Sturm einer Erbin

Chapter 1 — Sturm einer Erbin

Die Nachricht platzte in mein Leben wie ein Donnerschlag, während ich über meinen verkaterten WG-Tisch gebeugt versuchte, die letzten Krümel meines Croissants zu retten. Mein Handy vibrierte unerbittlich, eine SMS von meiner Mutter, die in ihrer üblichen melodramatischen Art verkündete, dass mein Vater – der Mann, den ich seit zehn Jahren nicht mehr gesehen hatte – gestorben war. Und als ob das nicht genug wäre, hatte er mir, seiner entfremdeten Tochter, sein gesamtes Vermögen hinterlassen. Ein Vermögen, das, wie sich herausstellte, aus Anteilen an einer der größten Reedereien Hamburgs bestand.

Ich, Franziska Seidel, 24 Jahre alt, chronisch pleite und kurz vor dem Abbruch meines Kunstgeschichtsstudiums, sollte plötzlich eine milliardenschwere Reederei leiten? Lächerlich. Ich kannte mich besser mit den Farbschattierungen von Monet aus als mit Frachtcontainern oder der komplizierten Welt der Schifffahrt. Das Einzige, was ich vom Hafen kannte, war die sündhaft teure Currywurst auf dem Fischmarkt. Mein Leben in meiner kleinen WG in St. Pauli, zwischen durchgeknallten Mitbewohnern und dem täglichen Kampf, meine Miete zu bezahlen, schien plötzlich wie eine ferne Erinnerung.

Einige Tage später stand ich vor dem imposanten Hauptsitz der von Stein Shipping, einem gläsernen Koloss, der sich hoch über der Hamburger HafenCity erhob. Die Elbphilharmonie funkelte im Hintergrund, ein stummer Zeuge meines unvorbereiteten Aufstiegs (oder Falls?). Ich fühlte mich fehl am Platz in meinen abgetragenen Jeans und dem übergroßen Wollpullover, während um mich herum Anzugträger mit ernsten Gesichtern vorbeihuschten. Die Luft war geschwängert von dem Duft teuren Parfüms und dem leisen Flüstern wichtiger Geschäfte.

Im Vorzimmer des Vorstandsbüros empfing mich eine junge Frau mit einem unnatürlich perfekten Lächeln. «Frau Seidel, Herr von Stein erwartet Sie bereits.» Ihr Blick glitt abfällig über meine Kleidung, bevor sie mich wortlos in das Büro schickte.

Der Raum war riesig, dominiert von einer raumhohen Fensterfront, die einen atemberaubenden Blick auf den Hafen freigab. Am Ende des Raumes, hinter einem massiven Schreibtisch aus dunklem Holz, saß er. Torben von Stein. Er erhob sich langsam, seine Augen fixierten mich. Er war größer, als ich erwartet hatte, mit dunklem, zurückgekämmtem Haar und einem Kiefer, der Entschlossenheit ausstrahlte. Seine Augen waren eisblau, und als er mich musterte, fühlte ich mich wie ein Insekt unter einem Mikroskop.

«Frau Seidel», sagte er mit einer tiefen, rauen Stimme, die einen leichten, kaum wahrnehmbaren Hamburger Akzent hatte. «Ich bin Torben von Stein, der CEO dieser Firma.» Er machte eine kurze Pause. «Ich muss sagen, Ihre Anwesenheit hier ist… unerwartet.»

«Guten Tag, Herr von Stein», antwortete ich, bemüht, meine Nervosität zu verbergen. «Ich bin genauso überrascht wie Sie.»

Er umrundete den Schreibtisch, seine Bewegungen geschmeidig und kontrolliert. «Ihr Vater war… ein komplizierter Mann», sagte er, während er sich vor mir aufbaute. «Und seine Entscheidung, Ihnen die Firma zu hinterlassen, ist… nun, sagen wir, unkonventionell.»

«Ich verstehe», sagte ich. «Ich habe keine Ahnung von Schifffahrt.»

Ein kaum merkliches Lächeln huschte über seine Lippen. «Das ist offensichtlich. Und genau das ist das Problem.» Er beugte sich vor, sein Blick durchbohrte mich. «Diese Firma ist mein Leben, Frau Seidel. Ich habe sie mit aufgebaut, und ich werde nicht zulassen, dass jemand, der keine Ahnung hat, sie ruiniert.»

«Ich will sie nicht ruinieren», verteidigte ich mich. «Ich weiß nur nicht, was ich tun soll.»

«Das ist einfach», sagte er kühl. «Sie werden Ihre Anteile an mich verkaufen.»

«Und wenn ich das nicht will?», fragte ich, plötzlich trotzig.

