Die Zweckverlobung

Chapter 1 — Die Zweckverlobung

Der Champagner prickelte auf meiner Zunge, doch der bittere Nachgeschmack der Lüge, die mir eben über die Lippen gekommen war, überwältigte ihn bei Weitem. »Verlobt?«, kreischte Tante Hildegard, dass selbst die Kristallgläser auf dem penibel gedeckten Tisch erzitterten. Alle Augen ruhten auf mir und Willi, der mir gegenüber sass und mich mit einem Blick ansah, der so undurchdringlich war wie die tiefste Schlucht des Schwarzwaldes.

Ich schluckte schwer. »Ja, Tante Hildegard. Willi und ich sind verlobt.« Der Satz klang in meinen Ohren wie ein Todesurteil. Ein Todesurteil für mein sorgfältig aufgebautes, unabhängiges Leben, für meinen Ruf als unbeschwerte Single-Frau und vielleicht auch für meine geistige Gesundheit. Willi nickte bestätigend, ein charmantes Lächeln umspielte seine Lippen, das Tante Hildegard sofort dahinschmelzen ließ. Wenn sie nur wüsste, dass dieses Lächeln so echt war wie ein Fünf-Euro-Schein.

Wie war es so weit gekommen? Alles hatte mit einer harmlosen Einladung zu Tante Hildegards achtzigstem Geburtstag begonnen. Tante Hildegard, das Familienoberhaupt, die unangefochtene Königin des Tratsches und die größte Heiratsvermittlerin nördlich der Alpen. Jedes Jahr, wenn ich sie besuchte, wurde ich mit einer Parade potenzieller Ehemänner konfrontiert, von denen keiner meinen Vorstellungen entsprach. Dieses Jahr hatte ich beschlossen, dem ganzen Zirkus zu entgehen. Ich hatte gehofft, mit einem simplen »Ich bin beschäftigt« davonzukommen, aber Tante Hildegard ließ nicht locker. Sie drohte mit enterben und emotionaler Erpressung, bis ich schließlich nachgab.

Und dann traf ich Willi. Willi Stark, der unverschämt attraktive, unglaublich arrogante und leider auch unglaublich hilfsbereite Anwalt, der mir eines Morgens im Café über den Weg lief. Ich hatte meinen Laptop vergessen und er hatte ihn mir hinterhergebracht. Ein Akt der Ritterlichkeit, der mein Herz kurzzeitig erwärmte, bis er mich mit einem süffisanten Grinsen daran erinnerte, dass ich ihm eigentlich noch einen Gefallen schuldete. Er hatte mir vor Wochen bei einem komplizierten Mietstreit geholfen, ohne eine Rechnung zu schicken. Ich hasste es, jemandem etwas schuldig zu sein.

»Ich schulde dir noch einen Gefallen, richtig?«, hatte ich ihn gefragt, als wir uns das nächste Mal über den Weg liefen. Er hatte die Gelegenheit beim Schopfe gepackt. »In der Tat. Ich brauche eine Verlobte.«

Ich hatte ihn ungläubig angestarrt. »Eine was?«

»Eine Verlobte. Eine Fake-Verlobte, um genau zu sein. Für ein paar Wochen. Nicht mehr.« Er hatte mir seine Gründe erklärt: Sein Vater, ein konservativer Unternehmer, erwartete von ihm, dass er endlich sesshaft wird und eine Familie gründet. Andernfalls würde er ihm die Leitung der Familienfirma verweigern. Willi wollte die Firma unbedingt übernehmen, aber er hatte absolut keine Lust, sich eine Frau zu suchen und eine Beziehung vorzutäuschen. Er brauchte eine Lösung, und ich war, wie er es nannte, die perfekte Kandidatin.

»Warum ich?«, hatte ich gefragt. »Warum nicht irgendein Model oder eine Schauspielerin?«

Er hatte mich von oben bis unten gemustert, ein leicht amüsiertes Funkeln in seinen Augen. »Weil du authentisch bist, Paula. Und weil du mir noch einen Gefallen schuldest.«

Ich hatte gezögert. Der Gedanke, mich auf so ein absurdes Spiel einzulassen, widerstrebte mir. Aber ich war auch neugierig. Und Willi hatte ein Angebot gemacht, das ich nicht ablehnen konnte: Er würde mir meine Schulden erlassen und mir zusätzlich noch eine beträchtliche Summe zahlen. Geld, das ich dringend für mein kleines Café in Kreuzberg brauchte. Es lief nicht gut, seit die neue Kaffeekette aufgemacht hatte.

