Erpresste Gefühle
Chapter 1 — Erpresste Gefühle
Der Champagner schmeckte nach Verrat, prickelnd und bitter auf meiner Zunge. Ich hasste Charity-Galas. Und ich hasste Gustav von Erlbach noch mehr. Er stand keine drei Meter von mir entfernt, umringt von zahnweiß lächelnden Hyänen der Münchner High Society, und tat so, als wäre ich Luft. Dabei hatte er mich vor einer Stunde noch… nun ja, das spielte jetzt keine Rolle mehr.
Ich zwang mich zu einem Lächeln, als Frau Doktor Sommerfeld auf mich zusteuerte, ihr Dekolleté tiefer als die Marianengraben. „Merle, mein Schatz! So schön, dich zu sehen. Und… wo ist denn dein Begleiter? Gustav sollte doch heute Abend an deiner Seite sein.“
Meine „Seite“. Als ob ich mehr als ein Schachbauer in seinem verdrehten Spiel wäre. „Er ist… geschäftlich eingespannt, Frau Doktor. Sie wissen ja, die von Gustavs und ihre Verpflichtungen.“ Meine Stimme klang erstaunlich ruhig, angesichts des emotionalen Chaos, das in mir tobte. Innere Ruhe war eine Lüge. Erpressung war die Wahrheit.
„Ach, diese Männer! Immer nur die Arbeit im Kopf“, kicherte sie, ihr Blick wanderte suchend durch den Saal. „Aber du siehst umwerfend aus, Liebes. Das Kleid steht dir ausgezeichnet. Ein echter Hingucker.“
Das Kleid war das Wenigste meiner Sorgen. Es war ein sündhaft teures Designerstück, das Gustav mir quasi aufgenötigt hatte. Als Teil der „Inszenierung“, wie er es nannte. Unsere kleine Farce, die meine Welt für immer verändern würde.
Ich nippte erneut an meinem Champagner. „Vielen Dank, Frau Doktor. Ich werde es ihm ausrichten, wenn ich ihn sehe.“ Eine weitere Lüge. Ich würde ihn vermutlich erst wiedersehen, wenn er mich für seine Zwecke brauchte. Wie eine Marionette, an Fäden, die er zog.
Die Musik schwoll an, ein Walzer, der mich an unbeschwerte Zeiten erinnerte, als mein Leben noch nicht von dunklen Geheimnissen und erpresserischen Milliardären überschattet war. Ich schloss kurz die Augen und versuchte, die Erinnerung festzuhalten, bevor sie vollständig von der Realität verschlungen wurde. Der Duft der Rosen von der Tischdeko war intensiv. Vermutlich war es die letzte unschuldige Berührung des Abends.
Ein Räuspern riss mich aus meinen Gedanken. Vor mir stand Xavier Falk, ein Studienkollege aus meinen Münchner Tagen. Sein Lächeln war warm und aufrichtig, ein wohltuender Kontrast zu den falschen Masken um mich herum. „Merle! Was für eine Überraschung, dich hier zu sehen. Ich wusste gar nicht, dass du…“ Er brach ab, sein Blick huschte zu dem von Erlbach-Emblem auf meiner Clutch. „…dass du in diesen Kreisen verkehrst.“
Ich seufzte innerlich. Er kannte mich als die bodenständige Kunststudentin, die ihre Wochenenden in verrauchten Ateliers und nicht auf Charity-Galas verbrachte. „Es ist kompliziert, Xavier. Sehr kompliziert.“
Sein Blick wurde besorgt. „Du siehst nicht glücklich aus. Alles in Ordnung?“
„Alles bestens“, log ich, das Glas fester umklammernd. „Ich bin nur etwas müde. Lange Woche.“
Er musterte mich skeptisch, aber er bohrte nicht weiter. Stattdessen bot er mir seinen Arm an. „Darf ich dich wenigstens zu einem Tanz entführen? Etwas Ablenkung kann dir sicher nicht schaden.“
Ich zögerte. Ein Tanz mit Xavier würde Gustav sicherlich nicht gefallen. Aber was kümmerte es mich schon? Er hatte mich schließlich abgeschrieben, zumindest für heute Abend. Und die Idee, dem falschen Lächeln und den hohlen Phrasen für ein paar Minuten zu entfliehen, war zu verlockend, um sie auszuschlagen.
„Gerne, Xavier“, sagte ich und legte meine Hand in seine. Seine Berührung war warm und vertraut, ein Anker in dem stürmischen Meer, das mein Leben geworden war. Wir tanzten, und für einen kurzen Moment vergaß ich alles. Gustav, die Erpressung, die drohende Katastrophe. Es gab nur Xavier, die Musik und den Rhythmus unserer Schritte.
Doch dann sah ich ihn. Gustav stand am Rande der Tanzfläche, sein Blick so kalt wie ein Wintersturm. Er starrte mich an, seine Augen blitzten vor Zorn. Und in diesem Moment wusste ich, dass meine kleine Auszeit Konsequenzen haben würde. Schreckliche Konsequenzen.
Die Musik verstummte abrupt. Gustav schritt auf uns zu, seine Aura bedrohlich. „Merle“, sagte er, seine Stimme tief und gefährlich. „Wir müssen reden. Jetzt.“ Er fixierte Xavier mit einem Blick, der ihn zu Stein erstarren ließ. „Allein.“
Ich schluckte. Das hier war erst der Anfang. Und ich hatte das Gefühl, dass ich gerade einen sehr teuren Preis für diesen Tanz zahlen würde.