Sein Lächeln verschwand. «Dann, meine liebe Frau Seidel, wird Ihr Leben sehr… unangenehm werden.» Er trat einen Schritt näher, so nah, dass ich seinen Duft wahrnehmen konnte: eine Mischung aus teurem Aftershave und einer subtilen Note von Zigarre. «Ich spiele nicht fair, wenn es darum geht, das zu bekommen, was ich will.»

Ich schluckte. «Drohen Sie mir gerade?»

«Ich gebe Ihnen nur einen Vorgeschmack auf die Realität», erwiderte er, seine Stimme sanft, aber bedrohlich. «In dieser Stadt herrschen andere Regeln, als in Ihrer kleinen Studentenwelt. Hier geht es um Macht, Einfluss und Geld. Und ich besitze alles davon.»

Ich versuchte, seinen Blick zu erwidern, aber seine Augen waren zu intensiv, zu dunkel. Ich fühlte mich wie ein Reh im Scheinwerferlicht.

«Ich brauche Bedenkzeit», sagte ich schließlich.

Er nickte langsam. «Nehmen Sie sich die Zeit, die Sie brauchen. Aber seien Sie gewarnt, Frau Seidel. Die Zeit läuft gegen Sie.» Er drehte sich um und ging zurück zu seinem Schreibtisch. «Meine Geduld ist begrenzt.»

Ich verließ das Büro, mein Herz raste. Die Worte von Torben von Stein hallten in meinem Kopf wider. Ich hatte keine Ahnung, in was ich mich da hineingeritten hatte. Ich war eine Kunststudentin, keine Erbin eines Reedereiimperiums. Und ich hatte das Gefühl, dass ich gerade einen Krieg begonnen hatte, den ich unmöglich gewinnen konnte.

Zurück in meiner WG versuchte ich, das Gespräch mit Torben von Stein zu verarbeiten. Meine Mitbewohnerin, Sophie, eine exzentrische Modedesignerin mit einem Faible für schrille Farben und noch schrillere Theorien, versuchte, mich aufzumuntern. «Klar, der ist ein Arsch, aber stell dir mal vor, was du mit dem Geld alles anstellen könntest!», rief sie, während sie mir einen überteuerten Cocktail aus einer ominösen Flasche einschenkte. «Du könntest ein Atelier in Paris eröffnen, die Welt bereisen, dir endlich mal vernünftige Schuhe kaufen!»

Ich lachte gequält. «Das ist ja alles schön und gut, aber ich habe keine Ahnung, wie man eine Reederei führt. Ich kann nicht mal mein eigenes Leben auf die Reihe kriegen.»

«Ach, Quatsch!», entgegnete Sophie. «Du bist smart, du bist kreativ, du kriegst das hin. Und wenn nicht, dann verkaufst du ihm halt die Anteile. Aber nicht, bevor du ihn ein bisschen zappeln lässt!»

Ich seufzte. Sophie hatte Recht. Ich musste einen Plan haben. Ich konnte nicht einfach klein beigeben und mein Erbe an diesen arroganten Milliardär verscherbeln. Aber was konnte ich tun? Ich hatte keine Ahnung von Schifffahrt, keine Erfahrung in der Geschäftswelt und keine Verbündeten. Ich war allein in dieser neuen, gefährlichen Welt.

In dieser Nacht konnte ich nicht schlafen. Ich wälzte mich im Bett hin und her, die Worte von Torben von Stein hallten in meinem Kopf wider. «Ich spiele nicht fair, wenn es darum geht, das zu bekommen, was ich will.» Was meinte er damit? Was würde er tun, um mich zum Verkauf meiner Anteile zu zwingen? Und warum hatte mein Vater mir das alles angetan? Warum hatte er mich, seine entfremdete Tochter, mit dieser riesigen Verantwortung belastet?

Am nächsten Morgen wachte ich mit einem Entschluss auf. Ich würde nicht aufgeben. Ich würde kämpfen. Ich würde herausfinden, was mein Vater gewollt hatte, und ich würde mich Torben von Stein nicht beugen. Ich würde lernen, wie man eine Reederei führt, und ich würde ihm zeigen, dass ich mehr war als nur eine ahnungslose Kunststudentin. Ich würde ihm zeigen, dass ich eine von Stein war.

Ich stand auf, zog mich an und ging in die Küche. Sophie saß bereits am Tisch und trank Kaffee. «Na, ausgeschlafen?», fragte sie grinsend. «Bereit, die Welt zu erobern?»

«Nicht ganz», antwortete ich. «Aber ich habe einen Plan.»

Ich erzählte Sophie von meiner Entscheidung, die Firma nicht zu verkaufen und stattdessen zu versuchen, sie selbst zu führen. Sophie war begeistert. «Das ist der Hammer!», rief sie. «Ich helfe dir! Wir machen das zusammen!»

«Danke», sagte ich. «Aber ich brauche mehr als nur deine Unterstützung. Ich brauche jemanden, der sich in der Schifffahrtsbranche auskennt. Jemanden, dem ich vertrauen kann.»

