Rettung in letzter Sekunde

Chapter 1 — Rettung in letzter Sekunde

Der Champagner prickelte auf meiner Zunge, doch der bittere Nachgeschmack der Lüge überwältigte alles. »Also, Mila«, begann Tante Hildegard mit einem ihrer berüchtigten, alles durchdringenden Blicke, »wann lernen wir denn endlich einen netten jungen Mann kennen? Dein Abitur ist doch schon eine Weile her.«

Ich hasste diese Familienfeiern. Jedes Jahr dasselbe inquisitorische Verhör über meinen Beziehungsstatus. Als ob mein Wert als Mensch davon abhinge, ob ich einen Mann an meiner Seite hatte.

»Tante Hildegard, du weißt doch, ich bin beruflich sehr eingespannt«, versuchte ich, mich herauszureden. Als Junior-Projektmanagerin bei einer Berliner Startup-Agentur war das nicht mal gelogen. Aber meine Tante ließ sich nicht so leicht abspeisen. »Beruflich eingespannt? Das sagen sie alle. Aber eine junge Frau wie du sollte ihr Leben auch genießen.«

In diesem Moment, als ich schon innerlich kapitulierte und mich auf eine weitere Tirade über die Wichtigkeit einer baldigen Heirat einstellte, passierte es. Die Tür zur Bibliothek öffnete sich, und ein Mann betrat den Raum, der aussah, als wäre er direkt einem Hochglanzmagazin entsprungen. Dunkle Haare, stechende blaue Augen, ein perfekt geschnittener Anzug, der seine breiten Schultern betonte. Lukas von Grünwald. Er war der Inbegriff des unerreichbaren Junggesellen, der jedes Frauenherz im Sturm eroberte – und der beste Freund meines Bruders. Was zur Hölle tat er hier?

»Entschuldigen Sie die Störung«, sagte er mit einer Stimme, die tiefer und dunkler war als der edle Cognac, den mein Onkel gerade kredenzte. »Ich wollte nur nach Mila sehen. Sie hat mir erzählt, dass sie sich nicht so wohlfühlt.«

Alle Augen richteten sich auf mich. Ich starrte Lukas an, unfähig, ein Wort herauszubringen. Was für ein Spiel spielte er hier? Er kam auf mich zu, legte seinen Arm um meine Taille und zog mich sanft an sich. »Mila und ich sind seit einigen Wochen zusammen«, verkündete er mit einem entwaffnenden Lächeln, das meine Knie weich werden ließ. »Wir wollten es euch eigentlich erst später erzählen, aber da ich nun schon mal hier bin…«

Stille. Totale Stille. Dann brach ein ohrenbetäubendes Gemurmel aus. Meine Tante Hildegard sah aus, als hätte sie gerade den Hauptgewinn in der Lotterie gewonnen. Mein Onkel starrte Lukas ungläubig an, nickte dann aber anerkennend. Sogar meine Mutter, die sonst immer kritisch war, lächelte mich warm an.

»Lukas, mein lieber Junge«, sagte Tante Hildegard schließlich. »Das sind ja wunderbare Neuigkeiten! Mila hätte sich keinen besseren Mann aussuchen können.«

Ich war wie erstarrt. Lukas hielt mich immer noch fest im Arm, sein Blick war auf mich gerichtet, und ich konnte nicht deuten, was darin vor sich ging. War das ein Akt der Barmherzigkeit? Ein perfides Spiel? Oder hatte er tatsächlich ein Interesse daran, mich zu retten? »Vielleicht sollten wir uns kurz zurückziehen«, sagte Lukas sanft zu mir. »Ich glaube, deine Familie hat noch ein paar Fragen.«

Er führte mich aus der Bibliothek, durch den prunkvollen Flur und schließlich in einen kleinen, abgelegenen Salon. Als die Tür hinter uns ins Schloss fiel, ließ er mich los. Die Stille zwischen uns war greifbar. »Warum hast du das getan?«, fragte ich atemlos.

Er lehnte sich lässig an einen antiken Schreibtisch und verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich brauchte einen Gefallen«, sagte er mit einem geheimnisvollen Lächeln. »Und du, Mila, schuldest mir jetzt etwas.«

Bevor ich antworten konnte, klingelte sein Handy. Er warf einen Blick auf das Display, seine Miene verfinsterte sich. »Entschuldige mich kurz«, sagte er und ging ans Fenster, um zu telefonieren. Ich konnte nur Bruchstücke des Gesprächs auffangen: »…der Deal… …keine andere Wahl… …ich kümmere mich darum.«

Er drehte sich wieder zu mir um, sein Blick war ernst und undurchdringlich. »Mila«, sagte er, »ich habe dir nicht alles erzählt. Das hier ist komplizierter, als du denkst. Und wenn du mir hilfst, gerätst du in eine Welt, aus der es kein Entkommen gibt.«

Er machte einen Schritt auf mich zu, seine Augen fixierten meine. »Bist du bereit, diesen Preis zu zahlen?«

In diesem Moment hörten wir ein lautes Klirren aus dem Flur. Die Tür wurde aufgerissen, und mein Bruder stürmte herein, sein Gesicht rot vor Wut. »Was zur Hölle geht hier vor, Lukas?«, brüllte er. »Du und meine Schwester? Das glaube ich im Leben nicht!« Er sah mich an, seine Augen voller Ungläube und Enttäuschung. »Mila, sag mir, dass das nicht wahr ist!«

Lukas stellte sich schützend vor mich. »Das geht dich nichts an, Emil.«

Emil ignorierte ihn und kam auf mich zu. »Mila, bitte sag mir die Wahrheit. Was hat er dir angetan?«

Ich öffnete den Mund, um zu antworten, aber die Worte blieben mir im Halse stecken. Die Wahrheit würde alles zerstören. Die Lüge würde mich in ein Netz aus Intrigen und Gefahren ziehen. Aber in diesem Moment, mit den Augen meines Bruders auf mir ruhend, wusste ich, dass ich eine Entscheidung treffen musste. Und diese Entscheidung würde mein Leben für immer verändern.