Also hatte ich zugestimmt. Ein Fehler, wie sich jetzt herausstellte, als ich Tante Hildegards bohrenden Blick aushalten musste. »Wie habt ihr euch denn kennengelernt?«, fragte sie neugierig. Willi ergriff das Wort, bevor ich etwas Dummes sagen konnte. »Auf einer Charity-Veranstaltung. Paula hat mir sofort den Kopf verdreht.« Er lächelte mich an, ein Lächeln, das so warm und innig war, dass ich beinahe selbst daran glaubte.

»Und wann ist die Hochzeit geplant?«, hakte Tante Hildegard nach. Mein Herz setzte einen Schlag aus. Die Hochzeit? Das war nicht Teil des Deals. Willi schien meine Panik zu spüren. »Wir haben noch keine konkreten Pläne«, sagte er sanft. »Wir wollen uns Zeit lassen.«

Tante Hildegard nickte zufrieden. »So ist es richtig. Man soll nichts überstürzen.« Sie wandte sich mir zu. »Paula, mein Schatz, du hast einen guten Fang gemacht. Willi ist ein anständiger Mann aus gutem Hause.«

Ich zwang mich zu einem Lächeln. »Das weiß ich, Tante Hildegard.«

Der Abend zog sich wie Kaugummi. Ich musste unzählige Fragen beantworten, Komplimente entgegennehmen und mich von Tante Hildegard drücken und küssen lassen. Willi spielte seine Rolle perfekt. Er war charmant, aufmerksam und zuvorkommend. Er hielt meine Hand, legte seinen Arm um meine Schulter und flüsterte mir hin und wieder etwas ins Ohr, das mich zum Lachen brachte. Es war beinahe, als wären wir wirklich ein Paar. Beinahe.

Als wir endlich auf dem Weg nach Hause waren, atmete ich erleichtert auf. »Danke«, sagte ich zu Willi. »Du hast das großartig gemacht.«

Er zuckte mit den Schultern. »Gern geschehen. Aber das war erst der Anfang. Morgen treffen wir meine Eltern.«

Ich blieb wie angewurzelt stehen. »Deine Eltern? Das stand nicht in der Abmachung!«

Willi grinste. »Ach, Paula. Hab keine Angst. Was soll schon schiefgehen?«

Diese Frage hallte in meinem Kopf wider, als ich in mein kleines Apartment zurückkehrte. Was sollte schon schiefgehen? Alles. Alles konnte schiefgehen. Und ich hatte das Gefühl, dass ich mich gerade in ein gefährliches Spiel verwickelt hatte, aus dem es kein Entkommen gab. Ich schaltete mein Handy ein und sah eine Nachricht von Willi:

*»Übrigens, meine Eltern sind sehr traditionsbewusst. Meine Mutter erwartet, dass du einen Verlobungsring trägst. Ich habe da schon etwas besorgt. Hoffe, er gefällt dir. Er liegt vor deiner Tür.«*

Ich riss die Tür auf und fand eine kleine, blaue Schachtel. Mit zitternden Händen öffnete ich sie und erblickte einen Ring. Einen Ring, der so wertvoll war, dass er mein gesamtes Café finanzieren könnte. Einen Ring, der mich an einen Mann band, den ich kaum kannte. Einen Ring, der das Ende meines alten Lebens bedeutete. Ich starrte auf den Ring und wusste, dass ich einen Fehler gemacht hatte. Einen großen, verhängnisvollen Fehler. Doch es war zu spät, um zurückzugehen. Oder?

Plötzlich hörte ich ein leises Geräusch hinter mir. Ich wirbelte herum und sah einen Schatten im Dunkeln. Bevor ich reagieren konnte, spürte ich einen stechenden Schmerz in meinem Nacken und alles wurde schwarz.