Sophie dachte kurz nach. «Ich kenne da jemanden», sagte sie schließlich. «Einen alten Freund meines Vaters. Er war früher Kapitän zur See und kennt die von Stein Shipping wie seine Westentasche. Er ist zwar ein bisschen… kauzig, aber er ist loyal und ehrlich.»

«Wie heißt er?», fragte ich.

«Klaus», antwortete Sophie. «Klaus Müller. Er lebt in einem kleinen Hausboot am Hafen.» Sie grinste. «Und er trinkt gerne Rum.»

Ich lächelte. Vielleicht hatte ich doch eine Chance. Vielleicht war Klaus Müller der Verbündete, den ich brauchte. Vielleicht konnte ich Torben von Stein doch besiegen.

Am nächsten Tag suchte ich Klaus Müller auf seinem Hausboot auf. Der Mann, der mir die Tür öffnete, entsprach so gar nicht meinem Bild eines ehemaligen Kapitäns zur See. Er war klein, untersetzt und trug eine speckige Kapitänsmütze, die viel zu groß für seinen Kopf war. Sein Gesicht war von der Sonne und dem Wind gegerbt, und seine Augen funkelten verschmitzt.

«Sie sind Franziska Seidel, nicht wahr?», sagte er mit einer rauen Stimme. «Die neue Erbin der von Stein Shipping.»

Ich nickte. «Ja, das bin ich.»

Er grinste. «Sophie hat mir von Ihnen erzählt. Kommen Sie rein, junge Frau. Wir müssen reden.»

Ich folgte ihm in das Innere des Hausbootes. Es war klein, aber gemütlich, mit einem knisternden Kamin und Regalen voller Bücher und Schiffsmodelle. Der Duft von Rum lag in der Luft.

«Setzen Sie sich», sagte Klaus und deutete auf einen alten Schaukelstuhl. «Erzählen Sie mir, was Sie hierherführt.»

Ich erzählte ihm von meinem Gespräch mit Torben von Stein und von meiner Entscheidung, die Firma nicht zu verkaufen. Klaus hörte aufmerksam zu, sein Blick unverwandt.

«Sie haben Mut», sagte er schließlich. «Torben von Stein ist ein harter Gegner. Er wird alles tun, um Sie aus dem Weg zu räumen.»

«Ich weiß», sagte ich. «Aber ich bin bereit zu kämpfen.»

Klaus lächelte. «Das gefällt mir. Ich werde Ihnen helfen.»

Ein Hoffnungsschimmer durchflutete mich. «Wirklich?», fragte ich.

«Ja», sagte Klaus. «Ich kenne die von Stein Shipping seit Jahrzehnten. Ich kenne die Stärken und Schwächen der Firma. Und ich kenne Torben von Stein.» Er machte eine kurze Pause. «Ich hasse ihn.»

Ich war überrascht. «Warum?», fragte ich.

Klaus seufzte. «Das ist eine lange Geschichte», sagte er. «Aber es reicht zu sagen, dass er mir Unrecht getan hat. Und ich werde ihm niemals verzeihen.»

«Also helfen Sie mir, um sich an ihm zu rächen?», fragte ich.

Klaus zögerte. «Ich helfe Ihnen, weil ich glaube, dass Sie das Richtige tun», sagte er schließlich. «Und weil ich glaube, dass Sie Torben von Stein besiegen können.»

Ich lächelte. «Dann lasst uns anfangen», sagte ich.

Klaus nickte. «Morgen früh beginnen wir mit der Arbeit. Ich werde Ihnen alles über die Schifffahrt beibringen, was Sie wissen müssen.»

Ich verließ das Hausboot mit einem Gefühl der Zuversicht. Ich hatte einen Verbündeten gefunden. Ich hatte einen Plan. Und ich war bereit, gegen Torben von Stein zu kämpfen. Aber was ich nicht wusste, war, dass ich mich damit in ein gefährliches Spiel begeben hatte. Ein Spiel, in dem es um mehr ging als nur um Geld und Macht. Ein Spiel, in dem es um Leben und Tod ging. Denn was ich nicht wusste, war, dass Torben von Stein nicht der Einzige war, der ein dunkles Geheimnis hütete. Auch Klaus Müller hatte eine dunkle Vergangenheit. Und diese Vergangenheit würde bald ans Licht kommen und alles verändern.

Als ich in meine WG zurückkam, lag ein Umschlag auf meinem Küchentisch. Keine Adresse, kein Absender. Nur mein Name, in eleganter Schrift geschrieben. Neugierig öffnete ich den Umschlag. Darin befand sich eine einzige, rote Rose. Und ein Zettel. Auf dem Zettel stand nur ein Wort:

*Aufgepasst*.