Ein Flüstern vor dem Altar
Chapter 1 — Ein Flüstern vor dem Altar
Der Champagner schmeckte nach Staub und gebrochenen Versprechen. Kira starrte auf die glitzernde Skyline von München, das Funkeln der Lichter ein Hohn auf die Dunkelheit in ihrem Herzen. In wenigen Stunden würde sie Bruno von Falkenhorst heiraten, den Erben eines Industrieimperiums, eine Ehe arrangiert, um zwei Dynastien zu vereinen.
Sie hasste ihn nicht. Bruno war gutaussehend, intelligent und charmant – zumindest in der Öffentlichkeit. Doch hinter der polierten Fassade verbarg sich eine Kälte, die ihr Angst machte. Eine Kälte, die sie an ihren Vater erinnerte, den Mann, der sie in diese goldene Falle gelockt hatte.
Ein leises Klopfen an der Tür. „Fräulein Geiger? Ihr Vater erwartet Sie.“ Die Stimme von Frau Weber, der Haushälterin, war so sanft wie immer. Kira atmete tief durch und zwang sich zu einem Lächeln. „Ich komme sofort, Frau Weber.“
Im Salon erwartete ihr Vater sie bereits. Sein Blick war prüfend, als er sie von Kopf bis Fuß taxierte. „Du siehst wunderschön aus, Kira. Wie deine Mutter.“ Ein Stich durchfuhr sie. Ihre Mutter war vor fünf Jahren gestorben, an gebrochenem Herzen, wie Kira vermutete. Auch sie hatte in einer arrangierten Ehe gelebt, gefangen in den Konventionen der Münchner High Society.
„Danke, Vater.“ Ihre Stimme klang gezwungen. „Ich hoffe, ich enttäusche dich nicht.“ Er lachte kurz auf. „Enttäuschen? Du bringst der Familie von Falkenhorst eine Mitgift, die ihresgleichen sucht. Du sicherst unsere Zukunft, Kira. Dafür werde ich dir ewig dankbar sein.“ Dankbarkeit? War das wirklich alles, was er für sie empfand? Geschäftliche Berechnung?
Die Trauung verlief wie im Traum. Oder eher wie in einem Albtraum. Die Kirche war überfüllt mit Gästen, die Robe schwer, das Lächeln unecht. Bruno flüsterte ihr während der Zeremonie ins Ohr: „Spiel dein Spiel gut, Kira. Oder du wirst es bereuen.“ Seine Worte waren eine Drohung, versteckt hinter einem Schleier aus Höflichkeit.
Nach der Trauung, während des rauschenden Empfangs, suchte sie einen Moment der Ruhe auf der Dachterrasse. Die kühle Nachtluft tat gut. Plötzlich spürte sie eine Hand auf ihrer Schulter. Sie wirbelte herum und blickte in das dunkle, intensive Gesicht eines Mannes, der dort nicht hingehörte. Seine Augen waren so blau wie das Meer und voller unergründlicher Geheimnisse. „Lauf weg“, flüsterte er. „Lauf, solange du noch kannst.“
Er kannte ihren Namen nicht, ihre Situation nicht, doch seine Worte hallten in ihr wieder. Wer war dieser geheimnisvolle Fremde, und warum riet er ihr, aus ihrem eigenen Leben zu fliehen? Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken. Die Musik drang gedämpft aus dem Ballsaal nach draußen, ein unheilvoller Soundtrack zu ihrem Gefühlschaos.