„Entschuldige, Xavier“, murmelte ich, meine Hand von seiner lösend. „Ich… ich muss gehen.“
Er nickte stumm, sein Blick voller Besorgnis und Verständnis. Ich folgte Gustav aus dem Saal, in einen dunklen Korridor, wo seine Worte wie Peitschenhiebe auf mich einprasselten. „Was sollte das denn eben? Willst du unsere Abmachung sabotieren? Dich mit deinem kleinen Freund vergnügen, während ich hier die Strippen ziehe?“
Seine Nähe war erdrückend, sein Zorn spürbar. „Ich habe nur getanzt, Gustav. Das ist alles.“
„Tanzen? Das glaube ich dir nicht. Du weißt genau, was auf dem Spiel steht. Ein falscher Schritt, und alles ist vorbei.“ Er packte mich am Arm, sein Griff schmerzhaft. „Vergiss nicht, Merle. Ich habe dich in der Hand. Und ich scheue mich nicht, das zu nutzen.“
Ich riss mich los. „Was willst du eigentlich von mir? Warum tust du das alles?“
Sein Lächeln war eisig. „Das geht dich nichts an. Aber ich verspreche dir, Merle. Du wirst noch früh genug erfahren, warum ich dich brauche. Und dann wirst du mir dankbar sein.“
Dankbar? Ich würde eher in der Hölle erfrieren. Aber ich wusste, dass ich keine Wahl hatte. Ich war gefangen in seinem Netz, und der einzige Weg heraus führte durch die Hölle. Er kam mir immer näher, sein Atem streifte meine Wange. „Aber jetzt“, flüsterte er, „will ich nur eins von dir: Gehorche mir.“
Er beugte sich vor und küsste mich. Nicht sanft, nicht leidenschaftlich, sondern besitzergreifend, strafend. Ein Kuss, der nach Macht und Kontrolle schmeckte. Ein Kuss, der mir die Luft zum Atmen nahm. Und ein Kuss, der mich in die Verzweiflung trieb.
Plötzlich riss er sich von mir los. „Ach, und übrigens, Merle…“ Sein Blick war unheilvoll. „Dein kleiner Tanzpartner? Er arbeitet für meinen Vater. Und er hat alles gesehen.“
Damit ließ er mich allein zurück, in der Dunkelheit des Korridors, mit der Erkenntnis, dass meine Situation noch viel schlimmer war, als ich befürchtet hatte. Viel schlimmer. Und dass es keinen Ausweg gab.
Die Tür am Ende des Ganges öffnete sich und Xavier kam auf mich zu. „Merle, was ist hier los? Was hat er dir angetan?“
Ich sah ihn an. Ich wusste, dass ich ihm vertrauen konnte. Ich musste ihm vertrauen. Aber wenn ich ihm die Wahrheit erzählte, würde ich ihn in Gefahr bringen. Und das durfte ich nicht zulassen. „Xavier“, sagte ich, meine Stimme zitterte. „Du musst mir helfen. Gustav… er plant etwas. Etwas Schlimmes.“
Xavier runzelte die Stirn. „Was meinst du damit? Was plant er?“
Ich holte tief Luft. „Er will meinen Vater ruinieren. Und er benutzt mich, um es zu schaffen. Ich stecke mitten in einem abgekarteten Spiel drin, Xavier. Und ich weiß nicht, wie ich da wieder rauskommen soll.“
Xavier schien schockiert. „Deinen Vater ruinieren? Aber warum?“
Ich schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass er es ernst meint. Und ich weiß, dass er vor nichts zurückschrecken wird, um sein Ziel zu erreichen.“
Xavier packte meine Hände. „Wir werden ihn aufhalten, Merle. Ich werde dir helfen. Zusammen schaffen wir das.“
Ich sah in seine Augen. Ich wusste, dass er es ernst meinte. Aber ich wusste auch, dass wir gegen einen mächtigen Gegner kämpften. Einen Gegner, der alle Trümpfe in der Hand hielt.
Plötzlich hallte ein Schuss durch den Korridor. Xavier taumelte und sackte zusammen. Ein roter Fleck breitete sich auf seiner Brust aus.
Ich schrie auf. „Xavier! Nein!“
Ich kniete neben ihm nieder, seine Hand in meiner. Sein Blick war leer, seine Augen starrten ins Nichts.
„Wer… wer hat das getan?“, flüsterte ich, meine Stimme brach. Es war kaum mehr als ein Hauch. Das Leben entwich ihm aus dem Körper. Dann war Xavier tot.
Die Tür am Ende des Ganges öffnete sich erneut. Gustav stand da, eine Pistole in der Hand. Sein Blick war kalt und emotionslos.
„Das musste sein, Merle“, sagte er. „Er wusste zu viel.“
Ich starrte ihn an, unfähig, ein Wort herauszubringen. Ich hatte gedacht, ich kenne ihn. Ich hatte gedacht, ich wüsste, wozu er fähig war. Aber ich hatte mich geirrt. Gustav von Erlbach war ein Monster. Und ich war sein nächstes Opfer.
Er richtete die Waffe auf mich. „Jetzt bist du ganz allein, Merle. Und du gehörst mir.“