Vereint im Hass

Chapter 1 — Vereint im Hass

Das Feuer knisterte bedrohlich, als es die Urkunde verzehrte, die meine Schulden an ihn hätte begleichen sollen. Ein süßlicher Rauch stieg auf, vermischt mit dem teuren Cologne, das Leonard Dietrich trug – ein Duft, der so stechend war wie seine Blicke.

Ich hasste ihn. Mit jeder Faser meines Seins. Leonard Dietrich, der Dietrich der Münchner Unterwelt, hatte mein Leben in seine klebrigen Finger bekommen, als mein Vater – ein Spielsüchtiger vor dem Herrn – sich bei ihm verschuldet hatte. Nun war mein Vater tot, ein „Unfall“, wie es hieß, und ich erbte nicht nur seine Schulden, sondern auch einen Pakt mit dem Teufel in Menschengestalt.

„Das ist… unnötig“, sagte ich, meine Stimme war fester, als ich mich fühlte. Die teure Seide meines Kleides klebte unangenehm an meiner Haut. Ich war nicht für diesen Ort gemacht, nicht für diesen Mann. Ich, Emilia Schreiber, die Jura-Studentin, gefangen in einem Netz aus kriminellen Machenschaften und einem Mann, der mich mit seinen eisblauen Augen zu verschlingen drohte.

Leonard lächelte, ein dünnes, gefährliches Lächeln, das nicht seine Augen erreichte. „Unnötig? Ich finde es… dramatisch. Passend für den Beginn unserer kleinen… Vereinbarung, nicht wahr, Emilia?“ Seine Stimme war tief, ein samtweiches Versprechen von Gefahr. Die anderen Männer in dem düsteren Raum – seine Leibwächter, zweifellos – rührten sich nicht, ihre Blicke starr und bedrohlich.

Ich ballte die Hände zu Fäusten. Vereinbarung. Das war sein Euphemismus dafür, dass ich ihm nun gehörte. Dass ich gezwungen war, für ihn zu arbeiten, bis die Schuld meines Vaters getilgt war. Nicht mit Geld, sondern mit… anderen Dienstleistungen. Was genau diese „Dienstleistungen“ beinhalteten, hatte er noch nicht im Detail ausgeführt, aber die Andeutungen, die er gemacht hatte, ließen mir das Blut in den Adern gefrieren.

„Ich studiere Jura“, erwiderte ich, versuchte, meine Stimme ruhig zu halten. „Ich werde Anwältin. Ich habe keine… Erfahrung… mit dem, was Sie tun.“

Leonard neigte den Kopf, sein dunkles Haar fiel ihm in die Stirn. Er sah aus wie ein gefallener Engel, schön und verdorben. „Jeder fängt mal klein an, Emilia. Und ich bin ein sehr… geduldiger Lehrer.“ Er kam näher, sein Duft umhüllte mich. Ich konnte die Wärme seines Körpers spüren, die Bedrohung, die von ihm ausging. „Aber glaube mir, meine Geduld ist nicht unendlich.“

„Was wollen Sie von mir?“, fragte ich, meine Stimme bebte leicht. Ich hasste es, ihm diese Schwäche zu zeigen.

Er hob eine Hand und strich mir eine Strähne aus dem Gesicht. Seine Berührung war leicht, aber sie brannte auf meiner Haut. „Ich will, dass du lernst, dich anzupassen, Emilia. Dass du lernst, in meiner Welt zu überleben. Und vielleicht… gefällt es dir ja sogar.“

Seine Worte waren eine Herausforderung, eine Drohung. Ich wusste, dass er mich brechen wollte, mich zu einer Marionette in seinem Spiel machen wollte. Aber ich war nicht so schwach, wie er glaubte. Ich würde kämpfen. Ich würde einen Weg finden, mich aus seinen Fängen zu befreien. Auch wenn es bedeutete, mit seinen eigenen Waffen zu spielen.

„Ich werde Sie nicht enttäuschen“, sagte ich, meine Stimme nun fest und entschlossen. Ich sah ihm direkt in die Augen, zeigte ihm keine Angst. Zumindest keine, die er sehen durfte.

Leonard lächelte wieder, dieses Mal ein wenig wärmer. „Das hoffe ich doch, Emilia. Denn in meiner Welt gibt es nur zwei Möglichkeiten: Man ist Jäger oder Gejagter. Und ich habe das Gefühl, dass du das Zeug zum Jäger hast.“

Er führte mich aus dem Raum, hinaus in die dunkle Nacht. Die Lichter Münchens funkelten in der Ferne, doch hier, in seinem Reich, herrschte nur Finsternis.

Die nächsten Wochen waren ein Albtraum. Ich wurde in seine Welt eingeführt, in die dunklen Ecken der Stadt, in die illegalen Spielcasinos, die Hinterzimmer voller Geld und Gewalt. Ich lernte, die Sprache der Kriminellen zu verstehen, ihre Codes, ihre Hierarchien. Leonard war mein Führer, mein Mentor – und mein Peiniger.

Er testete mich ständig, stellte mir Aufgaben, die meine moralischen Grenzen ausloteten. Er wollte sehen, wie weit ich bereit war zu gehen. Und ich überraschte ihn – und mich selbst – immer wieder. Ich war stärker, als ich dachte. Anpassungsfähiger. Und ich hatte einen unbändigen Willen zu überleben.

Eines Abends, als ich in einem seiner illegalen Casinos arbeitete, eine Cocktail servierte und gleichzeitig ein Auge auf die betrügerischen Spieler hatte, wurde ich Zeuge eines Gesprächs, das mein Leben für immer verändern sollte.

Zwei Männer, die ich als Schuldens engste Vertraute identifizierte, sprachen in einer dunklen Ecke des Raumes leise miteinander. Ich tat so, als würde ich Gläser abräumen, aber ich spitzte die Ohren.

„Er plant es also wirklich?“, fragte der eine.

„Ja. Er will sich von seinem Vater lossagen. Er will die ganze Organisation übernehmen“, antwortete der andere. „Aber es gibt ein Problem.“

„Welches Problem?“, fragte der erste Mann.

„Sein Vater hat einen Trumpf in der Hand. Eine Information, die Leonard ruinieren könnte. Etwas aus seiner Vergangenheit.“

„Und was ist das?“, fragte der erste Mann ungeduldig.

Der zweite Mann beugte sich noch näher vor und flüsterte: „Es geht um Emilia Schreiber.“

Mein Herz setzte für einen Moment aus. Mein Name. Was hatte ich mit Schuldens Plänen zu tun? Was wusste sein Vater über mich, das Leonard gefährlich werden konnte?

Ich musste es herausfinden. Ich musste herausfinden, welches Geheimnis mich mit Leonard Dietrich verband. Und ich musste es nutzen, um mich aus seinem Netz zu befreien. Aber ich wusste, dass dies ein gefährliches Spiel war. Ein Spiel, das mein Leben kosten konnte.

Gerade als ich mich entfernen wollte, um unauffällig zu verschwinden, drehte sich einer der Männer um. Seine Augen fixierten mich. Er erkannte, dass ich gelauscht hatte.

„Was machst du hier?“, fragte er misstrauisch. Seine Hand wanderte zu seinem Gürtel, wo eine Waffe verborgen war.

Ich erstarrte. Ich war aufgeflogen. Und ich wusste, dass ich jetzt in großer Gefahr war. Denn in Schuldens Welt gab es nur eine Strafe für Verrat: den Tod.