäuscht.«
»Es ist alles, was ich auftreiben konnte«, erwiderte Zoe, ihre Stimme bebte leicht. Sie hasste es, sich ihm unterlegen zu fühlen, aber sie hatte keine Wahl. Das Leben ihres Vaters hing davon ab.
Er ging zum Schreibtisch und nahm die Handtasche. Er öffnete sie, blickte auf den Geldbetrag und schüttelte den Kopf. »Das reicht nicht einmal für die Zinsen.«
Zoe schluckte. »Ich weiß. Ich werde mehr besorgen. Ich verspreche es.«
Samuel lachte leise. »Versprechen sind wertlos, Fräulein Roth. Was bieten Sie mir stattdessen?«
Zoe starrte ihn an, ihr Herz raste. Sie wusste, worauf er hinauswollte. Er hatte es schon oft angedeutet. Aber sie hatte es immer abgelehnt. Sie würde sich niemals an ihn verkaufen.
»Ich habe nichts anzubieten«, sagte sie mit fester Stimme.
Samuel trat näher, seine Augen fixierten sie. »Sind Sie sicher? Jeder hat etwas, das er zu bieten hat. Auch Sie, Fräulein Roth. Sie sind jung, intelligent und… durchaus ansprechend.« Er beugte sich vor, sein Atem strich über ihr Ohr. »Ich habe da eine Idee… eine, die uns beiden zugutekommen könnte.«
Er richtete sich auf und ging zurück zum Fenster. Er blickte auf die Lichter der Stadt, die sich wie ein dunkles Meer unter ihm ausbreiteten. »Mein Buchhalter hat mich betrogen. Eine große Summe Geld ist verschwunden. Ich brauche jemanden, der es findet.«
Zoe runzelte die Stirn. »Was hat das mit mir zu tun? Ich bin Journalistikstudentin, keine Detektivin.«
Samuel drehte sich um und lächelte. »Aber Sie sind neugierig. Und Sie brauchen das Geld. Ich biete Ihnen die Tilgung der Schulden Ihres Vaters an, wenn Sie mir helfen, das Geld zurückzubekommen. Und… eine großzügige Belohnung, wenn Sie erfolgreich sind.«
Zoe zögerte. Es war ein Pakt mit dem Teufel. Aber was hatte sie zu verlieren? Ihr Leben war sowieso schon die Hölle.
»Was ist, wenn ich ablehne?«, fragte sie.
Samuel zuckte die Schultern. »Dann wird Ihr Vater die Konsequenzen tragen. So einfach ist das.«
Zoe schloss die Augen. Sie hatte keine Wahl.
»Ich werde es tun«, sagte sie leise.
Samuel lächelte. »Ausgezeichnet. Ich wusste, dass Sie die richtige Entscheidung treffen würden. Aber es gibt eine Bedingung.«
Zoe öffnete die Augen. »Eine Bedingung?«
Samuel nickte. »Sie arbeiten unter meiner Aufsicht. Sie werden mir jeden Schritt mitteilen. Und Sie werden tun, was ich sage. Ohne Fragen.«
Zoe biss sich auf die Lippe. Es war noch schlimmer, als sie befürchtet hatte. Sie würde sein Spielball sein, seine Marionette.
»Und wenn ich mich weigere?«, fragte sie.
Samuel trat näher, seine Augen blitzten. »Dann… werden Sie die Konsequenzen tragen. Nicht nur Ihr Vater, sondern auch Sie.«
Zoe spürte einen kalten Schauer über ihren Rücken laufen. Sie wusste, dass er es ernst meinte. Er war ein Mann ohne Skrupel, ohne Gnade.
»Was soll ich tun?«, fragte sie.
Samuel lächelte. »Besuchen Sie meinen Buchhalter. Sein Name ist Herr Klein. Er wohnt in einer kleinen Wohnung in Kreuzberg. Finden Sie heraus, wo das Geld ist. Und bringen Sie es mir zurück.«
Zoe nickte. »Wann soll ich anfangen?«
»Sofort«, sagte Samuel. »Ich erwarte Ergebnisse. Und vergessen Sie nicht: Ich beobachte Sie.«
Zoe stand auf und verließ den Raum. Die Statuen öffneten ihr wortlos die Tür. Sie ging durch das Casino, ihr Herz raste. Sie hatte gerade einen Pakt mit dem Teufel geschlossen. Und sie hatte keine Ahnung, wie sie ihn wieder loswerden sollte.
Als sie das Casino verließ, fiel ihr Blick auf eine einzelne, blutrote Rose, die auf einem Hocker aus weißem Samt lag. Sie hob sie auf, das Blutrot schien sie anzuschreien. Sie wusste, es war eine Botschaft. Eine Warnung.
Zurück in ihrer kleinen WG-Zimmer in Neukölln durchwühlte sie ihre Unterlagen. Herr Klein. Ein Name, ein Gesicht. Sie fand einen alten Zeitungsartikel über ihn: ein unscheinbarer Mann, verheiratet, zwei Kinder, lebte ein unauffälliges Leben. Sie googelte ihn und fand seine Adresse. Kreuzberg. Eine Gegend, die sie gut kannte. Am nächsten Morgen würde sie ihn besuchen.
Doch als sie am nächsten Morgen vor seiner Tür stand, klebte ein Polizeisiegel daran. Die Nachbarin flüsterte ihr zu, Herr Klein sei in der Nacht verschwunden. Einfach so. Und mit ihm jede Hoffnung, das Geld ihres Vaters zurückzubekommen.